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Petunias perfekte Pinterest-Pinnwand oder: Wie Spießer aufhörten, die Hecke zu schneiden und online gingen

Den ersten Harry-Potter-Band habe ich zusammen mit meiner Mutter gekauft. Das muss 1999 gewesen sein, damals war ich neun Jahre alt. Auf meiner Ausgabe seht ihr noch den Aufkleber der Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, den ich damals am liebsten abgezogen hätte. An der unteren Ecke sieht man noch meine Bemühungen, ihn von Sabine Wilharms Titel, den ich so viel schöner ohne Sticker fand, abzupulen. Er saß fest. Gott sei Dank. Sonst könnte ich heute nicht mehr beweisen, dass ich einmal im Leben früh dran war. Wenige Tage nach diesem Bücherkauf fuhr meine Mutter in geheimer Mission wieder in die Stadt und fragte im Buchladen, ob es etwas vergleichbares gäbe. Ihre Tochter sei ganz verrückt nach dem Buch. Bedaure, sagte die Buchhändlerin. Band 2 erscheine erst demnächst… And so it all began.

Wenn ich heute zurückschaue, fällt mir auf, mit welcher Akribie ich mich damals in diese Welt zwischen Ligusterweg und Winkelgasse vertiefte. Ich malte das Hogwarts-Kollegium, mit passenden Brillenformen und farbcodierten Umhängen. Ich zeichnete eine Karte des Rumtreibers mit allen Geheimgängen in meiner eigenen Schule. Fortan bemühte ich mich, nur noch auf Geheimwegen zum nächsten Klassenzimmer zu kommen. Ich schnitt alles, was ich zu Harry Potter finden konnte, aus der Zeitung aus und legte eine Sammelmappe an. Ich kaufte mir sogar einen Stern und stellte erstaunt fest, dass er neben der Titelgeschichte über Harry auch Nacktfotos von Katja Riemann enthielt. Ich ging zu Karstadt und fragte, nachdem der Verkauf eines weiteren Bandes über die Bühne gegangen war, nach der Schaufensterdekoration. Ich bekam einen riesigen Harry aus Karton, auf einem Nimbus 2000 sitzend, den ich in meinem Zimmer an die Wand hängte. Ich bastelte aus Pappmaschee einen Phönix mit 2-Meter-Flügelspannweite, der dann seinerseits das Schaufenster einer lokalen Buchhandlung schmückte. Diese Akribie entwickeln viele Kinder und Jugendliche, sie kann sich auf alles Mögliche beziehen, und wenn man Glück hat, hält sich diese tiefe Faszination für ein Thema bis ins Erwachsenenalter. Und wird dann vielleicht zu einer Doktorarbeit, die fröhlich in Breslauer Adressbüchern von 1903 blättert, um sich danach in 1902 zu verlieren.

Nicht noch einmal werde ich den Zauber dieser Jahre heraufbeschwören. Wer sie kennt – die nächtlichen Leseaktionen, in denen ich, ausgestattet mit einem Teller voll Leckereien, den meine Mutter an meinen Leseort brachte, die ganze Nacht wachblieb – dem wird alles, was ich beschreiben würde, auf seine Art und Weise bekannt vorkommen. Ich will mich lieber auf die Dinge konzentrieren, die mich, wenn ich eine ruhige Minute über Harrys Welt nachdenke, bis heute beschäftigen.

Zum Beispiel, dass ich die Verfilmungen bis heute nicht mag. Ich saß mit elf zitternd im Kino und fürchtete, die Leinwandbilder der Warners würden meine sorgsam ausstaffierte Fantasiewelt übertünchen und verfremden. Mich nervte das hässliche Merchandise und dass der Carlsen-Verlag bei Band vier den Schriftzug des Films auf dem Titelbild übernahm. Mich nervte, wie einheitlich mittelalterlich die Zauberer aussahen, ich hatte mir die modische Bandbreite des Geschmacks und Geldbeutels in der Zaubererwelt viel breiter vorgestellt. Warum gab es keine schicken Hexen in Chanel oder Männer im Karo-Pullunder? Ich war enttäuscht und bin es bis heute. Viel realistischer scheint mir die Zaubererwelt modisch in „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ zu sein, der auch sonst unterhaltsam ist und eine erwachsenere Version des Fiebers wieder aufkommen lässt.

Was mich am meisten beschäftigt, ist die Frage, wie ich die Dursleys heute zeichnen würde. Natürlich, es gibt auch heute noch genau diese Sorte von Spießer, die die keinen Humor verstehen, bei einer Bohrmaschinenfirma arbeiten, samstags die Hecke schneiden und einen verzogenen Sohn haben der andere Kinder piesackt. Aber gibt es inzwischen nicht auch andere Spießer?

Grob gesagt sind Spießer engstirnige Menschen, peinlich auf Konformität mit gesellschaftlichen Normen bedacht. Bloß nichts anders machen, bloß nicht abweichen. Dieses Bloß-alles-richtig-Machen kann in immer neuen Gewändern daherkommen. In manchen teilen Berlins wäre der heckeschneidende Angestellte inzwischen sicherlich die Ausnahme. Und darum vielleicht kein Spießer mehr. Vielleicht wäre die Petunia eines gewissen Großstadtmilieus genauso darauf bedacht, alles richtig zu machen, wie die Petunia aus dem Ligusterweg. Nur eben anders richtig. Je nach Alter eben mit Auslandserfahrung, aber irgendwie doch voll häuslich. Oder natürlich mit Erfahrung und emanzipiert, aber doch auf der Suche nach dem einen einzigen Prinzen. Mit Spaß an Super Foods und dennoch kalorienzählend. Mit selbstausbeuterischem Job, aber dem Satz „Für Politik interessiert sich bei uns ja eher Florian“ auf den Lippen. Ihr merkt, ich bediene Klischees, aber auch die Dursleys bedienen Klischees. Und wenn Du genauso sein willst, Petunia, dann bleib bitte genau so. Aber wenn Dir, wenn keiner zuschaut, das alles zum Hals raushängt, dann zwing Dich bitte nicht länger unter dieses Joch, wirf es ab. Und vor allem: Mach’ es Dir dort nicht bequem. Früher wolltest Du doch auch lieber wie Hermine sein, oder?

