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Talking About My Generation? Simon Strauss: Sieben Nächte

„Sieben Nächte“, das Buch, von dem vor drei Wochen alle geredet haben. Drei Wochen sind lang, im Internetzeitalter erscheinen sie mir so lang, dass ein Blog-Post über ein derart altes Buch schon fast nicht mehr geschrieben werden müsste.

Im Fall von „Sieben Nächten“ will ich’s mir aber dennoch von der Seele schreiben, denn: Ich habe mich wahnsinnig über das Buch geärgert. Vielleicht habe ich mich auch nur über die euphorischen Stimmen in der Presse und auf Instagram geärgert – und ganz eigentlich über mich selbst.

Gerade Florian Illies’ Besprechung in der ZEIT hat mich verärgert. Illies ist, so schaut es jedenfalls aus, einem klugen Jungen meiner Generation, Simon Strauss, Jahrgang 1988, auf den Leim gegangen. Oder, doch das wollen wir ihm nicht unterstellen, er hat ihn nicht ernsthaft rezensiert, weil er den blutjungen, promovierten, festangestellten Theaterkritiker der FAZ nicht in die Pfanne hauen wollte. „[W]armblütig, ein Manifest, schnell zu lesen, schwer zu vergessen“ nennt Florian Illies „Sieben Nächte“ in der ZEIT und vermutet, den ersten „sichtbaren Identitätsnachweis seiner [Strauss’] Generation“ vor sich zu haben. Hochromantisch sei das Buch und die Romantik sei doch ein herrlicher Notausgang aus der ewigen Selbstbespiegelung, die als Generationenmerkmal festgemacht wird. Illies fragt sich weiter, ob bei so viel Bildungstiefe genügend Leser mit an Bord wären, um die Visionen des Ich-Erzählers Wirklichkeit werden zu lassen. Ob Strauss’ naiv ist oder aber wir, lässt Illies offen.

Simon Strauss hat in einem Interview dem Leser Anlass zu der Annahme gegeben, dass seine Schilderungen in „Sieben Nächte“ authentisch sind, dass er das Experiment selbst durchgeführt hat. Aber es bleibt bei Andeutungen. Strauss deckt, entgegen seiner Forderung zur neuen Wahrhaftigkeit, nicht auf, was Wahrheit ist und was Fiktion. Was will Simon Strauss – und will er das, was der Ich-Erzähler in „sieben Nächte“ will? Das wären die entscheidenden Ausgangsfragen einer guten Rezension gewesen. Dem Tagesspiegel zum Beispiel gelingt es, diesen Punkt aufzugreifen.

Wenn man sich Strauss’ Äußerungen im Interview und seinen 2014 in der FAS erschienenen Artikel „Ich sehne mich nach Streit“ vor Augen führt, muss man annehmen, dass Strauss und S. sich ähnlich sind. Wenn Strauss den Roman so angelegt hat, dass das Kennzeichnende dieser Generation ihre Mattheit ist, wenn er sie so lahm und zahnlos sieht und beschreiben wollte, dass sie Tod(!)sünden(!) nur unter der Anleitung eines „richtigen Erwachsenen“ begehen kann, der Begriff der Sünde also ad absurdum geführt wird (Stichwort: „Ich nehme mir vor, spontaner zu sein.“), dann ist das Buch in der Anlage zumindest schlau und in der Ausführung konsequenterweise ziemlich matt. Dann wäre es aber kein Manifest für eine neue Ernsthaftigkeit, denn ein Manifest verträgt die ironische Brechung nicht. Wenn Strauss das alles nicht angelegt hat, dann ist das Buch einfach nur schwer zu ertragen.

Simon Strauss ist klug genug, seine Generationenbeschreibung nur für einen winzigen Generationenausschnitt (Tendenz: Akademiker, Großstädter, Hedonist) anzulegen. Aber wie winzig muss das Sichtfeld derer sein, die den Roman zum „Generationenbuch“ hochstilisieren? Wer die beschriebenen Jahrgänge als aufgewachsen in einer Glücksblase, auf dem Platz „dicht an der Heizung“ (S.13) sieht, äußert seine pure Ignoranz gegenüber denen, die an der Armutsgrenze leben mussten, über einen Prozentsatz an psychischen Krankheiten, den es (Kriegstraumata ausgenommen) selten vorher so gab, über die Undurchlässigkeit des Bildungssystems, gegenüber Migranten, die neu anfangen müssen und/oder jungen Hochqualifizierten, die mit Mitte 30 in Zeitverträgen stecken und von Strauss’ als beengt dargestelltem Leben im Reihenhaus mit Kindern noch meilenweit entfernt sind – weil sie keine Sicherheiten haben, die sie verdrießen könnten.

