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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part II

Willkommen zurück, heute geht es weiter mit Teil 2 der Trilogie gebrochener, gekitteter Herzen vor dem Valentinstag. Waren gestern die Bücher unter 200 Seiten dran, geht es heute weiter mit Büchern aus Südamerika und New York und vor allem mit Mädchen, die kaum zur Disney-Prinzessin taugen, sondern das Anarcho-Gen haben und nicht zu stoppen sind. Los geht’s:

Truman Capote: Breakfast At Tiffany’s, Penguin, 98 Seiten.

Natürlich. Jede und jeder kennt den Film. Und man könnte sagen: „Liebe twenty7, hier stimmt Deine Liste aber nicht, das ist doch schließlich ein Klassiker!“ Ich finde ihn aber so wunderschön verquer und noch schöner als den Film, dass das „Frühstück“ doch hier drauf gehört. Und, seid ehrlich: Alle haben den Film gesehen, Aber wer hat danach noch das Buch gelesen? Also verabschiedet Euch, auch wenn es schwer fällt, ganz kurz von Audreys Augenaufschlag und lernt Holly Golightly noch einmal neu kennen.

Die kleine Geschichte ist – weit mehr noch als der Film – voller liebenswürdiger, aber absolut verschrobener Charaktere. Außerdem bekommt man einen viel lebendigeren Eindruck davon, was das New York der späten Fünfzigerjahre für ein abgefahren verrückter Ort gewesen sein muss: voller Jazzbands und Barkeeper mit Armen wie Oktopusse, außerdem verdrogt, verdreckt und verflucht frei. Der Ton ist rotzig und kess, die Feten grandios und Holly ein Charakter für die Ewigkeit. Eine hoffnungslos romantische Kind-Frau mit exzellentem Halbwissen und Eliza-Doolittle-Zügen, der übel mitgespielt wurde. Sie versucht, aus Zitronen Limonade zu machen, ist scheinbar oberflächlich und sehnt sich doch nur nach Nähe. Ein Kind, das nach Wärme sucht und nach Juwelen Ausschau hält. Eine unvergessliche Heldin der anderen Love Story. Sie wird Euch bleiben, I promise!

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Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen, Suhrkamp, 396 Seiten.

Die Geschichte von Ricardo, dem Erzähler des Romans, und dem „bösen Mädchen“ beginnt im Sommer 1950 in Miraflores, einem bürgerlichen Viertel von Lima, der Hauptstadt Perus. Dort tauchen in dem Sommer in dem „der Mambo sie alle hinwegfegte“ zwei Mädchen auf, Lily und Lucie, die die wohlerzogenen peruanischen Jungen das Staunen lehren und ihnen den Kopf verdrehen. Besonders Lily, die wie ein Kreisel tanzt, wie eine Flamme, sich aufsehenerregend kleidet und schmutzige Witze erzählt, hat es den Jungen angetan und „wie ein Mondkalb“ verliebt sich der Erzähler in die 15-Jährige. Lily lässt sich seine Anträge gefallen, ansonsten vieles im Vagen: Ricardo weiß nichts über Lilys Eltern, nichts über ihr Alter und nichts darüber, ob auch sie ihn liebt. Und eines Tages sind die Schwestern plötzlich spurlos verschwunden. Aber Ricardo kann sich ihrer Faszination nicht entziehen, sie nicht vergessen und so wird „das böse Mädchen“ ihn ein ganzes Leben lang verfolgen.

Damit ist der Grundstein für die autobiografisch-fiktionale Geschichte von Vargas Llosa gelegt: „Das böse Mädchen“, geheimnisvoll, schlau und skrupellos, wird an unmöglichsten Stellen im Leben des Ich-Erzählers auftauchen und es jedes Mal wird sie es auf’s Neue schaffen, ihn zu faszinieren und aus seiner gewohnten Bahn zu werfen. Ricardo schlägt eine bürgerliche Karriere als Übersetzer für die UNESCO ein und wir begleiten ihn von den 1950ern bis in die 1980er Jahre. Er ist Chronist seiner Zeit und ihrer Strömungen, nie wirklich im Zentrum, aber nah genug dran, damit auch der Leser etwas an den kubanischen Revolutionären in Paris oder den Hippies in London begegnet. Doch Ricardo bliebe Durchschnittsmensch und Durchschnittserzähler, träte nicht immer wieder „das böse Mädchen“ in sein wohlgeordneten Leben. Die Stationen sind Paris, London, Madrid und Tokio, das „böse Mädchen“ ist Guerilla, Heiratsschwindlerin, Diplomatenehefrau und Drogenschmugglerin.

