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Truman Capote – Summer Crossing

Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren und sicher das Südstaatenkind, das am wenigsten in die Südstaaten gehören wollte. Einer, der nicht dorthin passt, wo er herkommt – seine Familie pendelte zwischen Louisiana und Alabama, der mit 15 die Schule schmeißt, nach New York zieht, um an der Tür der High Society zu kratzen und um zu schreiben. Früh von Kritikern und Publikum bejubelt, schafft er es in den Kreis der Upperclass, schreibt 1958 erst „Breakfast At Tiffany’s“, 1965 dann den Tatsachenroman „In Cold Blood“ – und danach im Grunde nichts mehr. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbringt der alkohol- und drogenabhängige Capote v.a. in Entzugskliniken. Truman Capotes Leben ist eine story larger than life und er wusste damit zu spielen. Immer wieder, so erfährt man im Nachwort der englischen Ausgabe, habe er Freunden und Verlegern von Romankapiteln erzählt, die nahezu fertig waren – und von denen sich nach seinem Tod nicht eine Zeile finden ließ.

„Summer Crossing“ ist kein fertiges Werk, es ist nicht poliert worden. Capote hat sich zu Lebzeiten nicht dafür entschieden, es zu veröffentlichen. Wenn man noch nichts von Capote gelesen hat, sollte man nicht mit „Summer Crossing“ beginnen. Die Editionsgeschichte scheint die eigentliche Story von vornherein zu erdrücken, es ist schwierig, das Buch mit diesem Vorwissen noch naiv zu lesen. Wer sich für Literaturgeschichte oder das New York der 40er Jahre interessiert, nur zu, die Beschreibung der Stadt, die Szene am Broadway, gehört zu den ungeschliffenen Spitzen von „Summer Crossing“. Alle anderen haben bei Capote ein (möglichst) naives Lesevergnügen verdient und könnten z.B. mit „Breakfast At Tiffany’s“ beginnen. An die, die jetzt abwinken, weil sie den Film kennen: Die so zuckersüße wie gebrochene Holly Golightly hat nur sehr wenig mit Audrey Hepburn zu tun.

Nachdem die Editionsgeschichte der Story selbst also fast die Luft abgeschnürt hat, hier doch noch mal, worum es geht: Grady McNeil ist 17, Spross des New Yorker Geldadels, ein Kind der ungekrönten Könige Amerikas, die Truman kennenlernen, über die er zum Kreis der oberen Zehntausend Zugang bekommen wollte. Grady ist schön, jung, reich, verwöhnt und vor allem schrecklich gelangweilt. Von ihrer Klasse und ihrem Leben, von ihrem besten Freund Peter, von ihrer schmallippigen, mit Mitte zwanzig schon spießigen Schwester, von ihrer Mutter, deren Hände zucken, wenn sie spürt, die Kontrolle über ihre jüngere Tochter verloren zu haben. Ihre Mutter würde sie gern als Debütantin auf Bällen sehen, in grüner Seide aus Paris. Zu diesem Zweck soll Grady mit ihren Eltern sich auf die Schiffspassage nach Europa begeben, doch sie will lieber im drückend heißen New York bleiben. Why on earth?, rollen Mutter und Schwester (misstrauisch!) die Augen, der Vater setzt der Diskussion mit seiner Erlaubnis ein Ende. Grady bleibt allein im der riesigen Wohnung an der Upper East Side. Sie glaubt, der Familie längst entkommen zu sein, denn ihr ist etwas geschehen, was sie unverwundbar erscheinen lässt: Das Uptown-Girl hat sich in einen Backstreet Guy verliebt: in Clyde, einen jüdischen Parkplatzwächter aus Brooklyn.

Der Auftakt zu „Summer Crossing“ ist stark, die Frühstücksszene ist raffiniert gestrickt, innerhalb weniger Seiten lernen wir die gesamte Familie McNeil und Peter, ihre Charakterzüge und Beziehungen untereinander kennen. Man ahnt, das etwas in der Luft liegt, warum Grady so unbedingt in New York bleiben will und sich derart unbesiegbar fühlt. Allerdings wird das meiste, was in den vielversprechenden ersten Seiten angelegt ist, im Laufe der Erzählung nicht entwickelt: Das schlechte Verhältnis zur Mutter und Schwester spielt, obwohl es am Anfang so stark angelegt wird, während des ganzen Sommers keine Rolle mehr; die Tatsache, dass Grady einen Jungennamen, nämlich den ihres totgeborenen Bruders trägt, kommt außer in der Beschreibung ihrer androgynen Figur nicht mehr zum Tragen. Gradys anfängliche Begeisterung für Clyde, die sich später in ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Befremden wandelt, weil Clyde und Grady aus unterschiedlichen Universen kommen, so verschieden aufgewachsen sind, dass es sich als unmöglich herausstellen wird, die wenigen Kilometer zwischen dem Central Park und Brooklyn hinter sich zu lassen, das ist so gut beschrieben, dass man die Spaltung der Stadt fühlen kann. Die Beschreibung der nächtlichen Stadt ist berauschend, immer wieder gibt es verzückende Formulierungen, aber bei der Psychologie der Charaktere hakt es ein wenig: Warum brät die wilde Grady Clyde im Apartment auf einmal ein Frühstücksei? Weil sie eben doch erst 17 ist und keineswegs so unabhängig, wie die ersten Seiten uns glauben machen wollten? Welche Gefühle hegt Clyde denn nun? Und warum so ein abruptes Ende? Diese Fragen bleiben, aber man darf sie dem Buch nicht stellen. Denn „Sommerdiebe“ ist eben kein fertiges Werk, sondern eine literaturhistorische Sensation. Der erste Versuch eines riesigen Talents. Den ich lieber als Schatz in der Public Library, als gebunden und käuflich zu erwerben gesehen hätte.

