Reading

Florian Illies – Gerade war der Himmel noch blau. Texte zur Kunst.

Manchmal habe ich schlicht keine Ahnung. Ganzen Schulfächern hat sich mein Gedächtnis verweigert, bestimmte Themenfelder sind einfach durchgerutscht. Bei mir klingelt bei Lorentzkraft gar nichts mehr, auch bei der Notation einer chromatischen Tonleiter im Dur-Moll-System muss ich passen. Und völlig unbeleckt bin ich auch auf einem sehr hübschen und kultivierten Gebiet: der Kunstgeschichte.

Version 2

Umschlagdetail: Wolfgang Heinrich Schilbach, Wolke auf hellblauen Himmel.

Florian Illies’ „Gerade war der Himmel noch blau“, das Illies’ Texte zur Kunst aus den letzten 25 Jahren versammelt, war ein Geschenk. Illies, Jahrgang 1971, kennt man als Autor von „1913“ und „Generation Golf“, wer noch Zeitung liest, kennt ihn aus der ZEIT oder (wer älteren Jahrgangs ist) aus der FAZ. Dass er Kunstgeschichte studiert hat und Partner des Auktionshauses Villa Grisebach ist, sei ebenfalls angemerkt. Die Höflichkeit dem Schenker gegenüber gebot es, sich mit dem Geschenk zu befassen, zumal das Damoklesschwert des „Wie fanden Sie es denn?“ über mir hing. Außerdem will ich nicht als Kunstbanausin sterben.

Und Illies’ Buch macht es auch Banausen leicht, einen Einstieg in das Sujet zu finden. Denn der wolkenweiß in himmelblau eingeschlagene Band versammelt keine Sachbuchtexte, sondern federleichte Liebeserklärungen an Illies’ Helden aus Kunst und Literatur. Mit ein, zwei Ausnahmen ist Illies begeistert von seinem Gegenstand und das steckt an. So folgt man Illies bereitwillig in Gefilde, die man selbst gemieden hätte: In meinem Fall v.a. in die Kunst des 19. Jahrhunderts. Man erfährt, warum der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe in allen seinen Texten dem frankophoben Berlin um 1900 und den verirrten Deutschen insgesamt, einhämmern wollte, dass es in der Kunst nichts Größeres gebe, als Franzose zu sein. „[V]erdammt noch mal“. Warum deutsche Künstler im 19. Jahrhundert in ein kleines Bergstädtchen namens Olevano strömten, und dort malen wollten (Antwort: die Perspektive, das Licht, die Tochter des Pasta-Bäckers, die Illies nie trifft), warum die besten Maler von 1820 bis 1850 am liebsten Wolken abbildeten (Antwort: in Zeiten, in denen die scheinbaren Gewissheiten [Aufklärung!] brüchig geworden sind, ist das vermeintlich flüchtige manchmal das einzige, was noch gewiss ist) und welche Techniken sie dabei verwendeten (die schnelle Ölstudie, die heute hoch im Sammlerkurs steht). Und schließlich, warum diese Kunst des 19. Jahrhunderts in Deutschland erst langsam wiederentdeckt wird (Antwort: Begeisterung der Nazis für eben diese Kunst).

DSCF9647

Ausschnitt aus Gustave Courbets “Die Welle”, ich glaube 1869/70.

Illies’ Können besteht – und damit ist er zumindest in Deutschland immer noch eine Rarität – darin, Anspruchsvolles und Unterhaltung zu verbinden. Weil Illies auf das akademische Reinheitsgebot pfeift, kann er sich selbst in die Texte einbringen. Weil er nicht belehren, sondern begeistern möchte, spricht er mit dem Leser auf Augenhöhe. Das ist manchmal hart an der Grenze zum Klischee („das ist das Wesen jeden guten Debütromans“, kraftstrotzend und radikal zu sein, S. 73), aber dass die „Kunsthistorische Dissertation aus Bochum“ tatsächlich schnarch langweilig ist und es im Flughafenparkhaus auch im „Land, wo die Zitronen blühn“ stickig ist und stinkt, kann man sich nur zu gut vorstellen. Ich habe bei der Lektüre viel geschmunzelt und ab und an laut gelacht.

DSCF9658

Ausschnitt aus Adolph Menzels Wolkenstudie, 1851.