 

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Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Wie viele Menschen in Deinem Mehrparteienhaus kennst Du? Zwei, drei? Und was heißt das: kennen? Vielleicht habt ihr mal ein Hausfest gefeiert, Lampions aufgehängt, im Hof gegrillt. Vielleicht spielen Eure Kinder zusammen und ihr habt Euch schon einmal einen Liter Milch bei dem Mann aus dem Erdgeschoss geliehen. Wer mietet, kennt die Menschen hinter seiner eigenen Wohnzimmerwand meist kaum.

In Haus Nummer 29, das Juliana Kálnay zum Schauplatz ihres Debüt-Romans gemacht hat, ist es ähnlich. Die Bewohner kennen sich – und kennen sich doch nicht. Genauso wird die Geschichte auch erzählt, nämlich so, als würden wir plötzlich als Geist durch Nummer 29 schweben. Es gibt keine Einleitung, keine Aufstellung wie bei Tolstoi, in der alle Hausbewohner vorgestellt werden. Genauso wie neue Mieter irgendwo einziehen und sich zurechtfinden müssen, beginnen wir Kálnays Roman zu lesen. Wir sind sofort mittendrin, haben aber keinen Überblick. Wie durch die Türchen eines Adventskalenders schauen wir in die unterschiedlichsten Wohnzimmer hinein und sehen wundersame Menschen. Es gibt die alte Rita, die schon mit ihren Eltern in Nummer 29 gewohnt hat und die Autorität des Hauses ist. Es gibt Lina, deren Mann Don sich in einen Baum verwandelt hat und auf ihrem Balkon wohnt. Es gibt das Liebespaar Bell und Toni. Es gibt die kokelnden Kinder, die in einer Grillpfanne Nacktschnecken verbrennen, den Mann, der im Aufzug geduldet wird und viele andere.

Niemand in diesem Haus jenseits von Zeit und Raum scheint arbeiten zu müssen, alle leben seltsam losgelöst von unserer Gegenwart. Im ganzen Buch taucht kein Handy auf und kein Internet, doch was noch viel weniger der Gegenwart des Zusammenwohnens in einem Haus zu entsprechen scheint: Es kümmert die Menschen, wer mit ihnen unter einem Dach lebt. Sie beobachten einander, kennen die Gewohnheiten der anderen. Dennoch strahlt der Roman nichts von Bullerbü-Romantik aus. Klar, es gibt „wollweiche Socken“, selbstgebackene Kekse und Frauen, die Marmelade einkochen. Aber Menschen verschwinden auch, sie verwandeln sich oder werden verlassen. Liebende werden eingemauert, Eltern lassen ihre Kinder allein zurück, Schwestern ihre Brüder. Es ist keine heile Welt, sondern auch eine der Gerüchte, der hastig getuschelten Treppenhausunterhaltungen, des Halbwissens und des Wegsehens (angedeutet sind Entführungen und Gefangenhalten, Missbrauch und Selbstmord). Auch um Erinnern und Kindheit als Motive geht es, denn das Haus wird es am Ende des Buches nur noch in der Erinnerung seiner verstreuten Besucher geben.

In kleinen Portionen tischt Juliana Kálnay uns Eindrücke vom Leben der Hausbewohner auf. Multiperspektivisch, nur nach Stockwerken und rechts links eingeteilt. Stets erfahren wir nur so viel über die Bewohner, wie es braucht, um sich ein Bild von den Menschen hinter dem Kalendertürchen zu machen. Ich-Erzähler und personale Erzähler wechseln sich ab. So entstehen viele übereinanderliegende Bilder von Haus Nr. 29: Jeder hat einen anderen Blick auf die Hausgemeinschaft, sieht und erlebt nur einen Teil des Hauses, kennt andere Menschen und immer nur Teile der Geschichte. Kálnays Sprache ist vielseitig, auf eine ruhige Art farbig. Sie kann die Heimeligkeit eines Mikrokosmos ausstrahlen, doch auch etwas hinter den Wänden lauern lassen. Ihre Sprache experimentiert mit den unterschiedlichen Sprechweisen der Bewohner: Kinder, Jugendliche, Alte, einfache Gemüter, und dieses Ausprobieren scheint ihr großen Spaß zu machen. Zusammen mit den verwunschenen Bildern und aus der Zeit gefallenen Personen entsteht eine andere Realität, ein Haus wie eine Welt, die aus Traum, Absurdität, Ängsten und Erinnerungen gesponnen ist, sich weiterspinnt – und dabei unserer Welt sehr ähnlich sieht. Doch in Nummer 29 entpuppt sich das scheinbar Bekannte als das größte Rätsel.

Kálnays Roman ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes: kunstvolle Montagetechnik wirkt hier mühelos, der Leser folgt dem Absurden gern und ohne Widerwillen, lässt sich ganz auf das Haus ein. Juliana Kálnay ist 1988 geboren, wohnt derzeit in Kiel und hat Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim studiert. Bewusst und transparent wird in einem kleinen Nachwort außerdem auf die Autoren verwiesen, die Kálnay als Anregung gedient haben, Julio Cortázar ist darunter und Jenny Erpenbeck. „Eine Chronik des allmählichen Verschwindens“ ist ein anregendes, ungewöhnliches Buch. Es setzt nicht auf die psychologische Ergründung seiner Figuren, sondern zeigt sie und Ausschnitte ihrer Lebenswelt. Das Rätselhafte ist dabei nichts, was aufgelöst werden müsste, vielmehr wird es angenommen. So, wie man eben auch in einem Haus lebt: als Teil eines Organs, das man nicht ganz erfassen kann. Ich bin gespannt, in welche Welt uns die Autorin als nächstes entführt.

