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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part III

Na? Seid ihr zurück oder neu dabei? In jedem Fall herzlich willkommen zum etwas anderen literarischen Valentinsspezial. Ganz gleich, ob und wie ihr heute morgen beschenkt oder nicht beschenkt wurdet, schnurz, ob Euch Valentinstag herzlich (ha!) egal ist: Heute gibt es den dritten Teil meiner liebsten Bücher über Liebe. Allen, denen der Valentinstag zu rosafarben ist, verspreche ich: heute wird es deep. So deep wie die Liebe eben. Und genauso kompliziert, verwirrend, schmerzhaft oder schwebend leicht wie sie.

Ingeborg Bachmann/Paul Celan: Herzzeit. Briefwechsel, Suhrkamp, 399 Seite. 

In diesem Briefwechsel begegnen sich zwei, die einmal absolute Schwergewichte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur werden sollen. Alles beginnt 1948: Auf der einen Seite haben wir Ingeborg Bachmann, diese ganz junge Dichterin (gerade 21 Jahre alt) aus Wien und den schon etwas älteren Paul Celan. Beide schreiben, doch die familiären Wurzeln könnten verschiedener nicht sein: Ingeborg Bachmann ist die Tochter eines österreichischen Nazis, Paul Celan ein staatenloser Jude, dessen Eltern in einem Konzentrationslager ermordet wurden und der ein rumänisches Arbeitslager überstanden hat.

Wir steigen ein in die Literaturszene der Nachkriegszeit und die Frage, ob und wie man nach Auschwitz noch ein Gedicht schreiben kann. Wir blicken in die Seelen zweier völlig unterschiedlicher Künstler. Es geht um Fragen zu Vergangenheit und Schuld, die gerade Bachmann stark bewegen und beanspruchen. Und darüber hinaus geht es vor allem um die Geschichte einer schwierigen Liebe. Manchmal wirkt es so, als würden hier zwei Seelenverwandte schreiben, oft aber scheinen sie auch einander zu bekriegen, bewusst zu demütigen. Das ist nicht nur phasenweise, sondern fast durch die gesamte Korrespondenz hindurch quälend zu lesen, wenn zwei, deren Leben doch das Schreiben ist, um jedes Wort ringen müssen, sich verletzen oder anschweigen. Der Abgrund, an dem diese Liebe scheitert, ist die damals jüngste Vergangenheit. Wer auch etwas für die schmerzvolle und die verzweifelte Liebe übrig hat, sollte es unbedingt mit diesem Briefwechsel versuchen.

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Hans Werner Kettenbach: Sterbetage, Diogenes, 244 Seiten.

Die Konstellation „alter Mann liebt junges Mädchen“ ist nicht neu, vielleicht erscheint sie Euch abgedroschen, vielleicht wollt ihr nichts mehr von Lolita lesen, doch glaubt mir: „Sterbetage“ von 1986 ist eines der schönsten zu unrecht unbekannten Bücher, die es da draußen gibt. Die Liebe zwischen Herrn Kamp und Claudia ist wie keine zweite.

Heinz Kamp ist 60, verwitwet, arbeitslos und erwartet nichts mehr vom Leben. Still lebt er in seiner kleinen Wabe in einem westdeutschen Hochhaus mit 150 anderen Parteien zusammen. Nachts, wenn er nicht schlafen kann, geht Kamp allein spazieren. Auch in einer eisigen Januarnacht ist er unterwegs und begegnet Claudia, Studentin, viel zu dünn angezogen, die die letzte Straßenbahn verpasst hat. Kamp bietet ihr an – zögernd, weil er ihr keine Angst machen will – bei ihm auf die erste Bahn am Morgen zu warten. Und zu Kamps Überraschung wird Claudia nach diesem ersten Besuch immer und immer wieder zu Kamp zurückkehren. Weil sie ihn – liebt? Kamp kann nicht verstehen, was dieses junge Mädchen dazu bringt, sich immer wieder bei ihm zu melden. Er sucht nach rationalen Gründen und findet keine. Zudem taucht Claudia immer wieder für Wochen ab, um dann erneut vor seiner Tür zu stehen. Argwöhnisch geworden beginnt er, versponnene Theorien zu entwickeln: Claudia wolle ihn ausrauben, ihre mögliche Rauschgiftsucht finanzieren. Er traut er ihr alles zu und kann nicht begreifen, dass Claudia nichts dergleichen im Sinn hat, vielleicht, weil Kamp schon zu lange allein und illusionslos gelebt, zu lange nicht geliebt hat. Aus dieser Konstellation entsteht eine ungewöhnliche Beziehung, die nicht billig ist, aber auch nicht rein platonisch bleibt und vor allem von den gemeinsamen Gesprächen lebt.

Mir hat besonders gefallen, wie gut die nüchterne Sprache den grauen Frührentner Kamp trifft, wie vorsichtig erzählt wird und wie bescheiden die beiden Hauptcharaktere sind. Außerdem ist es erquickend, in eine andere, nämlich die analoge Welt der 1980er Jahre, einzutauchen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was vor 30 Jahren zum Lebensstandard gehörte – und was nicht. Was als unverschämt empfunden wurde, wie Alltag aussah, was man unter einem gelungenen Leben verstand. Das ist nicht Thema des Buches, doch 30 Jahre später scheint sich so viel verschoben zu haben, dass es mir beim Lesen auffiel. Nie hat das Buch die große Geste nötig, auch sprachlich ist einfach und zurückhaltend. Alles ist spröde und dennoch zart. „Sterbetage“ ist ein Kleinod über das Verrinnen der Zeit, menschliches Misstrauen und Lebensmüdigkeit und die Kraft, dieses Dunkel zu vertreiben.