Dass der erste Beitrag den furiosen Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe behandelt, ist wahrscheinlich kein Zufall. Meier-Graefe, ist nicht nur Illies „Idol“, sondern für die Dauer des Buches, auch Illies’ Alter Ego. Dem er, „nicht durch Exegese, sondern durch Paraphrase“ näherkommen will. Und das gelingt. Genau wie Illies seinen Meier-Graefe, einen Mann des 19. Jahrhunderts, hardcore unhistorisch mit in einer Rakete durchs Kunst-Universum sausen lässt, fliegt Illies selbst durch sein eigenes Weltall. Und hat den Leser mit an Bord. Mit vollen Händen teilt er vom Karnevalswagen Bildungsbonbons aus und wir müssen nur unten stehen und die Arme ausbreiten, schon fliegt uns das süße, bunte Wissen entgegen. Illies eifert Meier-Graefe nach, die Blume der Kunst nicht nur zu betrachten, sondern auch an ihr zu riechen. Und sie als Sprache wieder auszuatmen. Kunst soll erlebt werden, nicht unter den knöchernen Fingerchen der Wissenschaft zu Staub verfallen. Seinen Unmut über den deutschen Universitätsbetrieb, der noch „einen Faust zu einem Fäustling“ machen könne, kaschiert der Autor kaum. Das ohnehin nicht zu erreichende akademische Reinheitsgebot kann Meier-Graefe wie Illies gestohlen bleiben und so liest sich der Band emotional, rasant und nie um eine gut belegte These verlegen. Illies scheut sich nicht, eine Meinung zu haben, sich festzulegen, er sichert sich nicht permanent ab. Natürlich könne man, so heißt es in einem Beitrag über Ludwig Börnes Verhältnis zu Goethe, alle psychologischen Deutungsmuster selbst wieder psychologisch dekonstruieren. „Aber so kommen wir ja nicht weiter.“ Und weiterkommen will Illies, er will dem Leser die Schönheit seines Universums zeigen. Kluges – alle Interpretationen sind zeitgebunden, zum Urteilen gehört Mut ebenso wie Demut – wird nebenbei eingestreut. Das macht die Lektüre erfrischend und bleibt im Gedächtnis.

DSCF9689

Johan Christian Dahl, Gewitterwolken über dem Schloßturm von Dresden, 1823/1827.

Wie vom Autor selbst festgestellt, kann sich dieser Feierton abnutzen. Das macht das Lesen vieler Beiträge kurz hintereinander für den einen vielleicht etwas ermüdend, der andere ist dann erst recht in Hochstimmung. Genießer lesen die Texte also besser einzeln, das erste Glas Schampus schmeckt halt am besten. Wer Literatur-Trinker ist, der genehmigt sich vier am Stück und ist danach ein wenig beschwipst, aber immer noch glückstrunken. Die Texte schwächeln lediglich dann ein bisschen, wenn es um Lebende geht (etwa Martin Walser und die verflossenen Lieben von Gottfried Benn), denn dann kann Illies, der seinen Protagonisten immer höflich und freundlich gegenübertritt, nicht so frei aufspielen. Und natürlich wiederholen sich einige Begebenheiten und Namen auch, aber das spricht dafür, dass der Autor das, was er anpreist, so gut kennt wie seine Westentasche. Kein Bonbon, das von seinem Karnevalswagen regnet, ist nur bunte Verpackung. Unterhaltung ja, aber nie ohne Inhalt.

So beendet man die Lektüre beglückt und bereichert, fühlt sich aber nicht belehrt. Was einen nicht interessierte, konnte man getrost überblättern. Nie wieder werde ich durch ein Museum gehen können, ohne die deutschen Maler auch als „Meister des ruhenden Balles“ zu sehen. Man bekommt Lust, sich dem wiederzuentdeckenden 19. Jahrhundert zuzuwenden, den kleinen Ölskizzen der Wolken oder einem fünfzig Jahre alten Walser-Roman. Kurzum: Man bekommt Lust auf das Illies-Universum.

Advertisements
Standard
Listening Closely, Reading

…turning twenty-eight

Zack! Nun ist es passiert: Das erste Jahr von twenty7thirtytwo ist rum – und ich bin währenddessen 28 Jahre alt geworden.

28 ist nicht so glamourös wie 27. Aber ich hab die Tür zum „Club 27“ einfach nicht gefunden. Auch ganz schön. Denn jetzt, wo man in den Laden nicht reingekommen ist, kann man locker bis zum 90. Geburtstag weitermachen. Nicht wahr, Mister Winterbottom?

Ein Jahr twenty7thirtytwo könnte ich zum Anlass nehmen, Rückschau zu halten. Aber ich gucke lieber nach vorn als zurück. Und so hab ich für den Blog einige Ideen und Wünsche, was ich im neuen Lebensjahr anstellen könnte…

DSCF9617Lesetagebuch

Seit ich fünfzehn bin, schreibe ich auf, was ich lese und was ich von diesem Gelesenen halte. Als Jugendliche war ich mit dieser Buchführung der Bücher sehr ordentlich. In ein Moleskine notierte ich sorgfältig den Monat, in dem ich das Buch beendet habe, Autor und Titel. Meist auch, wie ich auf das Buch aufmerksam geworden war, wo ich es gekauft oder von wem ich es geschenkt bekommen hatte. Auch im Studium noch. Aus diesem Buch heraus entstand der Gedanke, Leseeindrücke online zu stellen – also das, was ihr heute unter „READING“ findet.