In ihrer Figur, in der sich Lolita und Felix Krull treffen, liegt der wesentliche Reiz des Buches. Ohne den treuen Liebenden Ricardo würde es nicht funktionieren, klar, aber das böse Mädchen bringt mit ihrem Lebensmotto „Um zu erreichen, was man will, ist jedes Mittel recht.“ den Pfeffer ins Buch und lässt peruanische Tanten die Hände über den Köpfen zusammenschlagen. Niemand ist vor ihr sicher, das „böse Mädchen“ hat scheinbar keine Moral und es macht auf diabolische Art Spaß, ihr beim Vollzug ihrer ruchlosen Pläne zu folgen. Natürlich, man leidet auch mit Ricardo, ballt die Fäuste vor Wut, wenn er wieder auf das Mädchen reingefallen ist und weiß doch ganz genau, dass er, der wirklich liebt, keine andere Chance hat, als ins Verderben zu rennen. Spannend ist bei allem auch die Frage, ob dieses Mädchen nun Opfer oder Täterin ist, und vor allem welche psychologischen Motive sie zu ihrem Handeln treiben. Ist ihr selbst Leid angetan worden…? Die Geschichte einer obsessiven Liebe mit einer Heldin, die jeden um den Finger wickelt, in tausend Verkleidungen schlüpft und nicht zu fassen ist.

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Ich hoffe, Holly und „das böse Mädchen“ begleiten Euch heute durch den Tag und machen den Montag wilder und bunter. Bis morgen!

 

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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part I

Was man von Valentinstag halten soll? Ich weiß es nicht. Tinnef, sagen die einen. Eine Erfindung von Fleurop und Feodora. Und wenn man gerade niemanden hat, den man Herzallerliebste oder –liebsten nennt und darauf an jeder Straßenecke hingewiesen zu werden scheint, kann Valentinstag eine unangenehme Angelegenheit sein. Ich weiß, wovon ich spreche. In meiner Schule wurden am 14.2. anonyme Rosen versendet. Oberstufenschüler überbrachten sie und Wetten liefen, wer wohl von wem eine Rose geschickt bekommen würde. Viele Leute in der Klasse gingen leer aus. Auch ich. Allerdings bekam ich einmal, ich war vielleicht 16, einen Kaktus geschenkt. Seitdem kann ich diese Stachelwesen ganz gut leiden.

Wenn man gerade mit jemandem in den siebenten Himmel hineintanzt, kann der Tag – ich sag’s zwischen zusammengekniffenen Lippen – ganz schön sein. Noch eine Gelegenheit mehr, sich Gedanken zu machen, worüber der andere sich wohl freuen könnte und dann schönsten Unsinn zu schenken. Ein Mixtape. Den ausgedruckten SMS-Verlauf vom letzten Jahr. Selbstgemachte Pralinen, die zu einer Art Mega-Rumkugel zusammengebacken sind und zu stark nach Bayley’s schmecken. Oder Berliner Currynüsse und Kinokarten. Oder einen Kuchen. Bei der Gelegenheit könnte man Oma anrufen und fragen, wie ihrer eigentlich geht.

Egal, ob ihr am 14.2. Rosen, Kakteen oder pure Ignoranz erwartet, Liebe ist sicher ’n bisschen mehr als Valentinstag. Sie ist bekanntlich eines von zwei Themen der Literatur und einfach nicht totzukriegen. Liebe in der Literatur ist mehr als die rosafarbene Valentinstags-Liebe: Sie kann wunderschön sein, aber vergänglich, sie kann bitter enden oder unerwidert bleiben. Sie kann brennen und erlöschen, manisch sein oder metaphysisch, erotisch oder platonisch, verrannt, verkracht, vertrackt, unmöglich, illegal, obszön oder gefährlich.

Den Valentinstag habe ich zwar zum Anlass genommen, aber meine Lieblingsbücher, in denen es um Liebe geht, sind weder rosa noch aus Zucker. Klassiker hab’ ich weggelassen, die kennt ihr aus’m Deutschkurs oder von der ZEIT-Liste der 100 Bücher. Ich habe meine liebsten Liebesgeschichten für ganz unterschiedliche Situationen, Lebensalter und Lesertypen rausgesucht. Alle Bücher sind 10 von 10 Sterne-Empfehlungen, darunter mach ich’s heute nicht. In Teil 1 habe ich nur Werke unter 200 Seiten herausgesucht (oder ein schnell zu lesendes Jugendbuch mit 300…), mit guten Plots und präziser Sprache. Die ersten drei seht ihr nach dem Sprung…

Los geht’s.

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1. Mats Wahl: Winterbucht, Beltz & Gelberg, 304 Seiten.