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Und zu guter Letzt habe ich noch einen Tipp, den ich mir selbst noch nicht zugelegt, aber bei Dussmann angeschaut habe: “Schreiben Sie mir, oder ich sterbe” heißt der Titel eines  Coffee-Table-Buchs aus dem Piper-Verlag, und der Titel ist Programm: Hier schreiben sich prominente Liebende. Remarque schreibt an Marlene Dietrich und fragt, ob sie “unterwärts” auch warm angezogen sei, Oscar Wilde schreibt und auch Stieg Larsson, Paula Modersohn-Becker, Napoleon und Winston Churchill. Was zum Blättern und staunen, wer wen geliebt hat…

Das war’s von mir, jetzt genießt den Tag!

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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part II

Willkommen zurück, heute geht es weiter mit Teil 2 der Trilogie gebrochener, gekitteter Herzen vor dem Valentinstag. Waren gestern die Bücher unter 200 Seiten dran, geht es heute weiter mit Büchern aus Südamerika und New York und vor allem mit Mädchen, die kaum zur Disney-Prinzessin taugen, sondern das Anarcho-Gen haben und nicht zu stoppen sind. Los geht’s:

Truman Capote: Breakfast At Tiffany’s, Penguin, 98 Seiten.

Natürlich. Jede und jeder kennt den Film. Und man könnte sagen: „Liebe twenty7, hier stimmt Deine Liste aber nicht, das ist doch schließlich ein Klassiker!“ Ich finde ihn aber so wunderschön verquer und noch schöner als den Film, dass das „Frühstück“ doch hier drauf gehört. Und, seid ehrlich: Alle haben den Film gesehen, Aber wer hat danach noch das Buch gelesen? Also verabschiedet Euch, auch wenn es schwer fällt, ganz kurz von Audreys Augenaufschlag und lernt Holly Golightly noch einmal neu kennen.

Die kleine Geschichte ist – weit mehr noch als der Film – voller liebenswürdiger, aber absolut verschrobener Charaktere. Außerdem bekommt man einen viel lebendigeren Eindruck davon, was das New York der späten Fünfzigerjahre für ein abgefahren verrückter Ort gewesen sein muss: voller Jazzbands und Barkeeper mit Armen wie Oktopusse, außerdem verdrogt, verdreckt und verflucht frei. Der Ton ist rotzig und kess, die Feten grandios und Holly ein Charakter für die Ewigkeit. Eine hoffnungslos romantische Kind-Frau mit exzellentem Halbwissen und Eliza-Doolittle-Zügen, der übel mitgespielt wurde. Sie versucht, aus Zitronen Limonade zu machen, ist scheinbar oberflächlich und sehnt sich doch nur nach Nähe. Ein Kind, das nach Wärme sucht und nach Juwelen Ausschau hält. Eine unvergessliche Heldin der anderen Love Story. Sie wird Euch bleiben, I promise!

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Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen, Suhrkamp, 396 Seiten.

Die Geschichte von Ricardo, dem Erzähler des Romans, und dem „bösen Mädchen“ beginnt im Sommer 1950 in Miraflores, einem bürgerlichen Viertel von Lima, der Hauptstadt Perus. Dort tauchen in dem Sommer in dem „der Mambo sie alle hinwegfegte“ zwei Mädchen auf, Lily und Lucie, die die wohlerzogenen peruanischen Jungen das Staunen lehren und ihnen den Kopf verdrehen. Besonders Lily, die wie ein Kreisel tanzt, wie eine Flamme, sich aufsehenerregend kleidet und schmutzige Witze erzählt, hat es den Jungen angetan und „wie ein Mondkalb“ verliebt sich der Erzähler in die 15-Jährige. Lily lässt sich seine Anträge gefallen, ansonsten vieles im Vagen: Ricardo weiß nichts über Lilys Eltern, nichts über ihr Alter und nichts darüber, ob auch sie ihn liebt. Und eines Tages sind die Schwestern plötzlich spurlos verschwunden. Aber Ricardo kann sich ihrer Faszination nicht entziehen, sie nicht vergessen und so wird „das böse Mädchen“ ihn ein ganzes Leben lang verfolgen.

Damit ist der Grundstein für die autobiografisch-fiktionale Geschichte von Vargas Llosa gelegt: „Das böse Mädchen“, geheimnisvoll, schlau und skrupellos, wird an unmöglichsten Stellen im Leben des Ich-Erzählers auftauchen und es jedes Mal wird sie es auf’s Neue schaffen, ihn zu faszinieren und aus seiner gewohnten Bahn zu werfen. Ricardo schlägt eine bürgerliche Karriere als Übersetzer für die UNESCO ein und wir begleiten ihn von den 1950ern bis in die 1980er Jahre. Er ist Chronist seiner Zeit und ihrer Strömungen, nie wirklich im Zentrum, aber nah genug dran, damit auch der Leser etwas an den kubanischen Revolutionären in Paris oder den Hippies in London begegnet. Doch Ricardo bliebe Durchschnittsmensch und Durchschnittserzähler, träte nicht immer wieder „das böse Mädchen“ in sein wohlgeordneten Leben. Die Stationen sind Paris, London, Madrid und Tokio, das „böse Mädchen“ ist Guerilla, Heiratsschwindlerin, Diplomatenehefrau und Drogenschmugglerin.

