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Petunias perfekte Pinterest-Pinnwand oder: Wie Spießer aufhörten, die Hecke zu schneiden und online gingen

Den ersten Harry-Potter-Band habe ich zusammen mit meiner Mutter gekauft. Das muss 1999 gewesen sein, damals war ich neun Jahre alt. Auf meiner Ausgabe seht ihr noch den Aufkleber der Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, den ich damals am liebsten abgezogen hätte. An der unteren Ecke sieht man noch meine Bemühungen, ihn von Sabine Wilharms Titel, den ich so viel schöner ohne Sticker fand, abzupulen. Er saß fest. Gott sei Dank. Sonst könnte ich heute nicht mehr beweisen, dass ich einmal im Leben früh dran war. Wenige Tage nach diesem Bücherkauf fuhr meine Mutter in geheimer Mission wieder in die Stadt und fragte im Buchladen, ob es etwas vergleichbares gäbe. Ihre Tochter sei ganz verrückt nach dem Buch. Bedaure, sagte die Buchhändlerin. Band 2 erscheine erst demnächst… And so it all began.

Wenn ich heute zurückschaue, fällt mir auf, mit welcher Akribie ich mich damals in diese Welt zwischen Ligusterweg und Winkelgasse vertiefte. Ich malte das Hogwarts-Kollegium, mit passenden Brillenformen und farbcodierten Umhängen. Ich zeichnete eine Karte des Rumtreibers mit allen Geheimgängen in meiner eigenen Schule. Fortan bemühte ich mich, nur noch auf Geheimwegen zum nächsten Klassenzimmer zu kommen. Ich schnitt alles, was ich zu Harry Potter finden konnte, aus der Zeitung aus und legte eine Sammelmappe an. Ich kaufte mir sogar einen Stern und stellte erstaunt fest, dass er neben der Titelgeschichte über Harry auch Nacktfotos von Katja Riemann enthielt. Ich ging zu Karstadt und fragte, nachdem der Verkauf eines weiteren Bandes über die Bühne gegangen war, nach der Schaufensterdekoration. Ich bekam einen riesigen Harry aus Karton, auf einem Nimbus 2000 sitzend, den ich in meinem Zimmer an die Wand hängte. Ich bastelte aus Pappmaschee einen Phönix mit 2-Meter-Flügelspannweite, der dann seinerseits das Schaufenster einer lokalen Buchhandlung schmückte. Diese Akribie entwickeln viele Kinder und Jugendliche, sie kann sich auf alles Mögliche beziehen, und wenn man Glück hat, hält sich diese tiefe Faszination für ein Thema bis ins Erwachsenenalter. Und wird dann vielleicht zu einer Doktorarbeit, die fröhlich in Breslauer Adressbüchern von 1903 blättert, um sich danach in 1902 zu verlieren.

Nicht noch einmal werde ich den Zauber dieser Jahre heraufbeschwören. Wer sie kennt – die nächtlichen Leseaktionen, in denen ich, ausgestattet mit einem Teller voll Leckereien, den meine Mutter an meinen Leseort brachte, die ganze Nacht wachblieb – dem wird alles, was ich beschreiben würde, auf seine Art und Weise bekannt vorkommen. Ich will mich lieber auf die Dinge konzentrieren, die mich, wenn ich eine ruhige Minute über Harrys Welt nachdenke, bis heute beschäftigen.

Zum Beispiel, dass ich die Verfilmungen bis heute nicht mag. Ich saß mit elf zitternd im Kino und fürchtete, die Leinwandbilder der Warners würden meine sorgsam ausstaffierte Fantasiewelt übertünchen und verfremden. Mich nervte das hässliche Merchandise und dass der Carlsen-Verlag bei Band vier den Schriftzug des Films auf dem Titelbild übernahm. Mich nervte, wie einheitlich mittelalterlich die Zauberer aussahen, ich hatte mir die modische Bandbreite des Geschmacks und Geldbeutels in der Zaubererwelt viel breiter vorgestellt. Warum gab es keine schicken Hexen in Chanel oder Männer im Karo-Pullunder? Ich war enttäuscht und bin es bis heute. Viel realistischer scheint mir die Zaubererwelt modisch in „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ zu sein, der auch sonst unterhaltsam ist und eine erwachsenere Version des Fiebers wieder aufkommen lässt.