Letzte Woche blätterte ich in meinem Lesetagebuch von 2011. Ich war auf der Suche nach meinen Notizen zu Eduard von Keyserlings Roman „Wellen“, die ich auch fand und in denen ich genau niedergelegt hatte, was mich an Doralice, der Protagonistin des Romans faszinierte, was störte, und dass ich sie für eine Vorbotin einer kommenden Zeit hielt. Dann blätterte ich ins Jahr 2017. Und war bestürzt. Gähnende Leere seit Juli. Dabei hatte ich doch so viel gelesen. Mehr als Notizen in den Büchern und Posts auf Instagram waren aber nicht davon geblieben.

Anfang des Jahres hatte ich eifrig mit meinen monatlichen Lesebilanzen begonnen, hatte Riesenspaß dabei, mich schreibend zu erinnern – und bin dann irgendwann abgedriftet. Das soll wieder anders werden. Am besten schon im November.

DSCF9614

Leseliste: 28 Jahre, 28 Bücher?

Bislang ist es nur eine Idee, aber ich fänd’ es witzig, dieses Jahr achtundzwanzig vorher festgelegte Bücher zu lesen. Ohne die Bücher, die ich für meine Arbeit lese, versteht sich. 28, das würde ungefähr der Zahl der Bücher entsprechen, die ich seit November 2016 gelesen habe. Es reizt mich, mir zu überlegen, was gut in dieses Lebensalter, die Stimmung oder die aktuelle weltpolitische Lage passen würde und diese Gedanken kurz zu notieren. Auch, weil ich mich im Zweifelsfall eh’ nicht an solche Listen halte – und wild draufloslese. Aber es könnte spannend sein, die Liste in einem Jahr wieder hervorzuholen du zu sehen, was man wirklich gelesen hat – und was verworfen. Wie sich die Bücher entpuppt haben. Ob ich mit bestimmten Einschätzungen komplett daneben lag.

Wenn ich mich jetzt für 28 Bücher im kommenden Jahr entscheiden müsste, wären darunter derzeit:

  • Zeruya Shalev, Schmerz (2015), weil ich Shalevs Sprache kennenlernen will und Lust auf Seele, Gefühle und Politik habe.
  • Florian Illies, Gerade war der Himmeln noch blau (2017), weil ich Illies Art, Bildung mit Humor und Ernst zu verbinden, sehr ungewöhnlich und sehr gut finde und weil ich es geschenkt bekommen habe – und wenig Ahnung von Kunstgeschichte habe.
  • Juli Zeh, Leere Herzen (2017), weil ich herausfinden will, ob es sich als Vortragsgegenstand für einen Workshop zu „Recht und Literatur in der Krise“ eignet.
  • Alice Munro, Zu viel Glück (2009), weil ich mich an ihr in der Kunst der Kurzgeschichte schulen, und in die kanadische Provinz zurückkehren will und in den Zauber des „every-day-life“.
  • Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre: 1918-1938 (2015), weil ich den ersten Teil als die Crème de la crème des packenden Sachbuchs verbucht habe (großes Vorbild!), den zweiten Teil schon angefangen habe und dann irgendwie davon abgekommen bin.
  • Bruno Schulz, Die Zimtläden (1934), weil es in berauschenden Bildern von einer versunkenen Welt erzählen soll, wie ich in einem sehr guten, sehr bündigen Beitrag über Bruno Schulz’ Ermordung durch einen SS-Mann im Deutschlandfunk gehört habe (http://www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-die-ermordung-des-schriftstellers-bruno-schulz.871.de.html?dram:article_id=400984)

So, das wäre es erst mal. Macht ziemlich Spaß, sich das zu überlegen. Ich hatte auch mal den Hau, immer Bücher zu lesen, in denen der Protagonist genau so alt war wie ich. Zu 28 fällt mir spontan nur „Mutmaßungen über Jakob“ von Uwe Johnson ein. Das könnte auch auf die Liste.

  • Uwe Johnson, Mutmaßungen über Jakob (1959), Begründung s.o.

Kennt ihr noch weitere 28-Jährige Hauptfiguren? Dann schreibt mir unbedingt. Ich werde sammeln.

Und dann lesen wir uns hoffentlich schon Ende November wieder im Artikel “Reading in November”.