In ihrer Figur, in der sich Lolita und Felix Krull treffen, liegt der wesentliche Reiz des Buches. Ohne den treuen Liebenden Ricardo würde es nicht funktionieren, klar, aber das böse Mädchen bringt mit ihrem Lebensmotto „Um zu erreichen, was man will, ist jedes Mittel recht.“ den Pfeffer ins Buch und lässt peruanische Tanten die Hände über den Köpfen zusammenschlagen. Niemand ist vor ihr sicher, das „böse Mädchen“ hat scheinbar keine Moral und es macht auf diabolische Art Spaß, ihr beim Vollzug ihrer ruchlosen Pläne zu folgen. Natürlich, man leidet auch mit Ricardo, ballt die Fäuste vor Wut, wenn er wieder auf das Mädchen reingefallen ist und weiß doch ganz genau, dass er, der wirklich liebt, keine andere Chance hat, als ins Verderben zu rennen. Spannend ist bei allem auch die Frage, ob dieses Mädchen nun Opfer oder Täterin ist, und vor allem welche psychologischen Motive sie zu ihrem Handeln treiben. Ist ihr selbst Leid angetan worden…? Die Geschichte einer obsessiven Liebe mit einer Heldin, die jeden um den Finger wickelt, in tausend Verkleidungen schlüpft und nicht zu fassen ist.

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Ich hoffe, Holly und „das böse Mädchen“ begleiten Euch heute durch den Tag und machen den Montag wilder und bunter. Bis morgen!

 

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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part I

Was man von Valentinstag halten soll? Ich weiß es nicht. Tinnef, sagen die einen. Eine Erfindung von Fleurop und Feodora. Und wenn man gerade niemanden hat, den man Herzallerliebste oder –liebsten nennt und darauf an jeder Straßenecke hingewiesen zu werden scheint, kann Valentinstag eine unangenehme Angelegenheit sein. Ich weiß, wovon ich spreche. In meiner Schule wurden am 14.2. anonyme Rosen versendet. Oberstufenschüler überbrachten sie und Wetten liefen, wer wohl von wem eine Rose geschickt bekommen würde. Viele Leute in der Klasse gingen leer aus. Auch ich. Allerdings bekam ich einmal, ich war vielleicht 16, einen Kaktus geschenkt. Seitdem kann ich diese Stachelwesen ganz gut leiden.

Wenn man gerade mit jemandem in den siebenten Himmel hineintanzt, kann der Tag – ich sag’s zwischen zusammengekniffenen Lippen – ganz schön sein. Noch eine Gelegenheit mehr, sich Gedanken zu machen, worüber der andere sich wohl freuen könnte und dann schönsten Unsinn zu schenken. Ein Mixtape. Den ausgedruckten SMS-Verlauf vom letzten Jahr. Selbstgemachte Pralinen, die zu einer Art Mega-Rumkugel zusammengebacken sind und zu stark nach Bayley’s schmecken. Oder Berliner Currynüsse und Kinokarten. Oder einen Kuchen. Bei der Gelegenheit könnte man Oma anrufen und fragen, wie ihrer eigentlich geht.

Egal, ob ihr am 14.2. Rosen, Kakteen oder pure Ignoranz erwartet, Liebe ist sicher ’n bisschen mehr als Valentinstag. Sie ist bekanntlich eines von zwei Themen der Literatur und einfach nicht totzukriegen. Liebe in der Literatur ist mehr als die rosafarbene Valentinstags-Liebe: Sie kann wunderschön sein, aber vergänglich, sie kann bitter enden oder unerwidert bleiben. Sie kann brennen und erlöschen, manisch sein oder metaphysisch, erotisch oder platonisch, verrannt, verkracht, vertrackt, unmöglich, illegal, obszön oder gefährlich.

Den Valentinstag habe ich zwar zum Anlass genommen, aber meine Lieblingsbücher, in denen es um Liebe geht, sind weder rosa noch aus Zucker. Klassiker hab’ ich weggelassen, die kennt ihr aus’m Deutschkurs oder von der ZEIT-Liste der 100 Bücher. Ich habe meine liebsten Liebesgeschichten für ganz unterschiedliche Situationen, Lebensalter und Lesertypen rausgesucht. Alle Bücher sind 10 von 10 Sterne-Empfehlungen, darunter mach ich’s heute nicht. In Teil 1 habe ich nur Werke unter 200 Seiten herausgesucht (oder ein schnell zu lesendes Jugendbuch mit 300…), mit guten Plots und präziser Sprache. Die ersten drei seht ihr nach dem Sprung…

Los geht’s.

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1. Mats Wahl: Winterbucht, Beltz & Gelberg, 304 Seiten.

John-John und Fighter sind gerade 18, sie klauen, knacken Autos und träumen von einem Leben auf der anderen Seite der Winterbucht, wo die Häuser der Reichen stehen und schöne Mädchen wohnen. Doch als John-John an der Schauspielschule angenommen wird und Fighter keine Lehrstelle bekommt, werden sich die beiden fremd. Und dann gibt es noch Elisabeth, die wohlstandvernachlässigte Verführerische, die mit John-John die Schauspielschule besucht…

Auch wenn die Protagonisten noch Teenager und die Gefühle in ihrer Intensität sicher adoleszent sind: Hier werden Fragen gestellt, die wehtun. Fighter wird Neonazi, John-John lügt, Elisabeth manipuliert. Keiner der so angelegten Konflikte ist eindeutig, kein Charakter eindimensional, nichts huldigt der Twilight-Enthaltsamkeit. Mats Wahls Geschichte ist schwedischer Realismus pur. Es geht um pubertäre Sehnsüchte, um Lust, Gewalt, Hass, Freundschaft und eben – Liebe.