Was mich am meisten beschäftigt, ist die Frage, wie ich die Dursleys heute zeichnen würde. Natürlich, es gibt auch heute noch genau diese Sorte von Spießer, die die keinen Humor verstehen, bei einer Bohrmaschinenfirma arbeiten, samstags die Hecke schneiden und einen verzogenen Sohn haben der andere Kinder piesackt. Aber gibt es inzwischen nicht auch andere Spießer?

Grob gesagt sind Spießer engstirnige Menschen, peinlich auf Konformität mit gesellschaftlichen Normen bedacht. Bloß nichts anders machen, bloß nicht abweichen. Dieses Bloß-alles-richtig-Machen kann in immer neuen Gewändern daherkommen. In manchen teilen Berlins wäre der heckeschneidende Angestellte inzwischen sicherlich die Ausnahme. Und darum vielleicht kein Spießer mehr. Vielleicht wäre die Petunia eines gewissen Großstadtmilieus genauso darauf bedacht, alles richtig zu machen, wie die Petunia aus dem Ligusterweg. Nur eben anders richtig. Je nach Alter eben mit Auslandserfahrung, aber irgendwie doch voll häuslich. Oder natürlich mit Erfahrung und emanzipiert, aber doch auf der Suche nach dem einen einzigen Prinzen. Mit Spaß an Super Foods und dennoch kalorienzählend. Mit selbstausbeuterischem Job, aber dem Satz „Für Politik interessiert sich bei uns ja eher Florian“ auf den Lippen. Ihr merkt, ich bediene Klischees, aber auch die Dursleys bedienen Klischees. Und wenn Du genauso sein willst, Petunia, dann bleib bitte genau so. Aber wenn Dir, wenn keiner zuschaut, das alles zum Hals raushängt, dann zwing Dich bitte nicht länger unter dieses Joch, wirf es ab. Und vor allem: Mach’ es Dir dort nicht bequem. Früher wolltest Du doch auch lieber wie Hermine sein, oder?

 

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Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage

Wenn endlich alles in Ordnung ist, wenn Du Dein Studium abgeschlossen hast und jetzt einen Job hast, einen Mann geheiratet hast, eine vernünftige Wohnung und zwei süße kleine Kinder hast, denen Du hübsche Namen gegeben hast und sie Du mit Bio-Äpfeln fütterst, dann könnte es sein, dass Du statt eines Lebens ein Gefängnis eingerichtet hast. Dass Du hasst.

Stuttgart, Westen, Constantinstraße. „Braungelbe Sandsteinhäuser wölben ihre verzierten Fassaden nach vorn wie frische Brote und Kuchen.“ Ein Akademikerbezirk im Schwabenländle. Das ist die Welt von Judith, X und Luise. Drei Frauen, um die Anna Katharina Hahn ihren Roman von 2009 wie eine scharf beobachtende Drohne kreisen lässt.

Zum einen haben wir Judith, die eigentlich Jutta heißt, ihren Durchschnittsnamen aber gern etwas Exotik verleihen wollte. Judith lebt den Ökö-Traum: Zwei Söhne mit rosigen Wangen und stämmigen Beinchen, Uli und Kilian, einen Mann (Klaus, nett, Professor für Maschinenbau) im Unibetrieb beschäftigt. Zusätzlich geben Rudolph Steiners strenge Regeln auf pastellfarbenem Papier und der Jahreszeitentisch Rhythmus und Sicherheit. Arbeiten geht Judith nicht, der enttechnisierte Haushalt, die Abendsuppe und ihre Kinder sind Aufgabe genug und damit kann sie sich auch von den anderen bösen Gedanken ablenken, die immer mal wieder kommen: von den dunklen Uni-Jahren im Stuttgarter Osten, Panikattacken vor Kunstgeschichte-Referaten, den Drogen, der zermürbenden Affäre mit Sören aus Tübingen, der nicht abgeschlossenen Examensarbeit über Otto Dix. Wenn die Gedanken zu schlimm werden, raucht Judith heimlich oder nimmt eben eine Beruhigungstablette.

In der Wohnung gegenüber, auch auf die Constantinstraße, wohnt Leonie, 5 Jahre jünger, auch verheiratet, zwei süße Mädchen, Karrierefrau. Ihrem Mann Simon, aus dem Hohenlohischen („Schwabenbronx“), musste sie erst die Sozialcodes beibringen, jetzt arbeitet Simon verbissen bis spät abends, um die viel zu große 8-Zimmer-Wohnung im Stuttgarter Speck bezahlen zu können. Damit hat er Leonie, die auf hohen Schuhen und in die Bank stöckelt, quasi zur Alleinerziehenden gemacht. Abends plagt sie beim Blick in die Idylle von Judiths Wohnzimmer das schlechte Gewissen.