Juliana Kálnay, Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens”, Verlag Klaus Wagenbach, 192 Seiten.

Mein herzlicher Dank gilt dem Klaus-Wagenbach-Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zukommen lassen hat.

 

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Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage

Wenn endlich alles in Ordnung ist, wenn Du Dein Studium abgeschlossen hast und jetzt einen Job hast, einen Mann geheiratet hast, eine vernünftige Wohnung und zwei süße kleine Kinder hast, denen Du hübsche Namen gegeben hast und sie Du mit Bio-Äpfeln fütterst, dann könnte es sein, dass Du statt eines Lebens ein Gefängnis eingerichtet hast. Dass Du hasst.

Stuttgart, Westen, Constantinstraße. „Braungelbe Sandsteinhäuser wölben ihre verzierten Fassaden nach vorn wie frische Brote und Kuchen.“ Ein Akademikerbezirk im Schwabenländle. Das ist die Welt von Judith, X und Luise. Drei Frauen, um die Anna Katharina Hahn ihren Roman von 2009 wie eine scharf beobachtende Drohne kreisen lässt.

Zum einen haben wir Judith, die eigentlich Jutta heißt, ihren Durchschnittsnamen aber gern etwas Exotik verleihen wollte. Judith lebt den Ökö-Traum: Zwei Söhne mit rosigen Wangen und stämmigen Beinchen, Uli und Kilian, einen Mann (Klaus, nett, Professor für Maschinenbau) im Unibetrieb beschäftigt. Zusätzlich geben Rudolph Steiners strenge Regeln auf pastellfarbenem Papier und der Jahreszeitentisch Rhythmus und Sicherheit. Arbeiten geht Judith nicht, der enttechnisierte Haushalt, die Abendsuppe und ihre Kinder sind Aufgabe genug und damit kann sie sich auch von den anderen bösen Gedanken ablenken, die immer mal wieder kommen: von den dunklen Uni-Jahren im Stuttgarter Osten, Panikattacken vor Kunstgeschichte-Referaten, den Drogen, der zermürbenden Affäre mit Sören aus Tübingen, der nicht abgeschlossenen Examensarbeit über Otto Dix. Wenn die Gedanken zu schlimm werden, raucht Judith heimlich oder nimmt eben eine Beruhigungstablette.

In der Wohnung gegenüber, auch auf die Constantinstraße, wohnt Leonie, 5 Jahre jünger, auch verheiratet, zwei süße Mädchen, Karrierefrau. Ihrem Mann Simon, aus dem Hohenlohischen („Schwabenbronx“), musste sie erst die Sozialcodes beibringen, jetzt arbeitet Simon verbissen bis spät abends, um die viel zu große 8-Zimmer-Wohnung im Stuttgarter Speck bezahlen zu können. Damit hat er Leonie, die auf hohen Schuhen und in die Bank stöckelt, quasi zur Alleinerziehenden gemacht. Abends plagt sie beim Blick in die Idylle von Judiths Wohnzimmer das schlechte Gewissen.

Suhrkamp-Verlag: “Muster­mütter und Karrie­­refra­­uen, Euryth­­mie und Hyster­­ie, Allein­­erzie­­hende­­ und Proble­­mkind­­er, Wohlst­­and und Verwahrlosu­­ng.”

Und dann gibt es da noch Luise Posselt. Gemeinsam mit ihrem Mann Wenzel (er Flüchtling, sie Schwäbin, Ehe geschlossen um 1945) lebt sie im Erdgeschoss unter Judith. Ihres körperlichen und geistigen Verfalls ist Luise sich bewusst. Sie weiß, dass Judith sich vor ihr ekelt, ihre Kinder am liebsten nicht bei ihr spielen lassen will. Dennoch ist Luise in dem Buch die einzige, die weiß, wie das geht: leben. Nicht: Leben inszenieren.

Bürgerliche Karrieresucht, Überbietungskampf, selbsterzeugter Druck, das sind die Themen des Romans. Es geht um Optimierungswahn, hier in seiner weiblichen Spielart, um mühsam gebastelte und mühsam unterhaltene Identitäten von Frauen in einer Zeit, in der sich alle Selbstverständlichkeiten aufgelöst haben. Es geht um das enge Weltbild, an dessen Ränder sich scheinheilig tolerante Akademiker schnell stoßen, wenn eine alte Frau Bonbons mit „Industriezucker“ (wo sollte er auch sonst herkommen) zusteckt und das Wegschauen und Weghören, das es braucht, um eine Idylle aufrechtzuerhalten. Dabei urteilt Hahn nicht über ihre Figuren, auch wenn sie eine Haltung zu ihnen hat und beißende Ironie. Die größte Stärke des Buches ist die in Sprache gegossene Beobachtungsgabe für „die feinen Unterschiede“.

Ich empfehle das Buch allen, die sich an einem kritisch-genauen Blick auf ein kleines Stück Erdoberfläche erfreuen können. Es passt zur ganzen twenty7thirtytwo-Suche nach Identität ganz wunderbar. Es beschreibt das Dilemma junger, gut ausgebildete Frauen, die nicht mehr wissen, wie das geht: einfach leben. Unglücklich mit der eigenen Lebenswirklichkeit, überfordert von den eigenen Ansprüchen, neidisch auf die, die es (scheinbar) besser hinkriegen und arrogant gegenüber denen, die nicht so viel hinterfragen (konnten), aber trotzdem glücklicher leben. Quintessenz des Hahn’schen Romans: Wer sein Leben inszeniert, lebt nicht.