Sprachlich besticht das Buch durch glasklare, knappe, im besten Sinne skandinavische Sprache. Mats Wahl ist ein scharfer Beobachter alltägliche Verhaltensweisen, der seine Leser lehrt, zwischen den Zeilen zu lesen und hinter die Masken zu blicken, die die Figuren sich aufgesetzt haben. Die fesselnden Dialoge sind lebensnah und geben mehr von den Sprechern preis, als direkte Beschreibung es könnte.

Geeignet für: Jugendliche ab 14 und alle, die noch einmal Lust auf die Atemlosigkeit dieser Jahre haben und schnell in eine vielschichte Erzählung eintauchen wollen, ohne ein halbes Jahr für die Lektüre zu brauchen.

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2. Siegfried Lenz: Schweigeminute, Hoffmann und Campe, 128 Seiten.

Lenz’ „Schweigeminute“ ist eine feine, wohltemperierte Novelle und melancholische Liebesgeschichte. Sie konzentriert sich ganz auf die Beziehung zwischen Stella, der Englischlehrerin und Christian, ihrem Schüler, die sich in einer Kleinstadt an der Ostsee vor vielen Jahren ereignet hat.

Hinter jedem Satz dieser stark verdichteten, zügig erzählten Novelle schimmert Lenz’ Lebenserfahrung, seine Menschenkenntnis und sein großes Einfühlungsvermögen in seine Protagonisten. Es ist wunderbar dabei zu sein, wie aus zufälligen Begegnungen, Bemerkungen und Berührungen eine zarte und für Christian wahrscheinlich erste Liebe wächst, die ihm heilig ist und doch nicht sein soll.

Lenz deutet nur an, hält sich zurück und traut seinem Leser zu, diese Leerstellen ausfüllen zu können. Aus dem kleinen Band weht dem Leser eine frische, salzige Brise entgegen, meisterhaft hat Lenz die Wetter- und Lichtverhältnisse der See darin eingefangen, ebenso wie die Atmosphäre von vergangenem Englischunterricht mit „Animal Farm“ und grüner Tafel.

Geeignet für: Leser, die sachlich-leise Töne mehr als die große Geste schätzen, dennoch Salz auf den Lippen schmecken wollen und nichts gegen verhalten-nostalgische Melancholie haben

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3. Markus Werner: Am Hang, S. Fischer, 190 Seiten.

Wir sind in der Schweiz. Ein junger Rechtsanwalt, Single, smart, Lebemann (genannt Clarin) fährt übers Wochenende nach Agra, um in der Ruhe des Tessins einen erbrechtlichen Aufsatz zu verfassen. Zum Abendessen begibt sich in ein Restaurant. Doch auf der Hotelterrasse sind alle Tische belegt. Schließlich spricht er einen untersetzten 50-Jährigen (namens Loos) an, ob er sich setzen dürfe. Die beiden kommen ins Gespräch. Loos ist Altphilologe, nachdenklich, schwermütig, der sich noch über ständiges Handypiepsen (als Zeichen einer aus den Fugen geratenen Welt) erregen kann. Clarin ist fasziniert von seinem andersartigen Gegenüber.

Aus dieser denkbar simplen Konstellation und über den Zeitraum eines Juni-Wochenendes entwickelt Markus Werner eine Art kriminalistisches Kammerspiel, in dem Loos und Clarin, die diametral entgegengesetzte Ansichten von Moral und Liebe haben, ihre Positionen verhandeln, neugierig auf die Sicht des anderen sind und immer tiefer in das Leben und die Gedanken des Gegenüber eindringen, bis sich schließlich eine Spannung aufgebaut hat, die sich, wie ein Sommergewitter, langsam zusammenzieht und in einem Knall entladen wird.

Das waren drei meiner liebsten Liebesgeschichten, morgen gibt’s die nächsten drei. Was fehlt Eurer Meinung nach noch? Was ist eine richtig gute, nicht klassische Liebesgeschichte? Ich freu mich auf Eure Vorschläge in den Kommentaren, in einem eignen Post oder auf Instagram! Bis morgen!

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Cinema in January

I know, I’m a little late and February has already begun (reminding me wherever I go that Valentine’s Day is coming up…), but as all these films are still in the theatres, I’ll let you know what I watched, liked and thought of in January anyway.

After having indulged in movies and cinema in December (Christmas with loads of time the relaxing feeling to be allowed to just let yourself go), the start of 2017 was, cinematically speaking, a bit thin. In almost four weeks of January, I had been to the cinema only once. Having realized the unspeakable, I took the last week in January by the full and went to the cinema – twice. Ha! The two films were very almost on the two ends of mainstream cinema, and both of them I liked. One I’ll probably buy on Blu-Ray when it comes out. And the other one was what you all expect it to be, but you can only be sure after the jump…

  1. LA LA LAND
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©2016 Summit Entertainment.

Of course, it was LA LA LAND, the musical everybody has been talking about lately. First, I was a bit put off by the cheesy trailer, but then LA LA LAND got nominated for 14 Oscars and I have to admit that this made me curios. So here we go:

Mia (Emma Stone) is a struggling actress, hurrying from one humiliating audition to another, in between serving coffee in a shop that lies, ironically, across the street from Warner Studios. Sebastian (Ryan Gosling) is a jazz pianist who has just failed to make his dream – opening a pure Jazz club in a historic site – come true. He makes end meet by playing cliché background music in snobbish restaurants. Mia and Seb (as Sebastian is sometimes called) keep bumping into each other and after several scenes of wonderfully disliking each other, they fall in love. All this happens in a swirl of singing, dancing and acting and for a while, Mia and Seb float on pure happiness: they have each and other and their dreams.

