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Truman Capote – Summer Crossing

Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren und sicher das Südstaatenkind, das am wenigsten in die Südstaaten gehören wollte. Einer, der nicht dorthin passt, wo er herkommt – seine Familie pendelte zwischen Louisiana und Alabama, der mit 15 die Schule schmeißt, nach New York zieht, um an der Tür der High Society zu kratzen und um zu schreiben. Früh von Kritikern und Publikum bejubelt, schafft er es in den Kreis der Upperclass, schreibt 1958 erst „Breakfast At Tiffany’s“, 1965 dann den Tatsachenroman „In Cold Blood“ – und danach im Grunde nichts mehr. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbringt der alkohol- und drogenabhängige Capote v.a. in Entzugskliniken. Truman Capotes Leben ist eine story larger than life und er wusste damit zu spielen. Immer wieder, so erfährt man im Nachwort der englischen Ausgabe, habe er Freunden und Verlegern von Romankapiteln erzählt, die nahezu fertig waren – und von denen sich nach seinem Tod nicht eine Zeile finden ließ.

„Summer Crossing“ ist kein fertiges Werk, es ist nicht poliert worden. Capote hat sich zu Lebzeiten nicht dafür entschieden, es zu veröffentlichen. Wenn man noch nichts von Capote gelesen hat, sollte man nicht mit „Summer Crossing“ beginnen. Die Editionsgeschichte scheint die eigentliche Story von vornherein zu erdrücken, es ist schwierig, das Buch mit diesem Vorwissen noch naiv zu lesen. Wer sich für Literaturgeschichte oder das New York der 40er Jahre interessiert, nur zu, die Beschreibung der Stadt, die Szene am Broadway, gehört zu den ungeschliffenen Spitzen von „Summer Crossing“. Alle anderen haben bei Capote ein (möglichst) naives Lesevergnügen verdient und könnten z.B. mit „Breakfast At Tiffany’s“ beginnen. An die, die jetzt abwinken, weil sie den Film kennen: Die so zuckersüße wie gebrochene Holly Golightly hat nur sehr wenig mit Audrey Hepburn zu tun.

Nachdem die Editionsgeschichte der Story selbst also fast die Luft abgeschnürt hat, hier doch noch mal, worum es geht: Grady McNeil ist 17, Spross des New Yorker Geldadels, ein Kind der ungekrönten Könige Amerikas, die Truman kennenlernen, über die er zum Kreis der oberen Zehntausend Zugang bekommen wollte. Grady ist schön, jung, reich, verwöhnt und vor allem schrecklich gelangweilt. Von ihrer Klasse und ihrem Leben, von ihrem besten Freund Peter, von ihrer schmallippigen, mit Mitte zwanzig schon spießigen Schwester, von ihrer Mutter, deren Hände zucken, wenn sie spürt, die Kontrolle über ihre jüngere Tochter verloren zu haben. Ihre Mutter würde sie gern als Debütantin auf Bällen sehen, in grüner Seide aus Paris. Zu diesem Zweck soll Grady mit ihren Eltern sich auf die Schiffspassage nach Europa begeben, doch sie will lieber im drückend heißen New York bleiben. Why on earth?, rollen Mutter und Schwester (misstrauisch!) die Augen, der Vater setzt der Diskussion mit seiner Erlaubnis ein Ende. Grady bleibt allein im der riesigen Wohnung an der Upper East Side. Sie glaubt, der Familie längst entkommen zu sein, denn ihr ist etwas geschehen, was sie unverwundbar erscheinen lässt: Das Uptown-Girl hat sich in einen Backstreet Guy verliebt: in Clyde, einen jüdischen Parkplatzwächter aus Brooklyn.