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Reading in February

February is – for sure – my least favourite month of the year. Even though two close friends have their birthdays in February. Carnival season doesn’t mean anything to me. The long winter is tiring me and in February, it’s always the worst. Since October, the weather in Berlin has been constantly grey, chilly or cold, rainy or hazy; I’ve been wearing a jacket that looks like a duvet, making me look like the Michelin-Man. I’ve had five colds and I haven’t recovered from the last yet. So, February in Germany is a mess.

However, it was touching to see people, deficient in vitamin D, crawling out of theirs burrows as soon as the first rays of sun come out. You can really feel their and your own longing for light, spring and warmth. The sun blinds you, you quint your eyes, it tickles your face and for a moment, you blindly gaze into the sun with your eyes closed – until the S-Bahn comes or the next best cloud is pushed across the sun.

But a month of bad weather and bad health gives you enough time to read. In February, I finished Thomas Glavinic’s “Die Arbeit der Nacht” (Englisch title is “Night Work”) and after this demanding novel, I chose only entertaining and light reading. When I say “light”, I don’t mean shallow. I think it’s an art in itself to write a book that makes its reader turn pages, laugh out loud and is still melancholic and observant, moving you. Very few books can do that to me. 80% of what lies around at Hugendubel, just makes me choke. But with these three books, it was different. I’d recommend them especially as presents. Almost everyone who read those three books enjoyed them… Maybe it’s because the books are all in a way simple, but nevertheless observe childhood, family and everyday topics realistically, not through rose-tinted glasses.

But, enough of complaining about bad weather and cheap tricks: here’s what I read in February… [Sorry, the first review is, for whatever reason, in English, even though I read the book in German and Thomas Glavinic is Autrian. Just scroll down to the next two reviews, I switched back to German there. You find more on language in the “About”.]

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1. Thomas Glavinic: Night work

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On Thomas Glavinc’s “Night work”, I almost broke a tooth. Generally, I consider myself a quite a persistent reader. I normally don’t put aside books which seem taxing to me. In case of “Night work” yet, I was more than once on the verge of returning it to my mother who had lent it to me. It was hard to stick to it, but I assume, that was part of Glavinic’s plan.

However, the novel’s scenario is a gripping one. It resembles a constellation you may know from nightmares or daydreaming: Jonas, 35 years old, male, furniture salesman, with a girlfriend called Marie, wakes up one day, goes to the bus stop, waits for the bus a little too long – and finds the world empty. No cars, no radio, TV, no Internet, no one picks up the phone. Not even birds chirping or flies buzzing. Jonas comes to realize he’s the last living creature on earth.

This setting reminded me of my beloved “The Wall” (“Die Wand by the Austrian author Marlen Haushofer from 1963): What would it be like to be the last human on earth? Glavinic radicalizes this experiment as all animals are gone from Jonas’ world.

At first, Jonas looks for people, keeps driving around Vienna, searching for others and the solution to his strange situation. To improve his chances of tracing down someone, he installs cameras around the city. Then, he starts looking for answers within himself. He begins recording his sleeping self, who seems to be doing disturbing actions at night: Jonas wakes up and a knife is stuck in his bedroom wall. Or: Jonas decides to look for Marie, who is supposed to be in England with relatives. He drives 700 miles, and then takes a rest, only to find out that his sleeping self sabotaged his plans and drove back the entire distance. Of course, the reader desperately wants to find out what happened to the rest of the earth’s population and who will win: Jonas or the sleeper.

“Who am I if nobody is watching me?”

Glavinic doesn’t answer our questions. Maybe he can’t solve the experiment he set up himself. What is brilliant about Glavinic’s writing is ability to manipulate and unsettle the reader. Glavinic forces you to deal with the same insecurities Jonas has to face. So, the reader keeps wondering: “Did the narrator tell me that Jonas stopped and looked into the trunk’s car? Or am I only making this up?” I was constantly leafing backward and forward through the pages to find out whether I was right about what had just happened. The story confronts the reader with big and yes, philosophical questions: “Who am I if nobody is watching me?” or “What do things do, if nobody is there watching them? Do they change positions? Alter their looks?”

Call me simplistic, but I thought Glavinic should have delivered more hints to what happened to Jonas. Now, it just seems to me like an experiment which the author lost his interest in. But maybe I just missed something while I was trying to read too carefully. Just like it happens to Jonas all the time…

Und jetzt auf Deutsch, bitte

Die drei nächsten Bücher, nämlich Robert Seethalers „Ein ganzes Leben”, Matthias Brandts „Raumpatrouille” und Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch. Amerika” sind natürlich drei ganz unterschiedliche Bücher. Was sie aber eint: Sie sind zum Verschenken geeignet. Nicht dass ich meine weggeben wollte, aber ich habe Joachim Meyerhoff schon mehrmals und an ganz unterschiedliche Leute verschenkt. Die Themen, um die es in allen drei geht – grob gesagt: einfaches, entbehrungsreiches aber schönes Leben (Seethaler), ein realistischer, liebevoller, dennoch sehr genauer und nie geschönter Blick auf Familie und Erwachsenwerden (Brandt und Meyerhoff) sind vielleicht solche, an die jeder Erinnerungen hat.

2. Matthias Brandt: Raumpatrouille

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Brandts „Raumpatrouille“ besticht vor allem durch die trockene Sprache, mit der sich ein reflektierter Erwachsener an das staunende, gewöhnlich-außergewöhnliche Kind erinnert, dass er in den 1970er Jahren war. Dieses Kind wächst in einer Familie auf, die so durchschnittlich wie andersartig ist. Durchschnittlich, was die Kleidung, Ausstattung und Wünsche des Kindes betrifft, denn das sind in den späten 60ern und frühen 70ern in West-Deutschland eben Neil-Armstrong-Kostüm, Bonanza-Fahrrad und Wim Thoelke. Und sehr anders, weil die Mutter des Kindes Norwegerin und der Vater des Kindes Bundeskanzler ist. Diesen normalen Wahnsinn – Fahrradausflug mit Herrn Wehner, einen Jahrmarktsbesuch wie eine Verfolgungsjagd, erst Fluchtphantasien, dann Reue und Heimweh – beschreibt Brandt so warmherzig, wie ehrlich und ungeschönt. Ein Schatzkästlein der Kindheit, ganz ohne Sentimentalitäten, dessen Geschichten wie Unikate (die Eichelhäherfeder, das Katzengold, die Muschel) in Erinnerung bleiben werden.

3. Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

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Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ ist eine schöne Geschichte mit einem winzigen bisschen Kitsch, die man an einem Nachmittag, z.B. wenn man krank im Bett liegen muss, austrinken kann wie ein Glas heiße Milch mit Honig.

Andreas Egger, geboren am Anfang des 20. Jahrhunderts, kommt als Kind zu seinem Onkel in ein österreichisches Alpental, in dem er sein ganzes Leben verbringen soll und ebendort auch siebzig Jahre später sterben wird. Eggers Leben ist vorgezeichnet, seine Herkunft bestimmt, wer er werden wird. Nie wird er darüber nachdenken, was er sein könnte, werden könnte, aus sich machen könnte: Egger ist. Er lebt. Es wird ein arbeitsreiches, unfaires, entbehrungs- und verlustreiches Leben werden, das den meisten Leser sehr weit entfernt vorkommen mag. Egger ist ein stoischer Charakter, der hinnimmt, erträgt, keine Wut spürt und keine Rache kennt, weil er mit seinem täglichen Leben schon genug zu tun hat und auch, weil er sich selbst nicht so schrecklich wichtig nimmt.

Zu Eggers Charakter passt Seethalers klare, ruhige Sprache, in der Verluste, Kriege, Ungerechtigkeiten nie dramatisch dargestellt werden, sondern einfach passieren. So kommt es, dass von dem Buch eine Ruhe ausgeht. Verstärkt noch durch Kulisse des Romans: Der Mensch verändert die Natur zwar im Laufe der Zeit, schlägt Schneisen in den Wald, baut Seilbahnen und Straßen, doch die Natur erweist sich als stärker. So hat Seethaler einen Roman geschaffen, der auf eine sehr unaufgeregte Art und Weise einen Typus Mensch zeigt, der sein Schicksal auf sich nimmt und keine Ansprüche stellt und vielleicht gerade deswegen so viel Anklang findet.

Und Meyerhoff gibt’s im März-Rückblick, ich fand ihn nämlich so klasse, dass ich gleich noch “Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” hinterher gelesen habe. Das war’s für heute von mir … im Märzen der Bauer… bis bald.

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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part III

Na? Seid ihr zurück oder neu dabei? In jedem Fall herzlich willkommen zum etwas anderen literarischen Valentinsspezial. Ganz gleich, ob und wie ihr heute morgen beschenkt oder nicht beschenkt wurdet, schnurz, ob Euch Valentinstag herzlich (ha!) egal ist: Heute gibt es den dritten Teil meiner liebsten Bücher über Liebe. Allen, denen der Valentinstag zu rosafarben ist, verspreche ich: heute wird es deep. So deep wie die Liebe eben. Und genauso kompliziert, verwirrend, schmerzhaft oder schwebend leicht wie sie.

Ingeborg Bachmann/Paul Celan: Herzzeit. Briefwechsel, Suhrkamp, 399 Seite. 

In diesem Briefwechsel begegnen sich zwei, die einmal absolute Schwergewichte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur werden sollen. Alles beginnt 1948: Auf der einen Seite haben wir Ingeborg Bachmann, diese ganz junge Dichterin (gerade 21 Jahre alt) aus Wien und den schon etwas älteren Paul Celan. Beide schreiben, doch die familiären Wurzeln könnten verschiedener nicht sein: Ingeborg Bachmann ist die Tochter eines österreichischen Nazis, Paul Celan ein staatenloser Jude, dessen Eltern in einem Konzentrationslager ermordet wurden und der ein rumänisches Arbeitslager überstanden hat.

Wir steigen ein in die Literaturszene der Nachkriegszeit und die Frage, ob und wie man nach Auschwitz noch ein Gedicht schreiben kann. Wir blicken in die Seelen zweier völlig unterschiedlicher Künstler. Es geht um Fragen zu Vergangenheit und Schuld, die gerade Bachmann stark bewegen und beanspruchen. Und darüber hinaus geht es vor allem um die Geschichte einer schwierigen Liebe. Manchmal wirkt es so, als würden hier zwei Seelenverwandte schreiben, oft aber scheinen sie auch einander zu bekriegen, bewusst zu demütigen. Das ist nicht nur phasenweise, sondern fast durch die gesamte Korrespondenz hindurch quälend zu lesen, wenn zwei, deren Leben doch das Schreiben ist, um jedes Wort ringen müssen, sich verletzen oder anschweigen. Der Abgrund, an dem diese Liebe scheitert, ist die damals jüngste Vergangenheit. Wer auch etwas für die schmerzvolle und die verzweifelte Liebe übrig hat, sollte es unbedingt mit diesem Briefwechsel versuchen.

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Hans Werner Kettenbach: Sterbetage, Diogenes, 244 Seiten.

Die Konstellation „alter Mann liebt junges Mädchen“ ist nicht neu, vielleicht erscheint sie Euch abgedroschen, vielleicht wollt ihr nichts mehr von Lolita lesen, doch glaubt mir: „Sterbetage“ von 1986 ist eines der schönsten zu unrecht unbekannten Bücher, die es da draußen gibt. Die Liebe zwischen Herrn Kamp und Claudia ist wie keine zweite.