Die unangenehmste Vorstellung wäre aber, wenn Strauss sein Buch doch als Pamphlet für „mehr Emotion“ gemeint hätte – und zwar als Pamphlet für die wenigen, die den Platz an der Heizung tatsächlich hatten. Mehr Ausrufezeichen wünscht S. sich und mehr Emotion. Angewendet auf das politische Feld bedeutet das: hin zum Populismus. Diese wenigen toben in S.’ Vorstellung randalierend durch die Fußgängerzone, randalieren und fühlen sich endlich lebendig und überlegen, wenn sie über die „radelnden Jungväter“ (S.27) lachen und den Obdachlosen den Becher wegtreten können. Geradezu gruselig würde es werden, wenn diese Emotionen sich dann so bahnbrechen würden: „Wenn ich einmal an der Macht bin, werde ich Plätze bauen, auf denen Menschen stehen und miteinander reden. (…) Orte, die offen bleiben, beweglich, in Angriffsposition.“ Die von einer Elite verordnete Freiheit als Garant einer offenen Gesellschaft. Wenn das die Revolution ist, dann gute Nacht, Demokratie. S.’ Wut richtet sich im Roman gegen die Schwachen: gegen das mineralwassertrinkende „nach-18-Uhr-keine-Kohlehydrate“-Mädchen und den Super-Daddy, den radelnden, „arglosen Barbaren”. Damit knöpft S. sich die vor, die schon hundertmal abgewatscht wurden. Nur dort, wo er keine Gegenwehr fürchten muss, traut er sich, auszuteilen. Dabei gäbe es andere, schwierigere, weil mächtigere Gegner zuhauf.

Schwer erträglich, bei einer Generation abgeheftet zu werden, die sich über Latte-Macchiato-Mütter heftiger ereifern kann als über die Entscheidungen, die in nationaler und internationaler Politik, Wirtschaft, Justiz, der Universität etc. etc. jeden Tag getroffen werden. Ich werd’ mir nicht mehr erklären lassen, wie meine Generation tickt. Und ich werd’s mir auch nicht mehr erklären lassen wollen. Ich mach’ einfach selbst was. Und dann soll die Nachwelt entscheiden, wer wir gewesen sind.

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Petunias perfekte Pinterest-Pinnwand oder: Wie Spießer aufhörten, die Hecke zu schneiden und online gingen

Den ersten Harry-Potter-Band habe ich zusammen mit meiner Mutter gekauft. Das muss 1999 gewesen sein, damals war ich neun Jahre alt. Auf meiner Ausgabe seht ihr noch den Aufkleber der Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, den ich damals am liebsten abgezogen hätte. An der unteren Ecke sieht man noch meine Bemühungen, ihn von Sabine Wilharms Titel, den ich so viel schöner ohne Sticker fand, abzupulen. Er saß fest. Gott sei Dank. Sonst könnte ich heute nicht mehr beweisen, dass ich einmal im Leben früh dran war. Wenige Tage nach diesem Bücherkauf fuhr meine Mutter in geheimer Mission wieder in die Stadt und fragte im Buchladen, ob es etwas vergleichbares gäbe. Ihre Tochter sei ganz verrückt nach dem Buch. Bedaure, sagte die Buchhändlerin. Band 2 erscheine erst demnächst… And so it all began.

Wenn ich heute zurückschaue, fällt mir auf, mit welcher Akribie ich mich damals in diese Welt zwischen Ligusterweg und Winkelgasse vertiefte. Ich malte das Hogwarts-Kollegium, mit passenden Brillenformen und farbcodierten Umhängen. Ich zeichnete eine Karte des Rumtreibers mit allen Geheimgängen in meiner eigenen Schule. Fortan bemühte ich mich, nur noch auf Geheimwegen zum nächsten Klassenzimmer zu kommen. Ich schnitt alles, was ich zu Harry Potter finden konnte, aus der Zeitung aus und legte eine Sammelmappe an. Ich kaufte mir sogar einen Stern und stellte erstaunt fest, dass er neben der Titelgeschichte über Harry auch Nacktfotos von Katja Riemann enthielt. Ich ging zu Karstadt und fragte, nachdem der Verkauf eines weiteren Bandes über die Bühne gegangen war, nach der Schaufensterdekoration. Ich bekam einen riesigen Harry aus Karton, auf einem Nimbus 2000 sitzend, den ich in meinem Zimmer an die Wand hängte. Ich bastelte aus Pappmaschee einen Phönix mit 2-Meter-Flügelspannweite, der dann seinerseits das Schaufenster einer lokalen Buchhandlung schmückte. Diese Akribie entwickeln viele Kinder und Jugendliche, sie kann sich auf alles Mögliche beziehen, und wenn man Glück hat, hält sich diese tiefe Faszination für ein Thema bis ins Erwachsenenalter. Und wird dann vielleicht zu einer Doktorarbeit, die fröhlich in Breslauer Adressbüchern von 1903 blättert, um sich danach in 1902 zu verlieren.