From there on (*SPOILERS*), the film explores one of its (in my opinion) main topics: Believing. In Love, in each other, and in oneself. With fresh courage drawn from Sebastian’s love support, Mia starts believing in herself again and begins to write her own one-woman-stage-play. Sebastian however pack’s up his dream and goes on tour with a popular, but in his terms, sell-out Jazz band. The question why he decides to do so, is (at least for me) an interesting one. Is it triggered by Mia talking to her mother on the phone? Does he doubt Mia really believes in him? Or does he, the man, feel obliged to protect and provide for her?

By then the film, has reached its next big issue: love and ambition, true calling and real compromise, success and loss. At first glance, you could think that (just like in “Whiplash”, but way more subtle) director Damien Chazelle tells us that having a career might come with a price. But other than in Whiplash, LA LA LAND is not as simple as that. Here, it is not “love OR success“, but rather the fact that betraying yourself can lead to losing the ones you love. As soon as Seb lets his dream slip away, his relationship with Mia suffers. Spending too much time on tour is not the point, but Mia loved Seb because he believed in Jazz (Mia: “People love what other people are passionate about“). And is now betraying it and himself.

These big topics are handled in a bubblegum Hollywoodish way that is highly entertaining and self-ironic, making it possible to simply watch „LA LA LAND“ as a musical or watch a capital-M-musical making good-natured fun of musicals.

: gaudy, energetic, wilfully retro capital-M-musical with just the right amount of self-irony

Recommendation: 6.5/10.

2. Nocturnal Animals

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©2016 Fade To Black Production.

It took Tom Ford eight years to make his second film and if you ask me, he surpassed himself (and “A Single Man”) with “Nocturnal Animals” – gripping story, perfect, symbolic looks. A movie crafted by a perfectionist who thought through every detail of camera and screenplay before he started. And he even delivered the best line to describe all this in 2009: “Style always has to serve substance.” I have nothing more to say, but “Bravo.” But what do you think? Too much fashion? Too much middle-class tristesse? Or even obscene?

For those who have no idea who Tom Ford is and what “Nocturnal Animals” is about, I’d recommend not to watch the rather hysterical trailer, but read this short review by Peter Bradshaw.

∑:  a perfectionist’s masterpiece, beautiful and disturbing film, glossy to dusty noir pictures, tremendously unsettling acting

Recommendation: 9/10.

3. Die Blumen von gestern

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©2016 Four Minutes Film Productions.

“Die Blumen von gestern” ist ein deutsche Komödie (!) von Regisseur Chris Kraus, dem ich wahrscheinlich ewig dankbar für „4 Minuten” und „Poll” sein werde, zwei ganz wunderbare Filme. Das kann ich von “Die Blumen von gestern” nicht behaupten. Die Geschichte ist wie folgt: Holocaust-Forscher Toto (Lars Eidinger) steckt in einer tiefen Lebenskrise: Der Auschwitz-Kongress, den er seit Jahren mühselig vorbeireitet hat, wird an seinen größten Historiker-Konkurrenzen „Balthi“ (Jan Josef Liefers) übertragen, seine Ehe geht, auch weil Toto Potenzprobleme hat, komplett den Bach runter und dann wird ihm auch noch die französische Praktikantin Zazie (Adèle Haenel) aufs Auge gedrückt, deren Großmutter von den Nazis ermordet wurde, Totos Forschung bewundert und eine Affäre mit „Balthi“ unterhält.

Klingt ziemlich schräg und das soll es auch sein. Aber leider trifft der Film oft genug nicht die richtigen der schrägen Töne. Er gibt sich größte Mühe, in 120 Minuten quasi alle dicken Brocken zu behandeln: NS-belastete Familiengeschichte und Schuldgefühle, „vererbte“ Traumata, deutsche Erinnerungskultur und ihr Misslingen (Erstarren in Routinen), ein akademische Betrieb, in dem hinter scheinbarer Betroffenheit Karriere gemacht wird, Konzerne mit NS-Vergangenheit, die Häppchen auf dem Kongress sponsern etc. pp. Keine Dimension wird ausgelassen und damit übernimmt sich der Regisseur. Einiges ist sehr gut gelungen, wie z.B. der ätzend genaue Blick auf das Riesen-Ego mit Riesen-Komplexen der meist männlichen Wissenschaftler, die von der Angst besessen sind, mit Ende 40 in ihrem Ludwigsburger Institut versauert zu sein und darum auch Holocaust-Überlebende zu öffentlichen Vorträgen nötigen. Und einiges missling völlig, wird manchmal peinlich, wie z.B. die Tatsache, dass Totos Potenzprobleme von Zazie, der Enkelin eines Opfers mir nichts Dir nichts behoben werden, Zazie aber ansonsten blass bleibt und außer Ausrasten in diesem Film nicht viel darf. Ein Film mit Höhen und Tiefen, der keinesfalls verkrustet Erinnerungsmuster aufbricht, sondern den man sich getrost sparen kann.