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Florian Illies – Gerade war der Himmel noch blau. Texte zur Kunst.

Manchmal habe ich schlicht keine Ahnung. Ganzen Schulfächern hat sich mein Gedächtnis verweigert, bestimmte Themenfelder sind einfach durchgerutscht. Bei mir klingelt bei Lorentzkraft gar nichts mehr, auch bei der Notation einer chromatischen Tonleiter im Dur-Moll-System muss ich passen. Und völlig unbeleckt bin ich auch auf einem sehr hübschen und kultivierten Gebiet: der Kunstgeschichte.

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Umschlagdetail: Wolfgang Heinrich Schilbach, Wolke auf hellblauen Himmel.

Florian Illies’ „Gerade war der Himmel noch blau“, das Illies’ Texte zur Kunst aus den letzten 25 Jahren versammelt, war ein Geschenk. Illies, Jahrgang 1971, kennt man als Autor von „1913“ und „Generation Golf“, wer noch Zeitung liest, kennt ihn aus der ZEIT oder (wer älteren Jahrgangs ist) aus der FAZ. Dass er Kunstgeschichte studiert hat und Partner des Auktionshauses Villa Grisebach ist, sei ebenfalls angemerkt. Die Höflichkeit dem Schenker gegenüber gebot es, sich mit dem Geschenk zu befassen, zumal das Damoklesschwert des „Wie fanden Sie es denn?“ über mir hing. Außerdem will ich nicht als Kunstbanausin sterben.

Und Illies’ Buch macht es auch Banausen leicht, einen Einstieg in das Sujet zu finden. Denn der wolkenweiß in himmelblau eingeschlagene Band versammelt keine Sachbuchtexte, sondern federleichte Liebeserklärungen an Illies’ Helden aus Kunst und Literatur. Mit ein, zwei Ausnahmen ist Illies begeistert von seinem Gegenstand und das steckt an. So folgt man Illies bereitwillig in Gefilde, die man selbst gemieden hätte: In meinem Fall v.a. in die Kunst des 19. Jahrhunderts. Man erfährt, warum der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe in allen seinen Texten dem frankophoben Berlin um 1900 und den verirrten Deutschen insgesamt, einhämmern wollte, dass es in der Kunst nichts Größeres gebe, als Franzose zu sein. „[V]erdammt noch mal“. Warum deutsche Künstler im 19. Jahrhundert in ein kleines Bergstädtchen namens Olevano strömten, und dort malen wollten (Antwort: die Perspektive, das Licht, die Tochter des Pasta-Bäckers, die Illies nie trifft), warum die besten Maler von 1820 bis 1850 am liebsten Wolken abbildeten (Antwort: in Zeiten, in denen die scheinbaren Gewissheiten [Aufklärung!] brüchig geworden sind, ist das vermeintlich flüchtige manchmal das einzige, was noch gewiss ist) und welche Techniken sie dabei verwendeten (die schnelle Ölstudie, die heute hoch im Sammlerkurs steht). Und schließlich, warum diese Kunst des 19. Jahrhunderts in Deutschland erst langsam wiederentdeckt wird (Antwort: Begeisterung der Nazis für eben diese Kunst).

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Ausschnitt aus Gustave Courbets “Die Welle”, ich glaube 1869/70.

Illies’ Können besteht – und damit ist er zumindest in Deutschland immer noch eine Rarität – darin, Anspruchsvolles und Unterhaltung zu verbinden. Weil Illies auf das akademische Reinheitsgebot pfeift, kann er sich selbst in die Texte einbringen. Weil er nicht belehren, sondern begeistern möchte, spricht er mit dem Leser auf Augenhöhe. Das ist manchmal hart an der Grenze zum Klischee („das ist das Wesen jeden guten Debütromans“, kraftstrotzend und radikal zu sein, S. 73), aber dass die „Kunsthistorische Dissertation aus Bochum“ tatsächlich schnarch langweilig ist und es im Flughafenparkhaus auch im „Land, wo die Zitronen blühn“ stickig ist und stinkt, kann man sich nur zu gut vorstellen. Ich habe bei der Lektüre viel geschmunzelt und ab und an laut gelacht.