Heinz Kamp ist 60, verwitwet, arbeitslos und erwartet nichts mehr vom Leben. Still lebt er in seiner kleinen Wabe in einem westdeutschen Hochhaus mit 150 anderen Parteien zusammen. Nachts, wenn er nicht schlafen kann, geht Kamp allein spazieren. Auch in einer eisigen Januarnacht ist er unterwegs und begegnet Claudia, Studentin, viel zu dünn angezogen, die die letzte Straßenbahn verpasst hat. Kamp bietet ihr an – zögernd, weil er ihr keine Angst machen will – bei ihm auf die erste Bahn am Morgen zu warten. Und zu Kamps Überraschung wird Claudia nach diesem ersten Besuch immer und immer wieder zu Kamp zurückkehren. Weil sie ihn – liebt? Kamp kann nicht verstehen, was dieses junge Mädchen dazu bringt, sich immer wieder bei ihm zu melden. Er sucht nach rationalen Gründen und findet keine. Zudem taucht Claudia immer wieder für Wochen ab, um dann erneut vor seiner Tür zu stehen. Argwöhnisch geworden beginnt er, versponnene Theorien zu entwickeln: Claudia wolle ihn ausrauben, ihre mögliche Rauschgiftsucht finanzieren. Er traut er ihr alles zu und kann nicht begreifen, dass Claudia nichts dergleichen im Sinn hat, vielleicht, weil Kamp schon zu lange allein und illusionslos gelebt, zu lange nicht geliebt hat. Aus dieser Konstellation entsteht eine ungewöhnliche Beziehung, die nicht billig ist, aber auch nicht rein platonisch bleibt und vor allem von den gemeinsamen Gesprächen lebt.

Mir hat besonders gefallen, wie gut die nüchterne Sprache den grauen Frührentner Kamp trifft, wie vorsichtig erzählt wird und wie bescheiden die beiden Hauptcharaktere sind. Außerdem ist es erquickend, in eine andere, nämlich die analoge Welt der 1980er Jahre, einzutauchen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was vor 30 Jahren zum Lebensstandard gehörte – und was nicht. Was als unverschämt empfunden wurde, wie Alltag aussah, was man unter einem gelungenen Leben verstand. Das ist nicht Thema des Buches, doch 30 Jahre später scheint sich so viel verschoben zu haben, dass es mir beim Lesen auffiel. Nie hat das Buch die große Geste nötig, auch sprachlich ist einfach und zurückhaltend. Alles ist spröde und dennoch zart. „Sterbetage“ ist ein Kleinod über das Verrinnen der Zeit, menschliches Misstrauen und Lebensmüdigkeit und die Kraft, dieses Dunkel zu vertreiben.

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Und zu guter Letzt habe ich noch einen Tipp, den ich mir selbst noch nicht zugelegt, aber bei Dussmann angeschaut habe: “Schreiben Sie mir, oder ich sterbe” heißt der Titel eines  Coffee-Table-Buchs aus dem Piper-Verlag, und der Titel ist Programm: Hier schreiben sich prominente Liebende. Remarque schreibt an Marlene Dietrich und fragt, ob sie “unterwärts” auch warm angezogen sei, Oscar Wilde schreibt und auch Stieg Larsson, Paula Modersohn-Becker, Napoleon und Winston Churchill. Was zum Blättern und staunen, wer wen geliebt hat…

Das war’s von mir, jetzt genießt den Tag!

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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part II

Willkommen zurück, heute geht es weiter mit Teil 2 der Trilogie gebrochener, gekitteter Herzen vor dem Valentinstag. Waren gestern die Bücher unter 200 Seiten dran, geht es heute weiter mit Büchern aus Südamerika und New York und vor allem mit Mädchen, die kaum zur Disney-Prinzessin taugen, sondern das Anarcho-Gen haben und nicht zu stoppen sind. Los geht’s:

Truman Capote: Breakfast At Tiffany’s, Penguin, 98 Seiten.

Natürlich. Jede und jeder kennt den Film. Und man könnte sagen: „Liebe twenty7, hier stimmt Deine Liste aber nicht, das ist doch schließlich ein Klassiker!“ Ich finde ihn aber so wunderschön verquer und noch schöner als den Film, dass das „Frühstück“ doch hier drauf gehört. Und, seid ehrlich: Alle haben den Film gesehen, Aber wer hat danach noch das Buch gelesen? Also verabschiedet Euch, auch wenn es schwer fällt, ganz kurz von Audreys Augenaufschlag und lernt Holly Golightly noch einmal neu kennen.

Die kleine Geschichte ist – weit mehr noch als der Film – voller liebenswürdiger, aber absolut verschrobener Charaktere. Außerdem bekommt man einen viel lebendigeren Eindruck davon, was das New York der späten Fünfzigerjahre für ein abgefahren verrückter Ort gewesen sein muss: voller Jazzbands und Barkeeper mit Armen wie Oktopusse, außerdem verdrogt, verdreckt und verflucht frei. Der Ton ist rotzig und kess, die Feten grandios und Holly ein Charakter für die Ewigkeit. Eine hoffnungslos romantische Kind-Frau mit exzellentem Halbwissen und Eliza-Doolittle-Zügen, der übel mitgespielt wurde. Sie versucht, aus Zitronen Limonade zu machen, ist scheinbar oberflächlich und sehnt sich doch nur nach Nähe. Ein Kind, das nach Wärme sucht und nach Juwelen Ausschau hält. Eine unvergessliche Heldin der anderen Love Story. Sie wird Euch bleiben, I promise!

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Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen, Suhrkamp, 396 Seiten.