: eher peinlicher Versuch, das Thema Holocaust neu anzugehen und nicht gelingt

Recommendation: 4/10.

Home cinema has been a little thin as well. Lately, I haven’t been watching enough of the good stuff that is out there. We should definitely change that it February. Instead of lousy TV shows or getting lost on the internet, I should rather opt for a good movie. There were days when I celebrated movies by getting dressed up like the characters or at least picking a suitable drink for each film. Well, but be patient with me: February is coming up. My picks in January were…

1. A Single Man

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©2008 Fade To Black Productions.

As a preparation for „Nocturnal Animals“, Science and me watched „A Single Man“, one of Science’s favourite movies. I have to say, that I was really impressed by Tom Ford’s visual language and, as in “Nocturnal Animals”, his handling of symbols. E.g., Science and me wondered what the owl that flies by the window in the end stands for. My very sophisticated reaction was, that it’s an allusion to Hegel’s owl of Minerva, the greek Goddess of wisdom, which “spreads its wings only with the falling of the dusk.” That means, improperly simplified, people only understand history when events already have happened. Only in the end (*SPOILERS*), the professor realizes, what makes life worth living, which isn’t tragic, but just the way it is. Have you found other examples of symbols etc.? I’d be interested to know what you’ve found.

So, all in all: Don’t expect a faithful depiction of a homosexual professor’s life in the Sixties, but rather an outstanding performance of a man’s loss and grief in achingly beautiful pictures.

Recommendation: 8/10.

2. Wait Until Dark

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©1967 Warner Bros.

A Thriller from 1967 with Audrey Hepburn, who plays a recently blinded wife who got married only a short time ago and is gradually terrorised by a gang of criminals, who talk her into thinking that her newly wed husband is not what she thinks he is.

Even though it turns 50 this year, the film is gripping till the last minute. The story is plotted very cleverly. I loved the film’s use of simple means of creating tension and the flat’s atmosphere of being in a studio theatre. I read in a review “The best Hitchcock Hitchcock never made” and a fully agree to that.

Recommendation: 8.5/10.

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Reading in January

Der Januar war ein satter Lesemonat für mich: der Berliner Winter ist lang und grau, auf 10.000 Schritte am Tag komme ich nur, weil ich mir Mühe gebe, nicht, weil es mich wirklich hinauszieht. Manchmal ist der Himmel klar, doch nach einem Vitamin-D-Spaziergang an der die kalten Luft kommt man umso glücklicher zurück ins behaglich warme Zimmer – um die klammen Schuhe auszuziehen und zu lesen. Außerdem war ich diesen Monat noch ganz erfüllt von meinen Neujahrsvorsätzen, die u.a. lauteten: nicht bloß mehr, sondern vor allem intensiver zu lesen. Was mir im Januar in die Hände gefallen ist, seht ihr nach dem Sprung:

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1. Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche, KiWi, Köln 2010, 318 Seiten.

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Seit ich 2008 “Scherbenpark” gelesen hatte, fand ich Alina Bronsky eine Wucht: Eine Frau, die knallhart, saukomisch und intelligent schrieb, die musste ich mir merken.

Mit dem Merken klappte es gut, denn acht Jahre später erinnerte ich mich an Frau Bronsky (die anders heißt), als ich in der Buchhandlung über ihre Novelle “Baba Dunjas letzte Liebe” stolperte und sie in einem Nachmittag durchlas. Danach versprach ich mir, Frau Bronsky die Treue zu halten und besorgte ihr zweites Buch, das 2010 erschienen war: „Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche.” Es enthält die bekannte Bronsky-Mischung: Härte + Liebe + Familie + Russland.

Story: Großmutter Rosalinda, Tartarin und tyrannische Ich-Erzählerin des Romans, kann es nicht fassen: Ihre Tochter Sulfia kommt im Jahr 1978 schwanger nach Hause. Dabei hätte Rosalinda schwören können, kein vernünftiger Mann würde sich Sulfia nähern, schließlich ist sie klein, ungeschminkt und trägt flache Schuhe. Rosalinda, Chef der Familie, leiert einen Abtreibungsversuch an, der zur Hälfte misslingt. Nur ein Fötus wird mit der Stricknadel erwischt, Sulfia aber ist mit Zwillingen schwanger. Und so kommt, wenig später, ein Mädchen zur Welt: Aminat, zu der Rosalinda in tragisch-komischer Liebe entbrennt.

Wir begleiten dann diesen drei-Generationen-Haushalt auf dem Weg in das, was Rosalinda als „das bessere Leben“ vorschwebt. Egal ob im trostlosen Sowjetplattenbau, bei der gewieften Suche nach einer guten Partie für Krankenschwester Sulfia unter ihren (teils noch komatösen) Patienten, bis hin zur erpressten Einladung ins gelobte Land BRD: Rosalinda setzte alles daran, damit Aminat eine schöne, attraktiv gekleidete und natürlich bestens verheiratete Ärtzin wird. Das ist schließlich Rosalindas Lebenstraum. Und den will sie durchsetzen. Für Aminat.