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Ausschnitt aus Adolph Menzels Wolkenstudie, 1851.

Dass der erste Beitrag den furiosen Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe behandelt, ist wahrscheinlich kein Zufall. Meier-Graefe, ist nicht nur Illies „Idol“, sondern für die Dauer des Buches, auch Illies’ Alter Ego. Dem er, „nicht durch Exegese, sondern durch Paraphrase“ näherkommen will. Und das gelingt. Genau wie Illies seinen Meier-Graefe, einen Mann des 19. Jahrhunderts, hardcore unhistorisch mit in einer Rakete durchs Kunst-Universum sausen lässt, fliegt Illies selbst durch sein eigenes Weltall. Und hat den Leser mit an Bord. Mit vollen Händen teilt er vom Karnevalswagen Bildungsbonbons aus und wir müssen nur unten stehen und die Arme ausbreiten, schon fliegt uns das süße, bunte Wissen entgegen. Illies eifert Meier-Graefe nach, die Blume der Kunst nicht nur zu betrachten, sondern auch an ihr zu riechen. Und sie als Sprache wieder auszuatmen. Kunst soll erlebt werden, nicht unter den knöchernen Fingerchen der Wissenschaft zu Staub verfallen. Seinen Unmut über den deutschen Universitätsbetrieb, der noch „einen Faust zu einem Fäustling“ machen könne, kaschiert der Autor kaum. Das ohnehin nicht zu erreichende akademische Reinheitsgebot kann Meier-Graefe wie Illies gestohlen bleiben und so liest sich der Band emotional, rasant und nie um eine gut belegte These verlegen. Illies scheut sich nicht, eine Meinung zu haben, sich festzulegen, er sichert sich nicht permanent ab. Natürlich könne man, so heißt es in einem Beitrag über Ludwig Börnes Verhältnis zu Goethe, alle psychologischen Deutungsmuster selbst wieder psychologisch dekonstruieren. „Aber so kommen wir ja nicht weiter.“ Und weiterkommen will Illies, er will dem Leser die Schönheit seines Universums zeigen. Kluges – alle Interpretationen sind zeitgebunden, zum Urteilen gehört Mut ebenso wie Demut – wird nebenbei eingestreut. Das macht die Lektüre erfrischend und bleibt im Gedächtnis.

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Johan Christian Dahl, Gewitterwolken über dem Schloßturm von Dresden, 1823/1827.

Wie vom Autor selbst festgestellt, kann sich dieser Feierton abnutzen. Das macht das Lesen vieler Beiträge kurz hintereinander für den einen vielleicht etwas ermüdend, der andere ist dann erst recht in Hochstimmung. Genießer lesen die Texte also besser einzeln, das erste Glas Schampus schmeckt halt am besten. Wer Literatur-Trinker ist, der genehmigt sich vier am Stück und ist danach ein wenig beschwipst, aber immer noch glückstrunken. Die Texte schwächeln lediglich dann ein bisschen, wenn es um Lebende geht (etwa Martin Walser und die verflossenen Lieben von Gottfried Benn), denn dann kann Illies, der seinen Protagonisten immer höflich und freundlich gegenübertritt, nicht so frei aufspielen. Und natürlich wiederholen sich einige Begebenheiten und Namen auch, aber das spricht dafür, dass der Autor das, was er anpreist, so gut kennt wie seine Westentasche. Kein Bonbon, das von seinem Karnevalswagen regnet, ist nur bunte Verpackung. Unterhaltung ja, aber nie ohne Inhalt.

So beendet man die Lektüre beglückt und bereichert, fühlt sich aber nicht belehrt. Was einen nicht interessierte, konnte man getrost überblättern. Nie wieder werde ich durch ein Museum gehen können, ohne die deutschen Maler auch als „Meister des ruhenden Balles“ zu sehen. Man bekommt Lust, sich dem wiederzuentdeckenden 19. Jahrhundert zuzuwenden, den kleinen Ölskizzen der Wolken oder einem fünfzig Jahre alten Walser-Roman. Kurzum: Man bekommt Lust auf das Illies-Universum.

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Listening Closely, Reading

…turning twenty-eight

Zack! Nun ist es passiert: Das erste Jahr von twenty7thirtytwo ist rum – und ich bin währenddessen 28 Jahre alt geworden.

28 ist nicht so glamourös wie 27. Aber ich hab die Tür zum „Club 27“ einfach nicht gefunden. Auch ganz schön. Denn jetzt, wo man in den Laden nicht reingekommen ist, kann man locker bis zum 90. Geburtstag weitermachen. Nicht wahr, Mister Winterbottom?