Standard
Reading

#buchpassion #Lieblingsautor

Auf Instagram hat kaprizioesblog, eine Buch-Bloggerin, deren Posts ich sehr gern lese, nach meinem Lieblingsautor gefragt. Auch denen, die nicht bei Instagram sind, wollte ich meinen derzeitigen Lieblingsautor nicht vorenthalten. Bisschen was habe ich auch schon mal erzählt. Viel Spaß!

Nur einen (!) Lieblingsautor zu benennen, dürfte vielen schwer fallen. Ich bin das Wagnis eingegangen und habe mich nicht für fancy Thomas Mann oder Theodor Fontane entschieden, die ich auch sehr gern lese, sondern für Ralf Rothmann.

Ein Lieblingsautor ist für mich jemand, zu dessen Büchern man immer gern zurückkehrt, den man ohne Krampf liest, mit dem man gern einen Kaffee trinken gehen würde. An Rothmanns Büchern gefällt mir, dass der Alltag seiner Figuren, ihre Gewohnheiten, so genau beobachtet und erzählt sind. Die meisten Figuren leben im Ruhrgebiet der 60er Jahre, man erfährt, welches Parfum die Frauen tragen und wie die Maschinen heißen, mit denen unter Tage geschafft wird. Er ist derzeit mein Lieblingsautor, weil ich seine Bücher klug, sinnlich und sensibel finde. Es wird von normalen Menschen und ihrem normalen Leben erzählt. Von Leuten, die keine Deadlines kennen, nur Schichtdienst und ihr halbes Leben lang die Sofagarnitur abzahlen werden. Und dazwischen gibt es die Verrückten, die anderen, die Aussteiger, die die Poesie der Romane ausmachen, wenn sie dem Ich-Erzähler nebenbei Weisheiten mitteilen: “Wenn Du Dich für die Freiheit entschieden hast, kann Dir gar nichts passieren.”

Oft meint man, diese Welt, die es gar nicht mehr gibt, wiederzuerkennen. Mit Rothmann kann man jederzeit dorthin reisen. Auch deswegen ist er mein Lieblingsautor.

Das Bild, das in meinem Wohnzimmer steht, und mich mit seiner Ruhe und Dynamik irgendwie an Rothmann erinnert, hat @barbara_wonner_art gemacht, von der es hier noch mehr Bilder zu sehen gibt.

Standard
Listening Closely

Im Zettelwald: Die Grimmwelt in Kassel.

header5

Kassel ist bergig. Ich bewege mich durch die Stadt, in der in diesem Sommer die Documenta stattfindet, an “Tag Zwei” nicht mehr mit Sieben-Meilen-Stiefeln, sondern mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und schweren Schritten. Nun muss ich auch noch einen richtigen Berg erklimmen, puh. Ich stapfe den Kassler Weinberg hinauf, überlege dabei, ob es nicht Kasselaner oder Kasseläner Weinberg heißen sollte, weil mir eine nette Kasslerin das eben in der Schlange vor der Neuen Galerie so gut erklärt hat, und während ich noch überlege, habe ich die letzten Meter genommen und stehe am Rande des Märchenwaldes: vor der Grimmwelt Kassel.

Die Grimmwelt gehört eigentlich nicht zur Documenta. Ja, einen Documenta-Raum hat sie auch bekommen, doch sie steht dauerhaft hier, weil die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in Kassel zur Schule gingen und nach dem Studium zurück nach Kassel zogen und hier ihre Märchen sammelten.

Im Eingangsbereich der Grimmwelt ist die Kasse und „Fallada“, das Museumscafé. Wer in die Ausstellung will, wird nach dem Kartenkauf (Preis: 8 €, ermäßigt 6 € ) in die „Unterwelt“ geschickt. Ein abgedunkelter Gang, gesäumt von Leuchtbuchstaben beginnt hier. Von „Zettel“ bis, pardon, „Ärschlein“ wird man anhand der Buchstaben geführt. Der Rundgang durch die Grimmwelt ist in drei (natürlich, eine magische Zahl!) Teile geteilt. Nacheinander lernt man die Arbeit der Brüder Grimm, die Welt der Märchen und zuletzt das Grimm’sche Privatleben besser kennen.