Der Auftakt zu „Summer Crossing“ ist stark, die Frühstücksszene ist raffiniert gestrickt, innerhalb weniger Seiten lernen wir die gesamte Familie McNeil und Peter, ihre Charakterzüge und Beziehungen untereinander kennen. Man ahnt, das etwas in der Luft liegt, warum Grady so unbedingt in New York bleiben will und sich derart unbesiegbar fühlt. Allerdings wird das meiste, was in den vielversprechenden ersten Seiten angelegt ist, im Laufe der Erzählung nicht entwickelt: Das schlechte Verhältnis zur Mutter und Schwester spielt, obwohl es am Anfang so stark angelegt wird, während des ganzen Sommers keine Rolle mehr; die Tatsache, dass Grady einen Jungennamen, nämlich den ihres totgeborenen Bruders trägt, kommt außer in der Beschreibung ihrer androgynen Figur nicht mehr zum Tragen. Gradys anfängliche Begeisterung für Clyde, die sich später in ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Befremden wandelt, weil Clyde und Grady aus unterschiedlichen Universen kommen, so verschieden aufgewachsen sind, dass es sich als unmöglich herausstellen wird, die wenigen Kilometer zwischen dem Central Park und Brooklyn hinter sich zu lassen, das ist so gut beschrieben, dass man die Spaltung der Stadt fühlen kann. Die Beschreibung der nächtlichen Stadt ist berauschend, immer wieder gibt es verzückende Formulierungen, aber bei der Psychologie der Charaktere hakt es ein wenig: Warum brät die wilde Grady Clyde im Apartment auf einmal ein Frühstücksei? Weil sie eben doch erst 17 ist und keineswegs so unabhängig, wie die ersten Seiten uns glauben machen wollten? Welche Gefühle hegt Clyde denn nun? Und warum so ein abruptes Ende? Diese Fragen bleiben, aber man darf sie dem Buch nicht stellen. Denn „Sommerdiebe“ ist eben kein fertiges Werk, sondern eine literaturhistorische Sensation. Der erste Versuch eines riesigen Talents. Den ich lieber als Schatz in der Public Library, als gebunden und käuflich zu erwerben gesehen hätte.

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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part II

Willkommen zurück, heute geht es weiter mit Teil 2 der Trilogie gebrochener, gekitteter Herzen vor dem Valentinstag. Waren gestern die Bücher unter 200 Seiten dran, geht es heute weiter mit Büchern aus Südamerika und New York und vor allem mit Mädchen, die kaum zur Disney-Prinzessin taugen, sondern das Anarcho-Gen haben und nicht zu stoppen sind. Los geht’s:

Truman Capote: Breakfast At Tiffany’s, Penguin, 98 Seiten.

Natürlich. Jede und jeder kennt den Film. Und man könnte sagen: „Liebe twenty7, hier stimmt Deine Liste aber nicht, das ist doch schließlich ein Klassiker!“ Ich finde ihn aber so wunderschön verquer und noch schöner als den Film, dass das „Frühstück“ doch hier drauf gehört. Und, seid ehrlich: Alle haben den Film gesehen, Aber wer hat danach noch das Buch gelesen? Also verabschiedet Euch, auch wenn es schwer fällt, ganz kurz von Audreys Augenaufschlag und lernt Holly Golightly noch einmal neu kennen.

Die kleine Geschichte ist – weit mehr noch als der Film – voller liebenswürdiger, aber absolut verschrobener Charaktere. Außerdem bekommt man einen viel lebendigeren Eindruck davon, was das New York der späten Fünfzigerjahre für ein abgefahren verrückter Ort gewesen sein muss: voller Jazzbands und Barkeeper mit Armen wie Oktopusse, außerdem verdrogt, verdreckt und verflucht frei. Der Ton ist rotzig und kess, die Feten grandios und Holly ein Charakter für die Ewigkeit. Eine hoffnungslos romantische Kind-Frau mit exzellentem Halbwissen und Eliza-Doolittle-Zügen, der übel mitgespielt wurde. Sie versucht, aus Zitronen Limonade zu machen, ist scheinbar oberflächlich und sehnt sich doch nur nach Nähe. Ein Kind, das nach Wärme sucht und nach Juwelen Ausschau hält. Eine unvergessliche Heldin der anderen Love Story. Sie wird Euch bleiben, I promise!