Ein Jahr twenty7thirtytwo könnte ich zum Anlass nehmen, Rückschau zu halten. Aber ich gucke lieber nach vorn als zurück. Und so hab ich für den Blog einige Ideen und Wünsche, was ich im neuen Lebensjahr anstellen könnte…

DSCF9617Lesetagebuch

Seit ich fünfzehn bin, schreibe ich auf, was ich lese und was ich von diesem Gelesenen halte. Als Jugendliche war ich mit dieser Buchführung der Bücher sehr ordentlich. In ein Moleskine notierte ich sorgfältig den Monat, in dem ich das Buch beendet habe, Autor und Titel. Meist auch, wie ich auf das Buch aufmerksam geworden war, wo ich es gekauft oder von wem ich es geschenkt bekommen hatte. Auch im Studium noch. Aus diesem Buch heraus entstand der Gedanke, Leseeindrücke online zu stellen – also das, was ihr heute unter „READING“ findet.

Letzte Woche blätterte ich in meinem Lesetagebuch von 2011. Ich war auf der Suche nach meinen Notizen zu Eduard von Keyserlings Roman „Wellen“, die ich auch fand und in denen ich genau niedergelegt hatte, was mich an Doralice, der Protagonistin des Romans faszinierte, was störte, und dass ich sie für eine Vorbotin einer kommenden Zeit hielt. Dann blätterte ich ins Jahr 2017. Und war bestürzt. Gähnende Leere seit Juli. Dabei hatte ich doch so viel gelesen. Mehr als Notizen in den Büchern und Posts auf Instagram waren aber nicht davon geblieben.

Anfang des Jahres hatte ich eifrig mit meinen monatlichen Lesebilanzen begonnen, hatte Riesenspaß dabei, mich schreibend zu erinnern – und bin dann irgendwann abgedriftet. Das soll wieder anders werden. Am besten schon im November.

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Leseliste: 28 Jahre, 28 Bücher?

Bislang ist es nur eine Idee, aber ich fänd’ es witzig, dieses Jahr achtundzwanzig vorher festgelegte Bücher zu lesen. Ohne die Bücher, die ich für meine Arbeit lese, versteht sich. 28, das würde ungefähr der Zahl der Bücher entsprechen, die ich seit November 2016 gelesen habe. Es reizt mich, mir zu überlegen, was gut in dieses Lebensalter, die Stimmung oder die aktuelle weltpolitische Lage passen würde und diese Gedanken kurz zu notieren. Auch, weil ich mich im Zweifelsfall eh’ nicht an solche Listen halte – und wild draufloslese. Aber es könnte spannend sein, die Liste in einem Jahr wieder hervorzuholen du zu sehen, was man wirklich gelesen hat – und was verworfen. Wie sich die Bücher entpuppt haben. Ob ich mit bestimmten Einschätzungen komplett daneben lag.

Wenn ich mich jetzt für 28 Bücher im kommenden Jahr entscheiden müsste, wären darunter derzeit:

  • Zeruya Shalev, Schmerz (2015), weil ich Shalevs Sprache kennenlernen will und Lust auf Seele, Gefühle und Politik habe.
  • Florian Illies, Gerade war der Himmeln noch blau (2017), weil ich Illies Art, Bildung mit Humor und Ernst zu verbinden, sehr ungewöhnlich und sehr gut finde und weil ich es geschenkt bekommen habe – und wenig Ahnung von Kunstgeschichte habe.
  • Juli Zeh, Leere Herzen (2017), weil ich herausfinden will, ob es sich als Vortragsgegenstand für einen Workshop zu „Recht und Literatur in der Krise“ eignet.
  • Alice Munro, Zu viel Glück (2009), weil ich mich an ihr in der Kunst der Kurzgeschichte schulen, und in die kanadische Provinz zurückkehren will und in den Zauber des „every-day-life“.
  • Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre: 1918-1938 (2015), weil ich den ersten Teil als die Crème de la crème des packenden Sachbuchs verbucht habe (großes Vorbild!), den zweiten Teil schon angefangen habe und dann irgendwie davon abgekommen bin.
  • Bruno Schulz, Die Zimtläden (1934), weil es in berauschenden Bildern von einer versunkenen Welt erzählen soll, wie ich in einem sehr guten, sehr bündigen Beitrag über Bruno Schulz’ Ermordung durch einen SS-Mann im Deutschlandfunk gehört habe (http://www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-die-ermordung-des-schriftstellers-bruno-schulz.871.de.html?dram:article_id=400984)

So, das wäre es erst mal. Macht ziemlich Spaß, sich das zu überlegen. Ich hatte auch mal den Hau, immer Bücher zu lesen, in denen der Protagonist genau so alt war wie ich. Zu 28 fällt mir spontan nur „Mutmaßungen über Jakob“ von Uwe Johnson ein. Das könnte auch auf die Liste.

  • Uwe Johnson, Mutmaßungen über Jakob (1959), Begründung s.o.

Kennt ihr noch weitere 28-Jährige Hauptfiguren? Dann schreibt mir unbedingt. Ich werde sammeln.

Und dann lesen wir uns hoffentlich schon Ende November wieder im Artikel “Reading in November”.

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#buchpassion #Lieblingsautor

Auf Instagram hat kaprizioesblog, eine Buch-Bloggerin, deren Posts ich sehr gern lese, nach meinem Lieblingsautor gefragt. Auch denen, die nicht bei Instagram sind, wollte ich meinen derzeitigen Lieblingsautor nicht vorenthalten. Bisschen was habe ich auch schon mal erzählt. Viel Spaß!