header3

Am meisten fasziniert hat mich der erste Teil der Ausstellung zur deutsche Sprache und der Forschung der Brüder Grimm an ihrem Deutschen Wörterbuch. Bis zum Tod der Brüder in den Jahren 1859 und 1863 kamen sie nur bis zum Buchstaben F, erst hundert Jahre später wurde es fertiggestellt. Das Projekt war ein gigantisches, die Grimms hatten es wahrscheinlich selbst unterschätzt: Sie wollten alle Wörter der Deutschen Sprache und ihren Gebrauch seit der Lutherzeit aufnehmen. Was dazu führte, dass allein das Lemma „Zettel“ 1119 Belegzettel erhielt. Alles, was irgendeinen Bezug zum „Zettel“ hatte, wurde notiert – natürlich auf Zettel. Luhmann lässt grüßen. In diesem Teil der Ausstellung verbringe ich am längsten, das wissenschaftliche Arbeiten der Brüder, ihre Sammelwut und Sammelleidenschaft, ist mir, die an ihrer Doktorarbeit schreibt, im Moment am nächsten.

header1

Wunderschön sind die 14 Dioramen, die Szenen aus der Entstehungsgeschichte des Grimm’schen Wörterbuchs zeigen und in der schummrigen Atmosphäre des Museums herrlich leuchten. Dioramen waren im 19. Jahrhundert eine beliebte Ausstellungstechnik. Im Grunde sind es Aquarien ohne Wasser, in denen Landschaften nachgestellt werden. Vielleicht kennt ihr sie aus älteren naturhistorischen Museen, wo sie „den Winterwald“ oder „Am Strand“ zeigen: Schaukästen, die ausgestopfte Tieren in ihren natürlichen Lebensräumen zeigen, und Gegenstände und Hintergründe so geschickt anordnen, dass der Eindruck räumlicher Tiefe erzeugt wird – obwohl die sich ausdehnenden Landschaften nur gemalt sind. Als Kind fand ich die Landschaften mit Kunstschnee und Tannennadeln aus Sägespänen zauberhaft – heute bin ich besonders verliebt die weißen Dioramen von Alexej Tchernyi aus Papier, die ich in Kassel sofort wiedererkannt habe: In Schöningen, dort wo man im Paläon die etwa 300.000 Jahre alten Speere bestaunen kann, gibt es Tchernyis Arbeiten ebenso zu sehen wie in der Grimmwelt. Sie zeigen Szenen aus der Entstehungsgeschichte des Grimm’schen Wörterbuchs, z.B. den Weggang der Brüder aus Göttingen (oben). Dort waren sie zuvor Professoren gewesen und als sie sich dem Verfassungsbruch des Hannoveraner Königs nicht beugen wollten, mussten sie zusammen mit fünf anderen Kollegen die Stadt verlassen.

header7

In der Märchenwelt, dem zweiten Teil der Ausstellung, fühlte ich mich etwas verloren. Worum geht’s hier? Wird mir nicht ganz klar. Vor mir zwei chinesische Kinder, gelangweilt oder überfordert, die auf den animierten Frosch treten, der einem entgegenhüpft, sobald man die Räume betritt. Ich ärgere mich über die Eltern der beiden. Das hier ist eigentlich keine Ausstellung für Kinder, ich jedenfalls hätte mich zwischen den dunklen Tannen aus grünen Plastikstäbchen und dem Wispern aus zig Lautsprechern gegruselt. Und die beiden hier nerven einfach. Ich ziehe mich in den Raum zurück, in dem „Rumpelstilzchen“ in 28 Sprachen auf mehreren Leinwänden erzählt wird. Auf Deutsch, Englisch, Französisch, Ungarisch, Japanisch, (…), aber auch auf Plattdeutsch und Nordhessisch. Das gefällt mir gut, ich muss viel lachen, besonders über das Hessische.

header8

Durch den restlichen Märchen-Teil der Ausstellung gehe ich etwas ratlos. Schaue mehr, als die Beschreibungstafeln zu lesen und denke über meine Erfahrungen mit den Märchen nach. Als Kind habe ich sie zunächst vorgelesen bekommen, die Ausgabe, aus der meine Mutter las, war aus ihrer Kindheit, bestimmt dreißig Jahre alt, der Buchdeckel war schon etwas lose. In der Adventszeit war ich in der Aula des Gymnasiums (aufregend!) im Kindertheater (noch aufregender!) und habe „Aschenputtel“ gesehen. Oder an verregneten Sonntagnachmittagen Sagaland gespielt. Oder „Cinderella“ und wie sie alle hießen, auf VHS geschaut. Als Jugendliche habe ich dann von meiner Deutschlehrerin gelernt, dass sich hinter den Märchen der Kindheit noch eine ganz andere, tiefgründige Welt verbirgt; dass man Märchen psychologisch deuten kann, dass Märchen unsere Ängste und Wünsche abbilden, sie kennen den Stoff, aus dem unsere Träume und Alpträume sind. Ob Märchen wirklich noch der letzte gemeinsame literarische Bezugspunkt in Deutschland sind, wie die Ausstellung meint, weiß ich nicht. Wenig thematisiert wird auch, wie stark Märchen im 20. Jahrhundert in Frage gestellt wurden. Immerhin sind es Geschichten, in denen sich Stiefmütter tottanzen und Hexen verbrannt werden…

header4.png

Den letzten Teil, den biografischen, durchquere ich ganz schnell. Mein Zug fährt .