Die Geschichte von Ricardo, dem Erzähler des Romans, und dem „bösen Mädchen“ beginnt im Sommer 1950 in Miraflores, einem bürgerlichen Viertel von Lima, der Hauptstadt Perus. Dort tauchen in dem Sommer in dem „der Mambo sie alle hinwegfegte“ zwei Mädchen auf, Lily und Lucie, die die wohlerzogenen peruanischen Jungen das Staunen lehren und ihnen den Kopf verdrehen. Besonders Lily, die wie ein Kreisel tanzt, wie eine Flamme, sich aufsehenerregend kleidet und schmutzige Witze erzählt, hat es den Jungen angetan und „wie ein Mondkalb“ verliebt sich der Erzähler in die 15-Jährige. Lily lässt sich seine Anträge gefallen, ansonsten vieles im Vagen: Ricardo weiß nichts über Lilys Eltern, nichts über ihr Alter und nichts darüber, ob auch sie ihn liebt. Und eines Tages sind die Schwestern plötzlich spurlos verschwunden. Aber Ricardo kann sich ihrer Faszination nicht entziehen, sie nicht vergessen und so wird „das böse Mädchen“ ihn ein ganzes Leben lang verfolgen.

Damit ist der Grundstein für die autobiografisch-fiktionale Geschichte von Vargas Llosa gelegt: „Das böse Mädchen“, geheimnisvoll, schlau und skrupellos, wird an unmöglichsten Stellen im Leben des Ich-Erzählers auftauchen und es jedes Mal wird sie es auf’s Neue schaffen, ihn zu faszinieren und aus seiner gewohnten Bahn zu werfen. Ricardo schlägt eine bürgerliche Karriere als Übersetzer für die UNESCO ein und wir begleiten ihn von den 1950ern bis in die 1980er Jahre. Er ist Chronist seiner Zeit und ihrer Strömungen, nie wirklich im Zentrum, aber nah genug dran, damit auch der Leser etwas an den kubanischen Revolutionären in Paris oder den Hippies in London begegnet. Doch Ricardo bliebe Durchschnittsmensch und Durchschnittserzähler, träte nicht immer wieder „das böse Mädchen“ in sein wohlgeordneten Leben. Die Stationen sind Paris, London, Madrid und Tokio, das „böse Mädchen“ ist Guerilla, Heiratsschwindlerin, Diplomatenehefrau und Drogenschmugglerin.

In ihrer Figur, in der sich Lolita und Felix Krull treffen, liegt der wesentliche Reiz des Buches. Ohne den treuen Liebenden Ricardo würde es nicht funktionieren, klar, aber das böse Mädchen bringt mit ihrem Lebensmotto „Um zu erreichen, was man will, ist jedes Mittel recht.“ den Pfeffer ins Buch und lässt peruanische Tanten die Hände über den Köpfen zusammenschlagen. Niemand ist vor ihr sicher, das „böse Mädchen“ hat scheinbar keine Moral und es macht auf diabolische Art Spaß, ihr beim Vollzug ihrer ruchlosen Pläne zu folgen. Natürlich, man leidet auch mit Ricardo, ballt die Fäuste vor Wut, wenn er wieder auf das Mädchen reingefallen ist und weiß doch ganz genau, dass er, der wirklich liebt, keine andere Chance hat, als ins Verderben zu rennen. Spannend ist bei allem auch die Frage, ob dieses Mädchen nun Opfer oder Täterin ist, und vor allem welche psychologischen Motive sie zu ihrem Handeln treiben. Ist ihr selbst Leid angetan worden…? Die Geschichte einer obsessiven Liebe mit einer Heldin, die jeden um den Finger wickelt, in tausend Verkleidungen schlüpft und nicht zu fassen ist.

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Ich hoffe, Holly und „das böse Mädchen“ begleiten Euch heute durch den Tag und machen den Montag wilder und bunter. Bis morgen!

 

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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part I

Was man von Valentinstag halten soll? Ich weiß es nicht. Tinnef, sagen die einen. Eine Erfindung von Fleurop und Feodora. Und wenn man gerade niemanden hat, den man Herzallerliebste oder –liebsten nennt und darauf an jeder Straßenecke hingewiesen zu werden scheint, kann Valentinstag eine unangenehme Angelegenheit sein. Ich weiß, wovon ich spreche. In meiner Schule wurden am 14.2. anonyme Rosen versendet. Oberstufenschüler überbrachten sie und Wetten liefen, wer wohl von wem eine Rose geschickt bekommen würde. Viele Leute in der Klasse gingen leer aus. Auch ich. Allerdings bekam ich einmal, ich war vielleicht 16, einen Kaktus geschenkt. Seitdem kann ich diese Stachelwesen ganz gut leiden.

Wenn man gerade mit jemandem in den siebenten Himmel hineintanzt, kann der Tag – ich sag’s zwischen zusammengekniffenen Lippen – ganz schön sein. Noch eine Gelegenheit mehr, sich Gedanken zu machen, worüber der andere sich wohl freuen könnte und dann schönsten Unsinn zu schenken. Ein Mixtape. Den ausgedruckten SMS-Verlauf vom letzten Jahr. Selbstgemachte Pralinen, die zu einer Art Mega-Rumkugel zusammengebacken sind und zu stark nach Bayley’s schmecken. Oder Berliner Currynüsse und Kinokarten. Oder einen Kuchen. Bei der Gelegenheit könnte man Oma anrufen und fragen, wie ihrer eigentlich geht.

Egal, ob ihr am 14.2. Rosen, Kakteen oder pure Ignoranz erwartet, Liebe ist sicher ’n bisschen mehr als Valentinstag. Sie ist bekanntlich eines von zwei Themen der Literatur und einfach nicht totzukriegen. Liebe in der Literatur ist mehr als die rosafarbene Valentinstags-Liebe: Sie kann wunderschön sein, aber vergänglich, sie kann bitter enden oder unerwidert bleiben. Sie kann brennen und erlöschen, manisch sein oder metaphysisch, erotisch oder platonisch, verrannt, verkracht, vertrackt, unmöglich, illegal, obszön oder gefährlich.