Wir ahnen es: Wenn Bronsky eine tartarische Großmutter das Leben aller Familienmitglieder in ihrem Umfeld dominieren lässt, kann das nicht gut gehen. Nach wenigen Seiten weiß ich nicht mehr, ob man bei Rosalindas Aktionen lachen oder heulen soll. Bis es immer noch ein bisschen schlimmer kommt. Aber Bronsky wäre nicht Bronsky, wenn sie diesen Wahnsinn nicht ausreizen würde.

Besonders liebe ich an dem Buch, wie brachial und klug mit Klischees über Russen, Tartaren, Deutsche, Juden, Frauen und Männer gespielt wird und dass eine Figur mit so selten beschriebenen Eigenschaften wie List, Tücke, Borniertheit und grandioser Selbstüberschätzung im Zentrum der Erzählung steht. Die Autorin lässt Rosalinda sich als ätzend selbstverliebt entlarven, verrät aber ihre Figur nicht, sondern bleibt im Bild der gewitzten Tartarin mit Überlebensinstinkt (und koste es eine Seele) die weiß, dass die Welt betrogen werden will. Wie schließlich alles den Bach runtergeht ist grotesk, widerlich und sagenhaft komisch.

Leseort: Wirklich überall, von S-Bahn bis Nummer-am-Bildschirm-Überprüfen beim Bürgeramt, denn der Wiedereinstieg gelingt mit dem ersten Satz.
: Die Geschichte einer tyrannisch-größenwahnsinnigen Großmutter, mit ätzendem genauem Blick auf die „kleinste Terrorzelle Familie“.
ungeeignet für: Menschen, die Großmütter lieber backend sehen und Klischées ganz schlimm finden.
Leseempfehlung 1-10: 7,5

2. Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914, dtv 2011.

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Das ist ein Buch für „Geschichtsinteressierte”, die eher halbe als ganze Nerds sind und darum nicht nur etwas lernen, sondern auch einen flüssig geschriebenen Text lesen wollen. Blom entfaltet ein Epochen-Panorama der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, in dem man von allem ein bisschen erfährt: von Politik und Malerei, Militär und Sex, von Naturwissen-schaftlern und Literaten, Drogen und Spießern, von Völkermord im Kongo und Kaufhausarchitektur. Blom will die Atemlosigkeit einer zerrissenen Epoche zeigen, und das gelingt ihm gut: Als Leser kann man sich dem Strudel aus Namen, Orten, Ideen und Thesen nicht entziehen, wird mitgerissen und taucht nach über 450 Seiten leicht benommen wieder auf. Das Ganze ist süffig und anregend-assoziativ erzählt. Reizvoll ist Bloms Versuch, Parallelen zwischen der von ihm beschriebenen Zeitspanne und dem Heute zu ziehen. Stichworte sind Informationszeitalter, Beschleunigung, offene Zukunft und (männliche) Verunsicherung. Damit muss man nicht übereinstimmen, es liest sich aber gut.

Leseort: S-Bahn bis Sessel, denn zwar leichter Wiedereinstieg, da Themen schnell wechseln, aber fakten-, zahlen- und namenslastig.
: Rasant geschriebenes Panoptikum einer Episode, über die man tendenziell zu wenig weiß, die aber (wenn man Blom folgt) einiges erhellen kann. Interessante Thesen zu Parallelen mit unserer Gegenwart.
ungeeignet für: Hard-Core-Historiker mit Abneigung gegen steile Thesen und (un)-historische Vergleiche.
Leseempfehlung 1-10: 7,5

3. Meg Jay: The Defining Decade. Why your Twenties Matter And How To Make The Most Of Them Now, 201 pages.

Two years ago, I was browsing YouTube and came across Meg Jay’s TED-talk “Why 30 Is Not The New 20”, which has been clicked over 7.5 Million times since it first appeared in 2013. Meg Jay is a clinical psychologist specializing on young adults between 20 and 29.

Hopefully, I’m not hurting anybody’s feelings, but I may say that compared to other TED-talks by US citizens, I found Jay’s talk surprisingly object-, not audience oriented. She seemed level-headed, just like a matter-of fact-scientist, even though she was very clear about her message: “Your twenties matter. Claim your adulthood.You’re deciding your life right now.”

For several reasons, I was sceptical right away: self-help is a genre, I do not really favour. In fact, I often feel embarrassed by how shallow, badly written and cliché-ridden those books are. Moreover, I disliked the title. “The most of it”, was did that even mean? If it was meant economically, I was sure to bail out of it right away. On the other hand, I knew more than one twentysomething who was worried, axious, or even afraid of the future. The media depicts a generation which is almost unable to decide: for a job, a city, a partner. I wanted to know more about those years, so I decided on reading it.

Having read through the 200 pages in only a week, I know more about twentysomethings, and I’ve discarded most of my prejudices about the book. Yes, it is not a scientific report, but Jay didn’t claim she’d written one. Yes, it has a sensational title and from time to time an alarmist tone, and yes, it also talks about careers and financial independence. But Jay’s concerns sound honest to me and she advocates her position passionately: The decade between twenty and thirty, she says, has been trivialized and considered a period which does not count. It’s true that statistically “work happens later, marriage happens later, kids happen later, even death happens later.” But that does not mean, the twenties are “a developmental downtime”, but rather “a developmental sweetspot”.

Jay’s book is divided into three sections, work, love and brain&body. Jay uses a series of prototypical cases from her own work as a clinical psychologist. The book is stuffed with interesting facts and numbers that are all connected to Jay’s message: “Do not let it slide.” Her book is a call to action, to claim one’s adulthood and one’s future. Whether you agree with Jay or not: This book is certainly able to spark questions (e.g.: Is it fair to use your “weak ties” to get interviewed for a job that would statistically not be advertised?) and for that reason alone, it is worth reading.