Nur einen (!) Lieblingsautor zu benennen, dürfte vielen schwer fallen. Ich bin das Wagnis eingegangen und habe mich nicht für fancy Thomas Mann oder Theodor Fontane entschieden, die ich auch sehr gern lese, sondern für Ralf Rothmann.

Ein Lieblingsautor ist für mich jemand, zu dessen Büchern man immer gern zurückkehrt, den man ohne Krampf liest, mit dem man gern einen Kaffee trinken gehen würde. An Rothmanns Büchern gefällt mir, dass der Alltag seiner Figuren, ihre Gewohnheiten, so genau beobachtet und erzählt sind. Die meisten Figuren leben im Ruhrgebiet der 60er Jahre, man erfährt, welches Parfum die Frauen tragen und wie die Maschinen heißen, mit denen unter Tage geschafft wird. Er ist derzeit mein Lieblingsautor, weil ich seine Bücher klug, sinnlich und sensibel finde. Es wird von normalen Menschen und ihrem normalen Leben erzählt. Von Leuten, die keine Deadlines kennen, nur Schichtdienst und ihr halbes Leben lang die Sofagarnitur abzahlen werden. Und dazwischen gibt es die Verrückten, die anderen, die Aussteiger, die die Poesie der Romane ausmachen, wenn sie dem Ich-Erzähler nebenbei Weisheiten mitteilen: “Wenn Du Dich für die Freiheit entschieden hast, kann Dir gar nichts passieren.”

Oft meint man, diese Welt, die es gar nicht mehr gibt, wiederzuerkennen. Mit Rothmann kann man jederzeit dorthin reisen. Auch deswegen ist er mein Lieblingsautor.

Das Bild, das in meinem Wohnzimmer steht, und mich mit seiner Ruhe und Dynamik irgendwie an Rothmann erinnert, hat @barbara_wonner_art gemacht, von der es hier noch mehr Bilder zu sehen gibt.

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Talking About My Generation? Simon Strauss: Sieben Nächte

„Sieben Nächte“, das Buch, von dem vor drei Wochen alle geredet haben. Drei Wochen sind lang, im Internetzeitalter erscheinen sie mir so lang, dass ein Blog-Post über ein derart altes Buch schon fast nicht mehr geschrieben werden müsste.

Im Fall von „Sieben Nächten“ will ich’s mir aber dennoch von der Seele schreiben, denn: Ich habe mich wahnsinnig über das Buch geärgert. Vielleicht habe ich mich auch nur über die euphorischen Stimmen in der Presse und auf Instagram geärgert – und ganz eigentlich über mich selbst.

Gerade Florian Illies’ Besprechung in der ZEIT hat mich verärgert. Illies ist, so schaut es jedenfalls aus, einem klugen Jungen meiner Generation, Simon Strauss, Jahrgang 1988, auf den Leim gegangen. Oder, doch das wollen wir ihm nicht unterstellen, er hat ihn nicht ernsthaft rezensiert, weil er den blutjungen, promovierten, festangestellten Theaterkritiker der FAZ nicht in die Pfanne hauen wollte. „[W]armblütig, ein Manifest, schnell zu lesen, schwer zu vergessen“ nennt Florian Illies „Sieben Nächte“ in der ZEIT und vermutet, den ersten „sichtbaren Identitätsnachweis seiner [Strauss’] Generation“ vor sich zu haben. Hochromantisch sei das Buch und die Romantik sei doch ein herrlicher Notausgang aus der ewigen Selbstbespiegelung, die als Generationenmerkmal festgemacht wird. Illies fragt sich weiter, ob bei so viel Bildungstiefe genügend Leser mit an Bord wären, um die Visionen des Ich-Erzählers Wirklichkeit werden zu lassen. Ob Strauss’ naiv ist oder aber wir, lässt Illies offen.

Simon Strauss hat in einem Interview dem Leser Anlass zu der Annahme gegeben, dass seine Schilderungen in „Sieben Nächte“ authentisch sind, dass er das Experiment selbst durchgeführt hat. Aber es bleibt bei Andeutungen. Strauss deckt, entgegen seiner Forderung zur neuen Wahrhaftigkeit, nicht auf, was Wahrheit ist und was Fiktion. Was will Simon Strauss – und will er das, was der Ich-Erzähler in „sieben Nächte“ will? Das wären die entscheidenden Ausgangsfragen einer guten Rezension gewesen. Dem Tagesspiegel zum Beispiel gelingt es, diesen Punkt aufzugreifen.

