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Talking About My Generation? Simon Strauss: Sieben Nächte

„Sieben Nächte“, das Buch, von dem vor drei Wochen alle geredet haben. Drei Wochen sind lang, im Internetzeitalter erscheinen sie mir so lang, dass ein Blog-Post über ein derart altes Buch schon fast nicht mehr geschrieben werden müsste.

Im Fall von „Sieben Nächten“ will ich’s mir aber dennoch von der Seele schreiben, denn: Ich habe mich wahnsinnig über das Buch geärgert. Vielleicht habe ich mich auch nur über die euphorischen Stimmen in der Presse und auf Instagram geärgert – und ganz eigentlich über mich selbst.

Gerade Florian Illies’ Besprechung in der ZEIT hat mich verärgert. Illies ist, so schaut es jedenfalls aus, einem klugen Jungen meiner Generation, Simon Strauss, Jahrgang 1988, auf den Leim gegangen. Oder, doch das wollen wir ihm nicht unterstellen, er hat ihn nicht ernsthaft rezensiert, weil er den blutjungen, promovierten, festangestellten Theaterkritiker der FAZ nicht in die Pfanne hauen wollte. „[W]armblütig, ein Manifest, schnell zu lesen, schwer zu vergessen“ nennt Florian Illies „Sieben Nächte“ in der ZEIT und vermutet, den ersten „sichtbaren Identitätsnachweis seiner [Strauss’] Generation“ vor sich zu haben. Hochromantisch sei das Buch und die Romantik sei doch ein herrlicher Notausgang aus der ewigen Selbstbespiegelung, die als Generationenmerkmal festgemacht wird. Illies fragt sich weiter, ob bei so viel Bildungstiefe genügend Leser mit an Bord wären, um die Visionen des Ich-Erzählers Wirklichkeit werden zu lassen. Ob Strauss’ naiv ist oder aber wir, lässt Illies offen.

Simon Strauss hat in einem Interview dem Leser Anlass zu der Annahme gegeben, dass seine Schilderungen in „Sieben Nächte“ authentisch sind, dass er das Experiment selbst durchgeführt hat. Aber es bleibt bei Andeutungen. Strauss deckt, entgegen seiner Forderung zur neuen Wahrhaftigkeit, nicht auf, was Wahrheit ist und was Fiktion. Was will Simon Strauss – und will er das, was der Ich-Erzähler in „sieben Nächte“ will? Das wären die entscheidenden Ausgangsfragen einer guten Rezension gewesen. Dem Tagesspiegel zum Beispiel gelingt es, diesen Punkt aufzugreifen.

Wenn man sich Strauss’ Äußerungen im Interview und seinen 2014 in der FAS erschienenen Artikel „Ich sehne mich nach Streit“ vor Augen führt, muss man annehmen, dass Strauss und S. sich ähnlich sind. Wenn Strauss den Roman so angelegt hat, dass das Kennzeichnende dieser Generation ihre Mattheit ist, wenn er sie so lahm und zahnlos sieht und beschreiben wollte, dass sie Tod(!)sünden(!) nur unter der Anleitung eines „richtigen Erwachsenen“ begehen kann, der Begriff der Sünde also ad absurdum geführt wird (Stichwort: „Ich nehme mir vor, spontaner zu sein.“), dann ist das Buch in der Anlage zumindest schlau und in der Ausführung konsequenterweise ziemlich matt. Dann wäre es aber kein Manifest für eine neue Ernsthaftigkeit, denn ein Manifest verträgt die ironische Brechung nicht. Wenn Strauss das alles nicht angelegt hat, dann ist das Buch einfach nur schwer zu ertragen.