Im Zug schaue ich mir die Bilder von der Zettelwand nochmal an und auch das Foto, das ich von der Wand gemacht habe, an der das Netzwerk der Grimm’schen Korrespondenz dargestellt war. Mammutprojekte und viele, viele E-Mails. Gar nicht so viel anders als Wissenschaft heute, denke ich, und schmunzle.

 

Standard
Reading

Talking About My Generation? Simon Strauss: Sieben Nächte

„Sieben Nächte“, das Buch, von dem vor drei Wochen alle geredet haben. Drei Wochen sind lang, im Internetzeitalter erscheinen sie mir so lang, dass ein Blog-Post über ein derart altes Buch schon fast nicht mehr geschrieben werden müsste.

Im Fall von „Sieben Nächten“ will ich’s mir aber dennoch von der Seele schreiben, denn: Ich habe mich wahnsinnig über das Buch geärgert. Vielleicht habe ich mich auch nur über die euphorischen Stimmen in der Presse und auf Instagram geärgert – und ganz eigentlich über mich selbst.

Gerade Florian Illies’ Besprechung in der ZEIT hat mich verärgert. Illies ist, so schaut es jedenfalls aus, einem klugen Jungen meiner Generation, Simon Strauss, Jahrgang 1988, auf den Leim gegangen. Oder, doch das wollen wir ihm nicht unterstellen, er hat ihn nicht ernsthaft rezensiert, weil er den blutjungen, promovierten, festangestellten Theaterkritiker der FAZ nicht in die Pfanne hauen wollte. „[W]armblütig, ein Manifest, schnell zu lesen, schwer zu vergessen“ nennt Florian Illies „Sieben Nächte“ in der ZEIT und vermutet, den ersten „sichtbaren Identitätsnachweis seiner [Strauss’] Generation“ vor sich zu haben. Hochromantisch sei das Buch und die Romantik sei doch ein herrlicher Notausgang aus der ewigen Selbstbespiegelung, die als Generationenmerkmal festgemacht wird. Illies fragt sich weiter, ob bei so viel Bildungstiefe genügend Leser mit an Bord wären, um die Visionen des Ich-Erzählers Wirklichkeit werden zu lassen. Ob Strauss’ naiv ist oder aber wir, lässt Illies offen.

Simon Strauss hat in einem Interview dem Leser Anlass zu der Annahme gegeben, dass seine Schilderungen in „Sieben Nächte“ authentisch sind, dass er das Experiment selbst durchgeführt hat. Aber es bleibt bei Andeutungen. Strauss deckt, entgegen seiner Forderung zur neuen Wahrhaftigkeit, nicht auf, was Wahrheit ist und was Fiktion. Was will Simon Strauss – und will er das, was der Ich-Erzähler in „sieben Nächte“ will? Das wären die entscheidenden Ausgangsfragen einer guten Rezension gewesen. Dem Tagesspiegel zum Beispiel gelingt es, diesen Punkt aufzugreifen.

Wenn man sich Strauss’ Äußerungen im Interview und seinen 2014 in der FAS erschienenen Artikel „Ich sehne mich nach Streit“ vor Augen führt, muss man annehmen, dass Strauss und S. sich ähnlich sind. Wenn Strauss den Roman so angelegt hat, dass das Kennzeichnende dieser Generation ihre Mattheit ist, wenn er sie so lahm und zahnlos sieht und beschreiben wollte, dass sie Tod(!)sünden(!) nur unter der Anleitung eines „richtigen Erwachsenen“ begehen kann, der Begriff der Sünde also ad absurdum geführt wird (Stichwort: „Ich nehme mir vor, spontaner zu sein.“), dann ist das Buch in der Anlage zumindest schlau und in der Ausführung konsequenterweise ziemlich matt. Dann wäre es aber kein Manifest für eine neue Ernsthaftigkeit, denn ein Manifest verträgt die ironische Brechung nicht. Wenn Strauss das alles nicht angelegt hat, dann ist das Buch einfach nur schwer zu ertragen.

