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Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage

Wenn endlich alles in Ordnung ist, wenn Du Dein Studium abgeschlossen hast und jetzt einen Job hast, einen Mann geheiratet hast, eine vernünftige Wohnung und zwei süße kleine Kinder hast, denen Du hübsche Namen gegeben hast und sie Du mit Bio-Äpfeln fütterst, dann könnte es sein, dass Du statt eines Lebens ein Gefängnis eingerichtet hast. Dass Du hasst.

Stuttgart, Westen, Constantinstraße. „Braungelbe Sandsteinhäuser wölben ihre verzierten Fassaden nach vorn wie frische Brote und Kuchen.“ Ein Akademikerbezirk im Schwabenländle. Das ist die Welt von Judith, X und Luise. Drei Frauen, um die Anna Katharina Hahn ihren Roman von 2009 wie eine scharf beobachtende Drohne kreisen lässt.

Zum einen haben wir Judith, die eigentlich Jutta heißt, ihren Durchschnittsnamen aber gern etwas Exotik verleihen wollte. Judith lebt den Ökö-Traum: Zwei Söhne mit rosigen Wangen und stämmigen Beinchen, Uli und Kilian, einen Mann (Klaus, nett, Professor für Maschinenbau) im Unibetrieb beschäftigt. Zusätzlich geben Rudolph Steiners strenge Regeln auf pastellfarbenem Papier und der Jahreszeitentisch Rhythmus und Sicherheit. Arbeiten geht Judith nicht, der enttechnisierte Haushalt, die Abendsuppe und ihre Kinder sind Aufgabe genug und damit kann sie sich auch von den anderen bösen Gedanken ablenken, die immer mal wieder kommen: von den dunklen Uni-Jahren im Stuttgarter Osten, Panikattacken vor Kunstgeschichte-Referaten, den Drogen, der zermürbenden Affäre mit Sören aus Tübingen, der nicht abgeschlossenen Examensarbeit über Otto Dix. Wenn die Gedanken zu schlimm werden, raucht Judith heimlich oder nimmt eben eine Beruhigungstablette.

In der Wohnung gegenüber, auch auf die Constantinstraße, wohnt Leonie, 5 Jahre jünger, auch verheiratet, zwei süße Mädchen, Karrierefrau. Ihrem Mann Simon, aus dem Hohenlohischen („Schwabenbronx“), musste sie erst die Sozialcodes beibringen, jetzt arbeitet Simon verbissen bis spät abends, um die viel zu große 8-Zimmer-Wohnung im Stuttgarter Speck bezahlen zu können. Damit hat er Leonie, die auf hohen Schuhen und in die Bank stöckelt, quasi zur Alleinerziehenden gemacht. Abends plagt sie beim Blick in die Idylle von Judiths Wohnzimmer das schlechte Gewissen.

Suhrkamp-Verlag: “Muster­mütter und Karrie­­refra­­uen, Euryth­­mie und Hyster­­ie, Allein­­erzie­­hende­­ und Proble­­mkind­­er, Wohlst­­and und Verwahrlosu­­ng.”

Und dann gibt es da noch Luise Posselt. Gemeinsam mit ihrem Mann Wenzel (er Flüchtling, sie Schwäbin, Ehe geschlossen um 1945) lebt sie im Erdgeschoss unter Judith. Ihres körperlichen und geistigen Verfalls ist Luise sich bewusst. Sie weiß, dass Judith sich vor ihr ekelt, ihre Kinder am liebsten nicht bei ihr spielen lassen will. Dennoch ist Luise in dem Buch die einzige, die weiß, wie das geht: leben. Nicht: Leben inszenieren.

Bürgerliche Karrieresucht, Überbietungskampf, selbsterzeugter Druck, das sind die Themen des Romans. Es geht um Optimierungswahn, hier in seiner weiblichen Spielart, um mühsam gebastelte und mühsam unterhaltene Identitäten von Frauen in einer Zeit, in der sich alle Selbstverständlichkeiten aufgelöst haben. Es geht um das enge Weltbild, an dessen Ränder sich scheinheilig tolerante Akademiker schnell stoßen, wenn eine alte Frau Bonbons mit „Industriezucker“ (wo sollte er auch sonst herkommen) zusteckt und das Wegschauen und Weghören, das es braucht, um eine Idylle aufrechtzuerhalten. Dabei urteilt Hahn nicht über ihre Figuren, auch wenn sie eine Haltung zu ihnen hat und beißende Ironie. Die größte Stärke des Buches ist die in Sprache gegossene Beobachtungsgabe für „die feinen Unterschiede“.

Ich empfehle das Buch allen, die sich an einem kritisch-genauen Blick auf ein kleines Stück Erdoberfläche erfreuen können. Es passt zur ganzen twenty7thirtytwo-Suche nach Identität ganz wunderbar. Es beschreibt das Dilemma junger, gut ausgebildete Frauen, die nicht mehr wissen, wie das geht: einfach leben. Unglücklich mit der eigenen Lebenswirklichkeit, überfordert von den eigenen Ansprüchen, neidisch auf die, die es (scheinbar) besser hinkriegen und arrogant gegenüber denen, die nicht so viel hinterfragen (konnten), aber trotzdem glücklicher leben. Quintessenz des Hahn’schen Romans: Wer sein Leben inszeniert, lebt nicht.

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