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Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen, Suhrkamp, 396 Seiten.

Die Geschichte von Ricardo, dem Erzähler des Romans, und dem „bösen Mädchen“ beginnt im Sommer 1950 in Miraflores, einem bürgerlichen Viertel von Lima, der Hauptstadt Perus. Dort tauchen in dem Sommer in dem „der Mambo sie alle hinwegfegte“ zwei Mädchen auf, Lily und Lucie, die die wohlerzogenen peruanischen Jungen das Staunen lehren und ihnen den Kopf verdrehen. Besonders Lily, die wie ein Kreisel tanzt, wie eine Flamme, sich aufsehenerregend kleidet und schmutzige Witze erzählt, hat es den Jungen angetan und „wie ein Mondkalb“ verliebt sich der Erzähler in die 15-Jährige. Lily lässt sich seine Anträge gefallen, ansonsten vieles im Vagen: Ricardo weiß nichts über Lilys Eltern, nichts über ihr Alter und nichts darüber, ob auch sie ihn liebt. Und eines Tages sind die Schwestern plötzlich spurlos verschwunden. Aber Ricardo kann sich ihrer Faszination nicht entziehen, sie nicht vergessen und so wird „das böse Mädchen“ ihn ein ganzes Leben lang verfolgen.

Damit ist der Grundstein für die autobiografisch-fiktionale Geschichte von Vargas Llosa gelegt: „Das böse Mädchen“, geheimnisvoll, schlau und skrupellos, wird an unmöglichsten Stellen im Leben des Ich-Erzählers auftauchen und es jedes Mal wird sie es auf’s Neue schaffen, ihn zu faszinieren und aus seiner gewohnten Bahn zu werfen. Ricardo schlägt eine bürgerliche Karriere als Übersetzer für die UNESCO ein und wir begleiten ihn von den 1950ern bis in die 1980er Jahre. Er ist Chronist seiner Zeit und ihrer Strömungen, nie wirklich im Zentrum, aber nah genug dran, damit auch der Leser etwas an den kubanischen Revolutionären in Paris oder den Hippies in London begegnet. Doch Ricardo bliebe Durchschnittsmensch und Durchschnittserzähler, träte nicht immer wieder „das böse Mädchen“ in sein wohlgeordneten Leben. Die Stationen sind Paris, London, Madrid und Tokio, das „böse Mädchen“ ist Guerilla, Heiratsschwindlerin, Diplomatenehefrau und Drogenschmugglerin.

In ihrer Figur, in der sich Lolita und Felix Krull treffen, liegt der wesentliche Reiz des Buches. Ohne den treuen Liebenden Ricardo würde es nicht funktionieren, klar, aber das böse Mädchen bringt mit ihrem Lebensmotto „Um zu erreichen, was man will, ist jedes Mittel recht.“ den Pfeffer ins Buch und lässt peruanische Tanten die Hände über den Köpfen zusammenschlagen. Niemand ist vor ihr sicher, das „böse Mädchen“ hat scheinbar keine Moral und es macht auf diabolische Art Spaß, ihr beim Vollzug ihrer ruchlosen Pläne zu folgen. Natürlich, man leidet auch mit Ricardo, ballt die Fäuste vor Wut, wenn er wieder auf das Mädchen reingefallen ist und weiß doch ganz genau, dass er, der wirklich liebt, keine andere Chance hat, als ins Verderben zu rennen. Spannend ist bei allem auch die Frage, ob dieses Mädchen nun Opfer oder Täterin ist, und vor allem welche psychologischen Motive sie zu ihrem Handeln treiben. Ist ihr selbst Leid angetan worden…? Die Geschichte einer obsessiven Liebe mit einer Heldin, die jeden um den Finger wickelt, in tausend Verkleidungen schlüpft und nicht zu fassen ist.

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Ich hoffe, Holly und „das böse Mädchen“ begleiten Euch heute durch den Tag und machen den Montag wilder und bunter. Bis morgen!

 

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