Wenn man sich Strauss’ Äußerungen im Interview und seinen 2014 in der FAS erschienenen Artikel „Ich sehne mich nach Streit“ vor Augen führt, muss man annehmen, dass Strauss und S. sich ähnlich sind. Wenn Strauss den Roman so angelegt hat, dass das Kennzeichnende dieser Generation ihre Mattheit ist, wenn er sie so lahm und zahnlos sieht und beschreiben wollte, dass sie Tod(!)sünden(!) nur unter der Anleitung eines „richtigen Erwachsenen“ begehen kann, der Begriff der Sünde also ad absurdum geführt wird (Stichwort: „Ich nehme mir vor, spontaner zu sein.“), dann ist das Buch in der Anlage zumindest schlau und in der Ausführung konsequenterweise ziemlich matt. Dann wäre es aber kein Manifest für eine neue Ernsthaftigkeit, denn ein Manifest verträgt die ironische Brechung nicht. Wenn Strauss das alles nicht angelegt hat, dann ist das Buch einfach nur schwer zu ertragen.

Simon Strauss ist klug genug, seine Generationenbeschreibung nur für einen winzigen Generationenausschnitt (Tendenz: Akademiker, Großstädter, Hedonist) anzulegen. Aber wie winzig muss das Sichtfeld derer sein, die den Roman zum „Generationenbuch“ hochstilisieren? Wer die beschriebenen Jahrgänge als aufgewachsen in einer Glücksblase, auf dem Platz „dicht an der Heizung“ (S.13) sieht, äußert seine pure Ignoranz gegenüber denen, die an der Armutsgrenze leben mussten, über einen Prozentsatz an psychischen Krankheiten, den es (Kriegstraumata ausgenommen) selten vorher so gab, über die Undurchlässigkeit des Bildungssystems, gegenüber Migranten, die neu anfangen müssen und/oder jungen Hochqualifizierten, die mit Mitte 30 in Zeitverträgen stecken und von Strauss’ als beengt dargestelltem Leben im Reihenhaus mit Kindern noch meilenweit entfernt sind – weil sie keine Sicherheiten haben, die sie verdrießen könnten.

Die unangenehmste Vorstellung wäre aber, wenn Strauss sein Buch doch als Pamphlet für „mehr Emotion“ gemeint hätte – und zwar als Pamphlet für die wenigen, die den Platz an der Heizung tatsächlich hatten. Mehr Ausrufezeichen wünscht S. sich und mehr Emotion. Angewendet auf das politische Feld bedeutet das: hin zum Populismus. Diese wenigen toben in S.’ Vorstellung durch die Fußgängerzone, randalieren und fühlen sich endlich lebendig und überlegen, wenn sie über die „radelnden Jungväter“ (S.27) lachen und den Obdachlosen den Becher wegtreten können. Geradezu gruselig würde es werden, wenn diese Emotionen sich dann so bahnbrechen würden: „Wenn ich einmal an der Macht bin, werde ich Plätze bauen, auf denen Menschen stehen und miteinander reden. (…) Orte, die offen bleiben, beweglich, in Angriffsposition.“ Die von einer Elite verordnete Freiheit als Garant einer offenen Gesellschaft. Wenn das die Revolution ist, dann gute Nacht, Demokratie. S.’ Wut richtet sich im Roman gegen die Schwachen: gegen das mineralwassertrinkende „nach-18-Uhr-keine-Kohlehydrate“-Mädchen und den Super-Daddy, den radelnden, „arglosen Barbaren”. Damit knöpft S. sich die vor, die schon hundertmal abgewatscht wurden. Nur dort, wo er keine Gegenwehr fürchten muss, traut er sich, auszuteilen. Dabei gäbe es andere, schwierigere, weil mächtigere Gegner zuhauf.

Schwer erträglich, bei einer Generation abgeheftet zu werden, die sich über Latte-Macchiato-Mütter heftiger ereifern kann als über die Entscheidungen, die in nationaler und internationaler Politik, Wirtschaft, Justiz, der Universität etc. etc. jeden Tag getroffen werden. Ich werd’ mir nicht mehr erklären lassen, wie meine Generation tickt. Und ich werd’s mir auch nicht mehr erklären lassen wollen. Ich mach’ einfach selbst was. Und dann soll die Nachwelt entscheiden, wer wir gewesen sind.

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Sarah Kuttner: Mängelexemplar, revisited

„Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner fand den Weg zu mir auf eine absurde Weise. Ich habe bei zvab nach einem ganz anderen Buch gesucht, von dem ich eine möglichst günstige Ausgabe haben wollte und deswegen „Mängelexemplar“ in die Suchzeile zum Titel geschrieben habe. Dann zwei Mal auf irgendwas geklickt, es in die Wunschliste gepackt, vergessen, irgendwann wieder aufgerufen und gekauft. Zwei Tage später hatte ich ein Buch, dass ich nicht gewollt, aber bestellt hatte.