Den Valentinstag habe ich zwar zum Anlass genommen, aber meine Lieblingsbücher, in denen es um Liebe geht, sind weder rosa noch aus Zucker. Klassiker hab’ ich weggelassen, die kennt ihr aus’m Deutschkurs oder von der ZEIT-Liste der 100 Bücher. Ich habe meine liebsten Liebesgeschichten für ganz unterschiedliche Situationen, Lebensalter und Lesertypen rausgesucht. Alle Bücher sind 10 von 10 Sterne-Empfehlungen, darunter mach ich’s heute nicht. In Teil 1 habe ich nur Werke unter 200 Seiten herausgesucht (oder ein schnell zu lesendes Jugendbuch mit 300…), mit guten Plots und präziser Sprache. Die ersten drei seht ihr nach dem Sprung…

Los geht’s.

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1. Mats Wahl: Winterbucht, Beltz & Gelberg, 304 Seiten.

John-John und Fighter sind gerade 18, sie klauen, knacken Autos und träumen von einem Leben auf der anderen Seite der Winterbucht, wo die Häuser der Reichen stehen und schöne Mädchen wohnen. Doch als John-John an der Schauspielschule angenommen wird und Fighter keine Lehrstelle bekommt, werden sich die beiden fremd. Und dann gibt es noch Elisabeth, die wohlstandvernachlässigte Verführerische, die mit John-John die Schauspielschule besucht…

Auch wenn die Protagonisten noch Teenager und die Gefühle in ihrer Intensität sicher adoleszent sind: Hier werden Fragen gestellt, die wehtun. Fighter wird Neonazi, John-John lügt, Elisabeth manipuliert. Keiner der so angelegten Konflikte ist eindeutig, kein Charakter eindimensional, nichts huldigt der Twilight-Enthaltsamkeit. Mats Wahls Geschichte ist schwedischer Realismus pur. Es geht um pubertäre Sehnsüchte, um Lust, Gewalt, Hass, Freundschaft und eben – Liebe.

Sprachlich besticht das Buch durch glasklare, knappe, im besten Sinne skandinavische Sprache. Mats Wahl ist ein scharfer Beobachter alltägliche Verhaltensweisen, der seine Leser lehrt, zwischen den Zeilen zu lesen und hinter die Masken zu blicken, die die Figuren sich aufgesetzt haben. Die fesselnden Dialoge sind lebensnah und geben mehr von den Sprechern preis, als direkte Beschreibung es könnte.

Geeignet für: Jugendliche ab 14 und alle, die noch einmal Lust auf die Atemlosigkeit dieser Jahre haben und schnell in eine vielschichte Erzählung eintauchen wollen, ohne ein halbes Jahr für die Lektüre zu brauchen.

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2. Siegfried Lenz: Schweigeminute, Hoffmann und Campe, 128 Seiten.

Lenz’ „Schweigeminute“ ist eine feine, wohltemperierte Novelle und melancholische Liebesgeschichte. Sie konzentriert sich ganz auf die Beziehung zwischen Stella, der Englischlehrerin und Christian, ihrem Schüler, die sich in einer Kleinstadt an der Ostsee vor vielen Jahren ereignet hat.

Hinter jedem Satz dieser stark verdichteten, zügig erzählten Novelle schimmert Lenz’ Lebenserfahrung, seine Menschenkenntnis und sein großes Einfühlungsvermögen in seine Protagonisten. Es ist wunderbar dabei zu sein, wie aus zufälligen Begegnungen, Bemerkungen und Berührungen eine zarte und für Christian wahrscheinlich erste Liebe wächst, die ihm heilig ist und doch nicht sein soll.

Lenz deutet nur an, hält sich zurück und traut seinem Leser zu, diese Leerstellen ausfüllen zu können. Aus dem kleinen Band weht dem Leser eine frische, salzige Brise entgegen, meisterhaft hat Lenz die Wetter- und Lichtverhältnisse der See darin eingefangen, ebenso wie die Atmosphäre von vergangenem Englischunterricht mit „Animal Farm“ und grüner Tafel.

Geeignet für: Leser, die sachlich-leise Töne mehr als die große Geste schätzen, dennoch Salz auf den Lippen schmecken wollen und nichts gegen verhalten-nostalgische Melancholie haben

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3. Markus Werner: Am Hang, S. Fischer, 190 Seiten.

Wir sind in der Schweiz. Ein junger Rechtsanwalt, Single, smart, Lebemann (genannt Clarin) fährt übers Wochenende nach Agra, um in der Ruhe des Tessins einen erbrechtlichen Aufsatz zu verfassen. Zum Abendessen begibt sich in ein Restaurant. Doch auf der Hotelterrasse sind alle Tische belegt. Schließlich spricht er einen untersetzten 50-Jährigen (namens Loos) an, ob er sich setzen dürfe. Die beiden kommen ins Gespräch. Loos ist Altphilologe, nachdenklich, schwermütig, der sich noch über ständiges Handypiepsen (als Zeichen einer aus den Fugen geratenen Welt) erregen kann. Clarin ist fasziniert von seinem andersartigen Gegenüber.

Aus dieser denkbar simplen Konstellation und über den Zeitraum eines Juni-Wochenendes entwickelt Markus Werner eine Art kriminalistisches Kammerspiel, in dem Loos und Clarin, die diametral entgegengesetzte Ansichten von Moral und Liebe haben, ihre Positionen verhandeln, neugierig auf die Sicht des anderen sind und immer tiefer in das Leben und die Gedanken des Gegenüber eindringen, bis sich schließlich eine Spannung aufgebaut hat, die sich, wie ein Sommergewitter, langsam zusammenzieht und in einem Knall entladen wird.

Das waren drei meiner liebsten Liebesgeschichten, morgen gibt’s die nächsten drei. Was fehlt Eurer Meinung nach noch? Was ist eine richtig gute, nicht klassische Liebesgeschichte? Ich freu mich auf Eure Vorschläge in den Kommentaren, in einem eignen Post oder auf Instagram! Bis morgen!

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