Suhrkamp-Verlag: “Muster­mütter und Karrie­­refra­­uen, Euryth­­mie und Hyster­­ie, Allein­­erzie­­hende­­ und Proble­­mkind­­er, Wohlst­­and und Verwahrlosu­­ng.”

Und dann gibt es da noch Luise Posselt. Gemeinsam mit ihrem Mann Wenzel (er Flüchtling, sie Schwäbin, Ehe geschlossen um 1945) lebt sie im Erdgeschoss unter Judith. Ihres körperlichen und geistigen Verfalls ist Luise sich bewusst. Sie weiß, dass Judith sich vor ihr ekelt, ihre Kinder am liebsten nicht bei ihr spielen lassen will. Dennoch ist Luise in dem Buch die einzige, die weiß, wie das geht: leben. Nicht: Leben inszenieren.

Bürgerliche Karrieresucht, Überbietungskampf, selbsterzeugter Druck, das sind die Themen des Romans. Es geht um Optimierungswahn, hier in seiner weiblichen Spielart, um mühsam gebastelte und mühsam unterhaltene Identitäten von Frauen in einer Zeit, in der sich alle Selbstverständlichkeiten aufgelöst haben. Es geht um das enge Weltbild, an dessen Ränder sich scheinheilig tolerante Akademiker schnell stoßen, wenn eine alte Frau Bonbons mit „Industriezucker“ (wo sollte er auch sonst herkommen) zusteckt und das Wegschauen und Weghören, das es braucht, um eine Idylle aufrechtzuerhalten. Dabei urteilt Hahn nicht über ihre Figuren, auch wenn sie eine Haltung zu ihnen hat und beißende Ironie. Die größte Stärke des Buches ist die in Sprache gegossene Beobachtungsgabe für „die feinen Unterschiede“.

Ich empfehle das Buch allen, die sich an einem kritisch-genauen Blick auf ein kleines Stück Erdoberfläche erfreuen können. Es passt zur ganzen twenty7thirtytwo-Suche nach Identität ganz wunderbar. Es beschreibt das Dilemma junger, gut ausgebildete Frauen, die nicht mehr wissen, wie das geht: einfach leben. Unglücklich mit der eigenen Lebenswirklichkeit, überfordert von den eigenen Ansprüchen, neidisch auf die, die es (scheinbar) besser hinkriegen und arrogant gegenüber denen, die nicht so viel hinterfragen (konnten), aber trotzdem glücklicher leben. Quintessenz des Hahn’schen Romans: Wer sein Leben inszeniert, lebt nicht.

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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part III

Na? Seid ihr zurück oder neu dabei? In jedem Fall herzlich willkommen zum etwas anderen literarischen Valentinsspezial. Ganz gleich, ob und wie ihr heute morgen beschenkt oder nicht beschenkt wurdet, schnurz, ob Euch Valentinstag herzlich (ha!) egal ist: Heute gibt es den dritten Teil meiner liebsten Bücher über Liebe. Allen, denen der Valentinstag zu rosafarben ist, verspreche ich: heute wird es deep. So deep wie die Liebe eben. Und genauso kompliziert, verwirrend, schmerzhaft oder schwebend leicht wie sie.

Ingeborg Bachmann/Paul Celan: Herzzeit. Briefwechsel, Suhrkamp, 399 Seite. 

In diesem Briefwechsel begegnen sich zwei, die einmal absolute Schwergewichte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur werden sollen. Alles beginnt 1948: Auf der einen Seite haben wir Ingeborg Bachmann, diese ganz junge Dichterin (gerade 21 Jahre alt) aus Wien und den schon etwas älteren Paul Celan. Beide schreiben, doch die familiären Wurzeln könnten verschiedener nicht sein: Ingeborg Bachmann ist die Tochter eines österreichischen Nazis, Paul Celan ein staatenloser Jude, dessen Eltern in einem Konzentrationslager ermordet wurden und der ein rumänisches Arbeitslager überstanden hat.