Ich kannte Sarah Kuttner. Nicht von Viva, nicht von MTV, sondern von „Zwei bei Kuttner“. Die fixeste war ich bei solchen Sachen nie, ich lese ja auch einen Bestseller von 2009 im Jahr 2017. Na, jedenfalls war „Zwei bei Kuttner“ eine ordentliche Sendung, gern gesehen das. Ich wusste auch ungefähr, worum es in „Mängelexemplar“ ging: anstrengende Frau Ende zwanzig fällt nach Trennung und Jobverlust in ein tiefes Loch, das sich als Depression entpuppt. Gehandelt als Generationenroman. Hätte mir für meine Generation auch was Schöneres vorgestellt, mag solche Kollektivbeschreibungen überhaupt nicht und halte diese dennoch nicht für unrealistisch. Konnte man für 2,37 € getrost behalten, fand ich.

Jetzt, über das lange 1.-Mai-Wochenende, hatte ich Zeit und las „Mängelexemplar“ so im Vorbeigehen, zwischen S-Bahnhof, Fahrradtour und Kirschkuchenpause, irgendwo im Kreis Dahme-Spreewald, Brandenburg. Nach zwei Tagen war ich fertig.

Zum Inhalt: Karo Herrmann ist 26 und lebt schnell und flexibel irgendwo in einer deutschen Großstadt. Wahrscheinlich Berlin. Sie arbeitet in der Kreativbranche, weiß, dass das ein windiges Business sein kann und als modisch verschrien ist. Ist seit zwei Jahren mit Phillip zusammen, weiß, dass die beiden sich nicht lieben. Dann wird Karo der Job gekündigt, sie trennt sich von Philipp – und plötzlich ist da diese unheimlich schwere Pferdedecke, die sich auf Karo legt und ihr die Luft raubt. Depression. Wir begleiten Karo die nächsten 200 Seiten: mit zur Therapie bei Anette, mit zum besten, vergebenen Freund Nelson, mit zu Karos Mutter, die Karo liebt, aber selbst ein Leben voller Probleme hatte.

Karo ist Großstadtmädchenvertreterin: witzig, kreativ, immer einen kessen Herrmann-Spruch auf den Lippen, emotional bis überdreht. Immer auf zack und immer aufgekratzt. Bei aller vermeintlichen „Kantigkeit“ also im Grunde völlig an die Leistungsgesellschaft angepasst – und extrem unglücklich. Karo leidet an der Oberflächlichkeit ihres Lebens. Ohne dass sie zunächst davon weiß. Denn für Karo kommen die Panikattacken zunächst aus dem Nichts.

Karos Ton – den man schon mal mit Sarah Kuttners Sprech verwechseln kann – ist pubertär bis infantil. Und er wäre unerträglich, wenn Karo nicht ein Stilmittel zur Hilfe hätte, das gleichzeitig ihr Fluch ist – die Selbstironie. Karo weiß, wie nervig ihr kommunikatives Dauerfeuer ist, sie weiß, wie banal ihre Probleme neben dem sprichwörtlich gewordenen Hunger in der Welt (oder auch schlicht einem Durchschnittsleben in Deutschland) aussehen – und sie kann sich dennoch nicht die schwere Pferdedecke vom Kopf ziehen. Manchmal weiß man beim Lesen nicht recht, wie ernst es Karo mit der Krankheit ist: auch nur eine modische Marotte, um die sie weiß, oder wirklich lebensbedrohlich? Selbstmordgedanken habe sie keine, nur Gedanken über Selbstmordgedanken. Näher kommt Karo sich nicht, und näher kommen wir ihre also auch nicht.

Ich bedauere es, keine andere Generationenvertreterin verpasst bekommen zu haben. Keine Jean d’Arc mit Visionen und Mut, keine Pippi Langstrumpf, die Autoritäten eine lange Nase dreht, keine Janis Joplin, die einheitlichen Schönheitsidealen fröhlich ins Gesicht lacht. Schade. Andererseits auch nicht schlimm. Wir haben jeden Tag, um zu zeigen, dass mehr in uns steckt, als uns verunsichern zu lassen und uns durchzuwursteln. Karos echtes Leben beginnt ja erst auf Seite 230. Wer weiß, wozu sie noch fähig sein wird.

Wie seht ihr das mit Generationen-Romanen? Alles Quatsch? Winziges Eliten-Problem? Oder fühltet ihr Euch gut abgebildet? Schreibt mir, ich bin gespannt!

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Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Wie viele Menschen in Deinem Mehrparteienhaus kennst Du? Zwei, drei? Und was heißt das: kennen? Vielleicht habt ihr mal ein Hausfest gefeiert, Lampions aufgehängt, im Hof gegrillt. Vielleicht spielen Eure Kinder zusammen und ihr habt Euch schon einmal einen Liter Milch bei dem Mann aus dem Erdgeschoss geliehen. Wer mietet, kennt die Menschen hinter seiner eigenen Wohnzimmerwand meist kaum.