Simon Strauss ist klug genug, seine Generationenbeschreibung nur für einen winzigen Generationenausschnitt (Tendenz: Akademiker, Großstädter, Hedonist) anzulegen. Aber wie winzig muss das Sichtfeld derer sein, die den Roman zum „Generationenbuch“ hochstilisieren? Wer die beschriebenen Jahrgänge als aufgewachsen in einer Glücksblase, auf dem Platz „dicht an der Heizung“ (S.13) sieht, äußert seine pure Ignoranz gegenüber denen, die an der Armutsgrenze leben mussten, über einen Prozentsatz an psychischen Krankheiten, den es (Kriegstraumata ausgenommen) selten vorher so gab, über die Undurchlässigkeit des Bildungssystems, gegenüber Migranten, die neu anfangen müssen und/oder jungen Hochqualifizierten, die mit Mitte 30 in Zeitverträgen stecken und von Strauss’ als beengt dargestelltem Leben im Reihenhaus mit Kindern noch meilenweit entfernt sind – weil sie keine Sicherheiten haben, die sie verdrießen könnten.

Die unangenehmste Vorstellung wäre aber, wenn Strauss sein Buch doch als Pamphlet für „mehr Emotion“ gemeint hätte – und zwar als Pamphlet für die wenigen, die den Platz an der Heizung tatsächlich hatten. Mehr Ausrufezeichen wünscht S. sich und mehr Emotion. Angewendet auf das politische Feld bedeutet das: hin zum Populismus. Diese wenigen toben in S.’ Vorstellung randalierend durch die Fußgängerzone, randalieren und fühlen sich endlich lebendig und überlegen, wenn sie über die „radelnden Jungväter“ (S.27) lachen und den Obdachlosen den Becher wegtreten können. Geradezu gruselig würde es werden, wenn diese Emotionen sich dann so bahnbrechen würden: „Wenn ich einmal an der Macht bin, werde ich Plätze bauen, auf denen Menschen stehen und miteinander reden. (…) Orte, die offen bleiben, beweglich, in Angriffsposition.“ Die von einer Elite verordnete Freiheit als Garant einer offenen Gesellschaft. Wenn das die Revolution ist, dann gute Nacht, Demokratie. S.’ Wut richtet sich im Roman gegen die Schwachen: gegen das mineralwassertrinkende „nach-18-Uhr-keine-Kohlehydrate“-Mädchen und den Super-Daddy, den radelnden, „arglosen Barbaren”. Damit knöpft S. sich die vor, die schon hundertmal abgewatscht wurden. Nur dort, wo er keine Gegenwehr fürchten muss, traut er sich, auszuteilen. Dabei gäbe es andere, schwierigere, weil mächtigere Gegner zuhauf.

Schwer erträglich, bei einer Generation abgeheftet zu werden, die sich über Latte-Macchiato-Mütter heftiger ereifern kann als über die Entscheidungen, die in nationaler und internationaler Politik, Wirtschaft, Justiz, der Universität etc. etc. jeden Tag getroffen werden. Ich werd’ mir nicht mehr erklären lassen, wie meine Generation tickt. Und ich werd’s mir auch nicht mehr erklären lassen wollen. Ich mach’ einfach selbst was. Und dann soll die Nachwelt entscheiden, wer wir gewesen sind.

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Sarah Kuttner: Mängelexemplar, revisited

„Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner fand den Weg zu mir auf eine absurde Weise. Ich habe bei zvab nach einem ganz anderen Buch gesucht, von dem ich eine möglichst günstige Ausgabe haben wollte und deswegen „Mängelexemplar“ in die Suchzeile zum Titel geschrieben habe. Dann zwei Mal auf irgendwas geklickt, es in die Wunschliste gepackt, vergessen, irgendwann wieder aufgerufen und gekauft. Zwei Tage später hatte ich ein Buch, dass ich nicht gewollt, aber bestellt hatte.

Ich kannte Sarah Kuttner. Nicht von Viva, nicht von MTV, sondern von „Zwei bei Kuttner“. Die fixeste war ich bei solchen Sachen nie, ich lese ja auch einen Bestseller von 2009 im Jahr 2017. Na, jedenfalls war „Zwei bei Kuttner“ eine ordentliche Sendung, gern gesehen das. Ich wusste auch ungefähr, worum es in „Mängelexemplar“ ging: anstrengende Frau Ende zwanzig fällt nach Trennung und Jobverlust in ein tiefes Loch, das sich als Depression entpuppt. Gehandelt als Generationenroman. Hätte mir für meine Generation auch was Schöneres vorgestellt, mag solche Kollektivbeschreibungen überhaupt nicht und halte diese dennoch nicht für unrealistisch. Konnte man für 2,37 € getrost behalten, fand ich.