Simon Strauss ist klug genug, seine Generationenbeschreibung nur für einen winzigen Generationenausschnitt (Tendenz: Akademiker, Großstädter, Hedonist) anzulegen. Aber wie winzig muss das Sichtfeld derer sein, die den Roman zum „Generationenbuch“ hochstilisieren? Wer die beschriebenen Jahrgänge als aufgewachsen in einer Glücksblase, auf dem Platz „dicht an der Heizung“ (S.13) sieht, äußert seine pure Ignoranz gegenüber denen, die an der Armutsgrenze leben mussten, über einen Prozentsatz an psychischen Krankheiten, den es (Kriegstraumata ausgenommen) selten vorher so gab, über die Undurchlässigkeit des Bildungssystems, gegenüber Migranten, die neu anfangen müssen und/oder jungen Hochqualifizierten, die mit Mitte 30 in Zeitverträgen stecken und von Strauss’ als beengt dargestelltem Leben im Reihenhaus mit Kindern noch meilenweit entfernt sind – weil sie keine Sicherheiten haben, die sie verdrießen könnten.

Die unangenehmste Vorstellung wäre aber, wenn Strauss sein Buch doch als Pamphlet für „mehr Emotion“ gemeint hätte – und zwar als Pamphlet für die wenigen, die den Platz an der Heizung tatsächlich hatten. Mehr Ausrufezeichen wünscht S. sich und mehr Emotion. Angewendet auf das politische Feld bedeutet das: hin zum Populismus. Diese wenigen toben in S.’ Vorstellung randalierend durch die Fußgängerzone, randalieren und fühlen sich endlich lebendig und überlegen, wenn sie über die „radelnden Jungväter“ (S.27) lachen und den Obdachlosen den Becher wegtreten können. Geradezu gruselig würde es werden, wenn diese Emotionen sich dann so bahnbrechen würden: „Wenn ich einmal an der Macht bin, werde ich Plätze bauen, auf denen Menschen stehen und miteinander reden. (…) Orte, die offen bleiben, beweglich, in Angriffsposition.“ Die von einer Elite verordnete Freiheit als Garant einer offenen Gesellschaft. Wenn das die Revolution ist, dann gute Nacht, Demokratie. S.’ Wut richtet sich im Roman gegen die Schwachen: gegen das mineralwassertrinkende „nach-18-Uhr-keine-Kohlehydrate“-Mädchen und den Super-Daddy, den radelnden, „arglosen Barbaren”. Damit knöpft S. sich die vor, die schon hundertmal abgewatscht wurden. Nur dort, wo er keine Gegenwehr fürchten muss, traut er sich, auszuteilen. Dabei gäbe es andere, schwierigere, weil mächtigere Gegner zuhauf.

Schwer erträglich, bei einer Generation abgeheftet zu werden, die sich über Latte-Macchiato-Mütter heftiger ereifern kann als über die Entscheidungen, die in nationaler und internationaler Politik, Wirtschaft, Justiz, der Universität etc. etc. jeden Tag getroffen werden. Ich werd’ mir nicht mehr erklären lassen, wie meine Generation tickt. Und ich werd’s mir auch nicht mehr erklären lassen wollen. Ich mach’ einfach selbst was. Und dann soll die Nachwelt entscheiden, wer wir gewesen sind.

Standard
Listening Closely

Petunias perfekte Pinterest-Pinnwand oder: Wie Spießer aufhörten, die Hecke zu schneiden und online gingen

Den ersten Harry-Potter-Band habe ich zusammen mit meiner Mutter gekauft. Das muss 1999 gewesen sein, damals war ich neun Jahre alt. Auf meiner Ausgabe seht ihr noch den Aufkleber der Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, den ich damals am liebsten abgezogen hätte. An der unteren Ecke sieht man noch meine Bemühungen, ihn von Sabine Wilharms Titel, den ich so viel schöner ohne Sticker fand, abzupulen. Er saß fest. Gott sei Dank. Sonst könnte ich heute nicht mehr beweisen, dass ich einmal im Leben früh dran war. Wenige Tage nach diesem Bücherkauf fuhr meine Mutter in geheimer Mission wieder in die Stadt und fragte im Buchladen, ob es etwas vergleichbares gäbe. Ihre Tochter sei ganz verrückt nach dem Buch. Bedaure, sagte die Buchhändlerin. Band 2 erscheine erst demnächst… And so it all began.