In Haus Nummer 29, das Juliana Kálnay zum Schauplatz ihres Debüt-Romans gemacht hat, ist es ähnlich. Die Bewohner kennen sich – und kennen sich doch nicht. Genauso wird die Geschichte auch erzählt, nämlich so, als würden wir plötzlich als Geist durch Nummer 29 schweben. Es gibt keine Einleitung, keine Aufstellung wie bei Tolstoi, in der alle Hausbewohner vorgestellt werden. Genauso wie neue Mieter irgendwo einziehen und sich zurechtfinden müssen, beginnen wir Kálnays Roman zu lesen. Wir sind sofort mittendrin, haben aber keinen Überblick. Wie durch die Türchen eines Adventskalenders schauen wir in die unterschiedlichsten Wohnzimmer hinein und sehen wundersame Menschen. Es gibt die alte Rita, die schon mit ihren Eltern in Nummer 29 gewohnt hat und die Autorität des Hauses ist. Es gibt Lina, deren Mann Don sich in einen Baum verwandelt hat und auf ihrem Balkon wohnt. Es gibt das Liebespaar Bell und Toni. Es gibt die kokelnden Kinder, die in einer Grillpfanne Nacktschnecken verbrennen, den Mann, der im Aufzug geduldet wird und viele andere.

Niemand in diesem Haus jenseits von Zeit und Raum scheint arbeiten zu müssen, alle leben seltsam losgelöst von unserer Gegenwart. Im ganzen Buch taucht kein Handy auf und kein Internet, doch was noch viel weniger der Gegenwart des Zusammenwohnens in einem Haus zu entsprechen scheint: Es kümmert die Menschen, wer mit ihnen unter einem Dach lebt. Sie beobachten einander, kennen die Gewohnheiten der anderen. Dennoch strahlt der Roman nichts von Bullerbü-Romantik aus. Klar, es gibt „wollweiche Socken“, selbstgebackene Kekse und Frauen, die Marmelade einkochen. Aber Menschen verschwinden auch, sie verwandeln sich oder werden verlassen. Liebende werden eingemauert, Eltern lassen ihre Kinder allein zurück, Schwestern ihre Brüder. Es ist keine heile Welt, sondern auch eine der Gerüchte, der hastig getuschelten Treppenhausunterhaltungen, des Halbwissens und des Wegsehens (angedeutet sind Entführungen und Gefangenhalten, Missbrauch und Selbstmord). Auch um Erinnern und Kindheit als Motive geht es, denn das Haus wird es am Ende des Buches nur noch in der Erinnerung seiner verstreuten Besucher geben.

In kleinen Portionen tischt Juliana Kálnay uns Eindrücke vom Leben der Hausbewohner auf. Multiperspektivisch, nur nach Stockwerken und rechts links eingeteilt. Stets erfahren wir nur so viel über die Bewohner, wie es braucht, um sich ein Bild von den Menschen hinter dem Kalendertürchen zu machen. Ich-Erzähler und personale Erzähler wechseln sich ab. So entstehen viele übereinanderliegende Bilder von Haus Nr. 29: Jeder hat einen anderen Blick auf die Hausgemeinschaft, sieht und erlebt nur einen Teil des Hauses, kennt andere Menschen und immer nur Teile der Geschichte. Kálnays Sprache ist vielseitig, auf eine ruhige Art farbig. Sie kann die Heimeligkeit eines Mikrokosmos ausstrahlen, doch auch etwas hinter den Wänden lauern lassen. Ihre Sprache experimentiert mit den unterschiedlichen Sprechweisen der Bewohner: Kinder, Jugendliche, Alte, einfache Gemüter, und dieses Ausprobieren scheint ihr großen Spaß zu machen. Zusammen mit den verwunschenen Bildern und aus der Zeit gefallenen Personen entsteht eine andere Realität, ein Haus wie eine Welt, die aus Traum, Absurdität, Ängsten und Erinnerungen gesponnen ist, sich weiterspinnt – und dabei unserer Welt sehr ähnlich sieht. Doch in Nummer 29 entpuppt sich das scheinbar Bekannte als das größte Rätsel.

Kálnays Roman ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes: kunstvolle Montagetechnik wirkt hier mühelos, der Leser folgt dem Absurden gern und ohne Widerwillen, lässt sich ganz auf das Haus ein. Juliana Kálnay ist 1988 geboren, wohnt derzeit in Kiel und hat Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim studiert. Bewusst und transparent wird in einem kleinen Nachwort außerdem auf die Autoren verwiesen, die Kálnay als Anregung gedient haben, Julio Cortázar ist darunter und Jenny Erpenbeck. „Eine Chronik des allmählichen Verschwindens“ ist ein anregendes, ungewöhnliches Buch. Es setzt nicht auf die psychologische Ergründung seiner Figuren, sondern zeigt sie und Ausschnitte ihrer Lebenswelt. Das Rätselhafte ist dabei nichts, was aufgelöst werden müsste, vielmehr wird es angenommen. So, wie man eben auch in einem Haus lebt: als Teil eines Organs, das man nicht ganz erfassen kann. Ich bin gespannt, in welche Welt uns die Autorin als nächstes entführt.

Juliana Kálnay, Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens”, Verlag Klaus Wagenbach, 192 Seiten.

Mein herzlicher Dank gilt dem Klaus-Wagenbach-Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zukommen lassen hat.

 

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