Jetzt, über das lange 1.-Mai-Wochenende, hatte ich Zeit und las „Mängelexemplar“ so im Vorbeigehen, zwischen S-Bahnhof, Fahrradtour und Kirschkuchenpause, irgendwo im Kreis Dahme-Spreewald, Brandenburg. Nach zwei Tagen war ich fertig.

Zum Inhalt: Karo Herrmann ist 26 und lebt schnell und flexibel irgendwo in einer deutschen Großstadt. Wahrscheinlich Berlin. Sie arbeitet in der Kreativbranche, weiß, dass das ein windiges Business sein kann und als modisch verschrien ist. Ist seit zwei Jahren mit Phillip zusammen, weiß, dass die beiden sich nicht lieben. Dann wird Karo der Job gekündigt, sie trennt sich von Philipp – und plötzlich ist da diese unheimlich schwere Pferdedecke, die sich auf Karo legt und ihr die Luft raubt. Depression. Wir begleiten Karo die nächsten 200 Seiten: mit zur Therapie bei Anette, mit zum besten, vergebenen Freund Nelson, mit zu Karos Mutter, die Karo liebt, aber selbst ein Leben voller Probleme hatte.

Karo ist Großstadtmädchenvertreterin: witzig, kreativ, immer einen kessen Herrmann-Spruch auf den Lippen, emotional bis überdreht. Immer auf zack und immer aufgekratzt. Bei aller vermeintlichen „Kantigkeit“ also im Grunde völlig an die Leistungsgesellschaft angepasst – und extrem unglücklich. Karo leidet an der Oberflächlichkeit ihres Lebens. Ohne dass sie zunächst davon weiß. Denn für Karo kommen die Panikattacken zunächst aus dem Nichts.

Karos Ton – den man schon mal mit Sarah Kuttners Sprech verwechseln kann – ist pubertär bis infantil. Und er wäre unerträglich, wenn Karo nicht ein Stilmittel zur Hilfe hätte, das gleichzeitig ihr Fluch ist – die Selbstironie. Karo weiß, wie nervig ihr kommunikatives Dauerfeuer ist, sie weiß, wie banal ihre Probleme neben dem sprichwörtlich gewordenen Hunger in der Welt (oder auch schlicht einem Durchschnittsleben in Deutschland) aussehen – und sie kann sich dennoch nicht die schwere Pferdedecke vom Kopf ziehen. Manchmal weiß man beim Lesen nicht recht, wie ernst es Karo mit der Krankheit ist: auch nur eine modische Marotte, um die sie weiß, oder wirklich lebensbedrohlich? Selbstmordgedanken habe sie keine, nur Gedanken über Selbstmordgedanken. Näher kommt Karo sich nicht, und näher kommen wir ihre also auch nicht.

Ich bedauere es, keine andere Generationenvertreterin verpasst bekommen zu haben. Keine Jean d’Arc mit Visionen und Mut, keine Pippi Langstrumpf, die Autoritäten eine lange Nase dreht, keine Janis Joplin, die einheitlichen Schönheitsidealen fröhlich ins Gesicht lacht. Schade. Andererseits auch nicht schlimm. Wir haben jeden Tag, um zu zeigen, dass mehr in uns steckt, als uns verunsichern zu lassen und uns durchzuwursteln. Karos echtes Leben beginnt ja erst auf Seite 230. Wer weiß, wozu sie noch fähig sein wird.

Wie seht ihr das mit Generationen-Romanen? Alles Quatsch? Winziges Eliten-Problem? Oder fühltet ihr Euch gut abgebildet? Schreibt mir, ich bin gespannt!

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