Reading Location: public transport – armchair
: Encouraging call to claim one’s adulthood and not let the years pass by.
Unsuitable for: financially independent, self-confident twentysomethings with mortgage and marriage who are fully sure of their identity.
Recommendation 1-10: depending on your level of twentysomething insecurity 5,5 to 9.

4. Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders, KiWi, Köln 2003, 159 Seiten.

timm

Uwe Timm, den man als Autor von „Die Entdeckung der Currywurst” und „68er-Autor“ kennen könnte, begibt sich in diesem Buch auf die Suche nach seinem älteren Bruder, der sich 1943 freiwillig zur Waffen-SS meldete und im gleichen Jahr in einem Lazarett in der Ukraine starb. Timm fragt sich, was der Bruder für einen Charakter hatte, was ihn veranlasst hat, sich zur SS zu melden und beleuchtet dabei auch seine und die Reaktionen seiner Eltern nach dem Krieg. Es ist ein kurzes Büchlein, das Fragen aufwirft. Zu einem sehr ähnlichen Thema hat ein anderes Buch mich gedanklich allerdings sehr viel mehr beschäftigt. Zudem fand ich es noch differenzierter, radikaler und genauer beschrieben: „Im Frühling sterben” von Ralf Rothmann, auf den ich bei seinem nächsten Buch bestimmt zurückkommen werde.

Leseort: in Ruhe zu Hause
: persönlicher Bericht
ungeeignet für: stark Harmoniebedürftige
Leseempfehlung 1-10: 4

5. Virginie Garnier & Caspar Miskin: 80 erstaunliche vegetarische Rezepte, 2016.

koch

Last, but not least, gibt’s noch – ja, ich weiß – ein Kochbuch. Ich habe mir (wie wahrscheinlich kaum jemand) neben meinem Lese-Vorsatz noch andere Vorsätze gefasst, einer von ihnen lautet: besser kochen zu lernen. Ich habe 2016 einiges dazugelernt, brauchte aber mehr Ideen, die in eine bestimmte Richtung gingen. Ich wollte mit buntem Gemüse beladene Teller zaubern, die ich auch im Deli „Hope” in Schöneberg serviert bekommen könnte. Bei „Hope” gibt es fesches, vegetarisches “Superfood”, das froh und satt macht. Seitdem ich dort letzten Herbst zum ersten Mal eine Schüssel voll mit Quinoa, saisonalem Gemüse, Tahini und Ei gegessen hatte, war ich auf der Suche nach einem Kochbuch, das ähnlich gesunde Rezepte in ähnlich ansprechender Aufmachung enthielt. Ich musste etwas suchen, doch dann lief mir, zack, 2 Wochen vor Weihnachten „80 erstaunliche vegetarische Rezepte” über den Weg.

Kurz die Fakten zum Kochbuch, falls der Titel im Gelaber untergegangen ist: Es enthält 80 Rezepte und alle 80 sind vegetarisch oder vegan. Sie sind unterteilt in die Kategorien „Power Food” (Vollkornsattmacher), „Leichte Gerichte” (Gemüse, Marsch, Marsch!), „Soul Food” (die „Gebratene Birnen und Ziegenkäse“ versteht sich von selbst, oder?), „Extraportion Protein” (Obacht, Vegetarier!) und „Saucen und Snacks”. So findet man schnell das Rezept zum aktuellen Appetit. Alle Rezepte sind außerdem mit Hinweisen versehen, in welchen Monaten die frischen Zutaten Saison haben, damit man an einen Anhaltspunkt hat, was sich anbietet, jetzt gekocht zu werden.

Die Beschreibungen sind einfach, selten brauchen die Autoren mehr als 5 Zeilen um ein Rezept zu erläutern. Die Anweisungen sind meist simpel: andünsten, köcheln lassen, braten, das kann jeder durchschnittlich Kochbegabte. Etwas schwieriger ist Dämpfen (was man auch oft soll), dazu braucht man einen Dämpfeinsatz. Die Zutaten sind immer auch frisch und teils schon etwas ausgefallen: schwarzer Rettich, frische rote Beete, Granatapfelkerne – im Aldi bekommt man nicht alles, ein größerer Edeka sollte es schon sein. Der Modefaktor ist hoch, aber wo „Superfood“ draufsteht, ist halt auch nicht Bolognese drin.

Überzeugend ist aber vor allem die wunderschöne Aufmachung: Jedes Gericht bekommt eine Doppelseite, links Zutaten und Zubereitung, rechts fertig angerichteter Teller. Das alles versehen mit wunderbar cleanen Fotos, zarter schwarzer Schrift, und Mengenangaben für 2 Personen. Allerdings sollten diese nicht so hungrig wie Science und ich sein, sonst macht lieber etwas mehr. Macht sofort Lust, zum Kaufmann zu flitzen und loszukochen. Lässt das Hope-Gefühl aufkommen, Neujahrvorsätze, mindesten bis in den Mai durchzuhalten.

Leseort: Die Küche.
: Ansprechend gestaltetes Mode-Kochbuch mit nicht zu abgefahrenen Zutaten.
ungeeignet für: Lieferhelden-Helden und TKP-Liebhaber.
Empfehlung 1-10: 6

 

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