Nicht noch einmal werde ich den Zauber dieser Jahre heraufbeschwören. Wer sie kennt – die nächtlichen Leseaktionen, in denen ich, ausgestattet mit einem Teller voll Leckereien, den meine Mutter an meinen Leseort brachte, die ganze Nacht wachblieb – dem wird alles, was ich beschreiben würde, auf seine Art und Weise bekannt vorkommen. Ich will mich lieber auf die Dinge konzentrieren, die mich, wenn ich eine ruhige Minute über Harrys Welt nachdenke, bis heute beschäftigen.

Zum Beispiel, dass ich die Verfilmungen bis heute nicht mag. Ich saß mit elf zitternd im Kino und fürchtete, die Leinwandbilder der Warners würden meine sorgsam ausstaffierte Fantasiewelt übertünchen und verfremden. Mich nervte das hässliche Merchandise und dass der Carlsen-Verlag bei Band vier den Schriftzug des Films auf dem Titelbild übernahm. Mich nervte, wie einheitlich mittelalterlich die Zauberer aussahen, ich hatte mir die modische Bandbreite des Geschmacks und Geldbeutels in der Zaubererwelt viel breiter vorgestellt. Warum gab es keine schicken Hexen in Chanel oder Männer im Karo-Pullunder? Ich war enttäuscht und bin es bis heute. Viel realistischer scheint mir die Zaubererwelt modisch in „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ zu sein, der auch sonst unterhaltsam ist und eine erwachsenere Version des Fiebers wieder aufkommen lässt.

Was mich am meisten beschäftigt, ist die Frage, wie ich die Dursleys heute zeichnen würde. Natürlich, es gibt auch heute noch genau diese Sorte von Spießer, die die keinen Humor verstehen, bei einer Bohrmaschinenfirma arbeiten, samstags die Hecke schneiden und einen verzogenen Sohn haben der andere Kinder piesackt. Aber gibt es inzwischen nicht auch andere Spießer?

Grob gesagt sind Spießer engstirnige Menschen, peinlich auf Konformität mit gesellschaftlichen Normen bedacht. Bloß nichts anders machen, bloß nicht abweichen. Dieses Bloß-alles-richtig-Machen kann in immer neuen Gewändern daherkommen. In manchen teilen Berlins wäre der heckeschneidende Angestellte inzwischen sicherlich die Ausnahme. Und darum vielleicht kein Spießer mehr. Vielleicht wäre die Petunia eines gewissen Großstadtmilieus genauso darauf bedacht, alles richtig zu machen, wie die Petunia aus dem Ligusterweg. Nur eben anders richtig. Je nach Alter eben mit Auslandserfahrung, aber irgendwie doch voll häuslich. Oder natürlich mit Erfahrung und emanzipiert, aber doch auf der Suche nach dem einen einzigen Prinzen. Mit Spaß an Super Foods und dennoch kalorienzählend. Mit selbstausbeuterischem Job, aber dem Satz „Für Politik interessiert sich bei uns ja eher Florian“ auf den Lippen. Ihr merkt, ich bediene Klischees, aber auch die Dursleys bedienen Klischees. Und wenn Du genauso sein willst, Petunia, dann bleib bitte genau so. Aber wenn Dir, wenn keiner zuschaut, das alles zum Hals raushängt, dann zwing Dich bitte nicht länger unter dieses Joch, wirf es ab. Und vor allem: Mach’ es Dir dort nicht bequem. Früher wolltest Du doch auch lieber wie Hermine sein, oder?