John-John und Fighter sind gerade 18, sie klauen, knacken Autos und träumen von einem Leben auf der anderen Seite der Winterbucht, wo die Häuser der Reichen stehen und schöne Mädchen wohnen. Doch als John-John an der Schauspielschule angenommen wird und Fighter keine Lehrstelle bekommt, werden sich die beiden fremd. Und dann gibt es noch Elisabeth, die wohlstandvernachlässigte Verführerische, die mit John-John die Schauspielschule besucht…

Auch wenn die Protagonisten noch Teenager und die Gefühle in ihrer Intensität sicher adoleszent sind: Hier werden Fragen gestellt, die wehtun. Fighter wird Neonazi, John-John lügt, Elisabeth manipuliert. Keiner der so angelegten Konflikte ist eindeutig, kein Charakter eindimensional, nichts huldigt der Twilight-Enthaltsamkeit. Mats Wahls Geschichte ist schwedischer Realismus pur. Es geht um pubertäre Sehnsüchte, um Lust, Gewalt, Hass, Freundschaft und eben – Liebe.

Sprachlich besticht das Buch durch glasklare, knappe, im besten Sinne skandinavische Sprache. Mats Wahl ist ein scharfer Beobachter alltägliche Verhaltensweisen, der seine Leser lehrt, zwischen den Zeilen zu lesen und hinter die Masken zu blicken, die die Figuren sich aufgesetzt haben. Die fesselnden Dialoge sind lebensnah und geben mehr von den Sprechern preis, als direkte Beschreibung es könnte.

Geeignet für: Jugendliche ab 14 und alle, die noch einmal Lust auf die Atemlosigkeit dieser Jahre haben und schnell in eine vielschichte Erzählung eintauchen wollen, ohne ein halbes Jahr für die Lektüre zu brauchen.

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2. Siegfried Lenz: Schweigeminute, Hoffmann und Campe, 128 Seiten.

Lenz’ „Schweigeminute“ ist eine feine, wohltemperierte Novelle und melancholische Liebesgeschichte. Sie konzentriert sich ganz auf die Beziehung zwischen Stella, der Englischlehrerin und Christian, ihrem Schüler, die sich in einer Kleinstadt an der Ostsee vor vielen Jahren ereignet hat.

Hinter jedem Satz dieser stark verdichteten, zügig erzählten Novelle schimmert Lenz’ Lebenserfahrung, seine Menschenkenntnis und sein großes Einfühlungsvermögen in seine Protagonisten. Es ist wunderbar dabei zu sein, wie aus zufälligen Begegnungen, Bemerkungen und Berührungen eine zarte und für Christian wahrscheinlich erste Liebe wächst, die ihm heilig ist und doch nicht sein soll.

Lenz deutet nur an, hält sich zurück und traut seinem Leser zu, diese Leerstellen ausfüllen zu können. Aus dem kleinen Band weht dem Leser eine frische, salzige Brise entgegen, meisterhaft hat Lenz die Wetter- und Lichtverhältnisse der See darin eingefangen, ebenso wie die Atmosphäre von vergangenem Englischunterricht mit „Animal Farm“ und grüner Tafel.

Geeignet für: Leser, die sachlich-leise Töne mehr als die große Geste schätzen, dennoch Salz auf den Lippen schmecken wollen und nichts gegen verhalten-nostalgische Melancholie haben

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3. Markus Werner: Am Hang, S. Fischer, 190 Seiten.

Wir sind in der Schweiz. Ein junger Rechtsanwalt, Single, smart, Lebemann (genannt Clarin) fährt übers Wochenende nach Agra, um in der Ruhe des Tessins einen erbrechtlichen Aufsatz zu verfassen. Zum Abendessen begibt sich in ein Restaurant. Doch auf der Hotelterrasse sind alle Tische belegt. Schließlich spricht er einen untersetzten 50-Jährigen (namens Loos) an, ob er sich setzen dürfe. Die beiden kommen ins Gespräch. Loos ist Altphilologe, nachdenklich, schwermütig, der sich noch über ständiges Handypiepsen (als Zeichen einer aus den Fugen geratenen Welt) erregen kann. Clarin ist fasziniert von seinem andersartigen Gegenüber.

Aus dieser denkbar simplen Konstellation und über den Zeitraum eines Juni-Wochenendes entwickelt Markus Werner eine Art kriminalistisches Kammerspiel, in dem Loos und Clarin, die diametral entgegengesetzte Ansichten von Moral und Liebe haben, ihre Positionen verhandeln, neugierig auf die Sicht des anderen sind und immer tiefer in das Leben und die Gedanken des Gegenüber eindringen, bis sich schließlich eine Spannung aufgebaut hat, die sich, wie ein Sommergewitter, langsam zusammenzieht und in einem Knall entladen wird.

Das waren drei meiner liebsten Liebesgeschichten, morgen gibt’s die nächsten drei. Was fehlt Eurer Meinung nach noch? Was ist eine richtig gute, nicht klassische Liebesgeschichte? Ich freu mich auf Eure Vorschläge in den Kommentaren, in einem eignen Post oder auf Instagram! Bis morgen!

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