Wenn ich heute zurückschaue, fällt mir auf, mit welcher Akribie ich mich damals in diese Welt zwischen Ligusterweg und Winkelgasse vertiefte. Ich malte das Hogwarts-Kollegium, mit passenden Brillenformen und farbcodierten Umhängen. Ich zeichnete eine Karte des Rumtreibers mit allen Geheimgängen in meiner eigenen Schule. Fortan bemühte ich mich, nur noch auf Geheimwegen zum nächsten Klassenzimmer zu kommen. Ich schnitt alles, was ich zu Harry Potter finden konnte, aus der Zeitung aus und legte eine Sammelmappe an. Ich kaufte mir sogar einen Stern und stellte erstaunt fest, dass er neben der Titelgeschichte über Harry auch Nacktfotos von Katja Riemann enthielt. Ich ging zu Karstadt und fragte, nachdem der Verkauf eines weiteren Bandes über die Bühne gegangen war, nach der Schaufensterdekoration. Ich bekam einen riesigen Harry aus Karton, auf einem Nimbus 2000 sitzend, den ich in meinem Zimmer an die Wand hängte. Ich bastelte aus Pappmaschee einen Phönix mit 2-Meter-Flügelspannweite, der dann seinerseits das Schaufenster einer lokalen Buchhandlung schmückte. Diese Akribie entwickeln viele Kinder und Jugendliche, sie kann sich auf alles Mögliche beziehen, und wenn man Glück hat, hält sich diese tiefe Faszination für ein Thema bis ins Erwachsenenalter. Und wird dann vielleicht zu einer Doktorarbeit, die fröhlich in Breslauer Adressbüchern von 1903 blättert, um sich danach in 1902 zu verlieren.

Nicht noch einmal werde ich den Zauber dieser Jahre heraufbeschwören. Wer sie kennt – die nächtlichen Leseaktionen, in denen ich, ausgestattet mit einem Teller voll Leckereien, den meine Mutter an meinen Leseort brachte, die ganze Nacht wachblieb – dem wird alles, was ich beschreiben würde, auf seine Art und Weise bekannt vorkommen. Ich will mich lieber auf die Dinge konzentrieren, die mich, wenn ich eine ruhige Minute über Harrys Welt nachdenke, bis heute beschäftigen.

Zum Beispiel, dass ich die Verfilmungen bis heute nicht mag. Ich saß mit elf zitternd im Kino und fürchtete, die Leinwandbilder der Warners würden meine sorgsam ausstaffierte Fantasiewelt übertünchen und verfremden. Mich nervte das hässliche Merchandise und dass der Carlsen-Verlag bei Band vier den Schriftzug des Films auf dem Titelbild übernahm. Mich nervte, wie einheitlich mittelalterlich die Zauberer aussahen, ich hatte mir die modische Bandbreite des Geschmacks und Geldbeutels in der Zaubererwelt viel breiter vorgestellt. Warum gab es keine schicken Hexen in Chanel oder Männer im Karo-Pullunder? Ich war enttäuscht und bin es bis heute. Viel realistischer scheint mir die Zaubererwelt modisch in „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ zu sein, der auch sonst unterhaltsam ist und eine erwachsenere Version des Fiebers wieder aufkommen lässt.

Was mich am meisten beschäftigt, ist die Frage, wie ich die Dursleys heute zeichnen würde. Natürlich, es gibt auch heute noch genau diese Sorte von Spießer, die die keinen Humor verstehen, bei einer Bohrmaschinenfirma arbeiten, samstags die Hecke schneiden und einen verzogenen Sohn haben der andere Kinder piesackt. Aber gibt es inzwischen nicht auch andere Spießer?

Grob gesagt sind Spießer engstirnige Menschen, peinlich auf Konformität mit gesellschaftlichen Normen bedacht. Bloß nichts anders machen, bloß nicht abweichen. Dieses Bloß-alles-richtig-Machen kann in immer neuen Gewändern daherkommen. In manchen teilen Berlins wäre der heckeschneidende Angestellte inzwischen sicherlich die Ausnahme. Und darum vielleicht kein Spießer mehr. Vielleicht wäre die Petunia eines gewissen Großstadtmilieus genauso darauf bedacht, alles richtig zu machen, wie die Petunia aus dem Ligusterweg. Nur eben anders richtig. Je nach Alter eben mit Auslandserfahrung, aber irgendwie doch voll häuslich. Oder natürlich mit Erfahrung und emanzipiert, aber doch auf der Suche nach dem einen einzigen Prinzen. Mit Spaß an Super Foods und dennoch kalorienzählend. Mit selbstausbeuterischem Job, aber dem Satz „Für Politik interessiert sich bei uns ja eher Florian“ auf den Lippen. Ihr merkt, ich bediene Klischees, aber auch die Dursleys bedienen Klischees. Und wenn Du genauso sein willst, Petunia, dann bleib bitte genau so. Aber wenn Dir, wenn keiner zuschaut, das alles zum Hals raushängt, dann zwing Dich bitte nicht länger unter dieses Joch, wirf es ab. Und vor allem: Mach’ es Dir dort nicht bequem. Früher wolltest Du doch auch lieber wie Hermine sein, oder?

 

Standard