Wir steigen ein in die Literaturszene der Nachkriegszeit und die Frage, ob und wie man nach Auschwitz noch ein Gedicht schreiben kann. Wir blicken in die Seelen zweier völlig unterschiedlicher Künstler. Es geht um Fragen zu Vergangenheit und Schuld, die gerade Bachmann stark bewegen und beanspruchen. Und darüber hinaus geht es vor allem um die Geschichte einer schwierigen Liebe. Manchmal wirkt es so, als würden hier zwei Seelenverwandte schreiben, oft aber scheinen sie auch einander zu bekriegen, bewusst zu demütigen. Das ist nicht nur phasenweise, sondern fast durch die gesamte Korrespondenz hindurch quälend zu lesen, wenn zwei, deren Leben doch das Schreiben ist, um jedes Wort ringen müssen, sich verletzen oder anschweigen. Der Abgrund, an dem diese Liebe scheitert, ist die damals jüngste Vergangenheit. Wer auch etwas für die schmerzvolle und die verzweifelte Liebe übrig hat, sollte es unbedingt mit diesem Briefwechsel versuchen.

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Hans Werner Kettenbach: Sterbetage, Diogenes, 244 Seiten.

Die Konstellation „alter Mann liebt junges Mädchen“ ist nicht neu, vielleicht erscheint sie Euch abgedroschen, vielleicht wollt ihr nichts mehr von Lolita lesen, doch glaubt mir: „Sterbetage“ von 1986 ist eines der schönsten zu unrecht unbekannten Bücher, die es da draußen gibt. Die Liebe zwischen Herrn Kamp und Claudia ist wie keine zweite.

Heinz Kamp ist 60, verwitwet, arbeitslos und erwartet nichts mehr vom Leben. Still lebt er in seiner kleinen Wabe in einem westdeutschen Hochhaus mit 150 anderen Parteien zusammen. Nachts, wenn er nicht schlafen kann, geht Kamp allein spazieren. Auch in einer eisigen Januarnacht ist er unterwegs und begegnet Claudia, Studentin, viel zu dünn angezogen, die die letzte Straßenbahn verpasst hat. Kamp bietet ihr an – zögernd, weil er ihr keine Angst machen will – bei ihm auf die erste Bahn am Morgen zu warten. Und zu Kamps Überraschung wird Claudia nach diesem ersten Besuch immer und immer wieder zu Kamp zurückkehren. Weil sie ihn – liebt? Kamp kann nicht verstehen, was dieses junge Mädchen dazu bringt, sich immer wieder bei ihm zu melden. Er sucht nach rationalen Gründen und findet keine. Zudem taucht Claudia immer wieder für Wochen ab, um dann erneut vor seiner Tür zu stehen. Argwöhnisch geworden beginnt er, versponnene Theorien zu entwickeln: Claudia wolle ihn ausrauben, ihre mögliche Rauschgiftsucht finanzieren. Er traut er ihr alles zu und kann nicht begreifen, dass Claudia nichts dergleichen im Sinn hat, vielleicht, weil Kamp schon zu lange allein und illusionslos gelebt, zu lange nicht geliebt hat. Aus dieser Konstellation entsteht eine ungewöhnliche Beziehung, die nicht billig ist, aber auch nicht rein platonisch bleibt und vor allem von den gemeinsamen Gesprächen lebt.

Mir hat besonders gefallen, wie gut die nüchterne Sprache den grauen Frührentner Kamp trifft, wie vorsichtig erzählt wird und wie bescheiden die beiden Hauptcharaktere sind. Außerdem ist es erquickend, in eine andere, nämlich die analoge Welt der 1980er Jahre, einzutauchen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was vor 30 Jahren zum Lebensstandard gehörte – und was nicht. Was als unverschämt empfunden wurde, wie Alltag aussah, was man unter einem gelungenen Leben verstand. Das ist nicht Thema des Buches, doch 30 Jahre später scheint sich so viel verschoben zu haben, dass es mir beim Lesen auffiel. Nie hat das Buch die große Geste nötig, auch sprachlich ist einfach und zurückhaltend. Alles ist spröde und dennoch zart. „Sterbetage“ ist ein Kleinod über das Verrinnen der Zeit, menschliches Misstrauen und Lebensmüdigkeit und die Kraft, dieses Dunkel zu vertreiben.

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Und zu guter Letzt habe ich noch einen Tipp, den ich mir selbst noch nicht zugelegt, aber bei Dussmann angeschaut habe: “Schreiben Sie mir, oder ich sterbe” heißt der Titel eines  Coffee-Table-Buchs aus dem Piper-Verlag, und der Titel ist Programm: Hier schreiben sich prominente Liebende. Remarque schreibt an Marlene Dietrich und fragt, ob sie “unterwärts” auch warm angezogen sei, Oscar Wilde schreibt und auch Stieg Larsson, Paula Modersohn-Becker, Napoleon und Winston Churchill. Was zum Blättern und staunen, wer wen geliebt hat…

Das war’s von mir, jetzt genießt den Tag!

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