 

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Sarah Kuttner: Mängelexemplar, revisited

„Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner fand den Weg zu mir auf eine absurde Weise. Ich habe bei zvab nach einem ganz anderen Buch gesucht, von dem ich eine möglichst günstige Ausgabe haben wollte und deswegen „Mängelexemplar“ in die Suchzeile zum Titel geschrieben habe. Dann zwei Mal auf irgendwas geklickt, es in die Wunschliste gepackt, vergessen, irgendwann wieder aufgerufen und gekauft. Zwei Tage später hatte ich ein Buch, dass ich nicht gewollt, aber bestellt hatte.

Ich kannte Sarah Kuttner. Nicht von Viva, nicht von MTV, sondern von „Zwei bei Kuttner“. Die fixeste war ich bei solchen Sachen nie, ich lese ja auch einen Bestseller von 2009 im Jahr 2017. Na, jedenfalls war „Zwei bei Kuttner“ eine ordentliche Sendung, gern gesehen das. Ich wusste auch ungefähr, worum es in „Mängelexemplar“ ging: anstrengende Frau Ende zwanzig fällt nach Trennung und Jobverlust in ein tiefes Loch, das sich als Depression entpuppt. Gehandelt als Generationenroman. Hätte mir für meine Generation auch was Schöneres vorgestellt, mag solche Kollektivbeschreibungen überhaupt nicht und halte diese dennoch nicht für unrealistisch. Konnte man für 2,37 € getrost behalten, fand ich.

Jetzt, über das lange 1.-Mai-Wochenende, hatte ich Zeit und las „Mängelexemplar“ so im Vorbeigehen, zwischen S-Bahnhof, Fahrradtour und Kirschkuchenpause, irgendwo im Kreis Dahme-Spreewald, Brandenburg. Nach zwei Tagen war ich fertig.

Zum Inhalt: Karo Herrmann ist 26 und lebt schnell und flexibel irgendwo in einer deutschen Großstadt. Wahrscheinlich Berlin. Sie arbeitet in der Kreativbranche, weiß, dass das ein windiges Business sein kann und als modisch verschrien ist. Ist seit zwei Jahren mit Phillip zusammen, weiß, dass die beiden sich nicht lieben. Dann wird Karo der Job gekündigt, sie trennt sich von Philipp – und plötzlich ist da diese unheimlich schwere Pferdedecke, die sich auf Karo legt und ihr die Luft raubt. Depression. Wir begleiten Karo die nächsten 200 Seiten: mit zur Therapie bei Anette, mit zum besten, vergebenen Freund Nelson, mit zu Karos Mutter, die Karo liebt, aber selbst ein Leben voller Probleme hatte.

Karo ist Großstadtmädchenvertreterin: witzig, kreativ, immer einen kessen Herrmann-Spruch auf den Lippen, emotional bis überdreht. Immer auf zack und immer aufgekratzt. Bei aller vermeintlichen „Kantigkeit“ also im Grunde völlig an die Leistungsgesellschaft angepasst – und extrem unglücklich. Karo leidet an der Oberflächlichkeit ihres Lebens. Ohne dass sie zunächst davon weiß. Denn für Karo kommen die Panikattacken zunächst aus dem Nichts.

Karos Ton – den man schon mal mit Sarah Kuttners Sprech verwechseln kann – ist pubertär bis infantil. Und er wäre unerträglich, wenn Karo nicht ein Stilmittel zur Hilfe hätte, das gleichzeitig ihr Fluch ist – die Selbstironie. Karo weiß, wie nervig ihr kommunikatives Dauerfeuer ist, sie weiß, wie banal ihre Probleme neben dem sprichwörtlich gewordenen Hunger in der Welt (oder auch schlicht einem Durchschnittsleben in Deutschland) aussehen – und sie kann sich dennoch nicht die schwere Pferdedecke vom Kopf ziehen. Manchmal weiß man beim Lesen nicht recht, wie ernst es Karo mit der Krankheit ist: auch nur eine modische Marotte, um die sie weiß, oder wirklich lebensbedrohlich? Selbstmordgedanken habe sie keine, nur Gedanken über Selbstmordgedanken. Näher kommt Karo sich nicht, und näher kommen wir ihre also auch nicht.

Ich bedauere es, keine andere Generationenvertreterin verpasst bekommen zu haben. Keine Jean d’Arc mit Visionen und Mut, keine Pippi Langstrumpf, die Autoritäten eine lange Nase dreht, keine Janis Joplin, die einheitlichen Schönheitsidealen fröhlich ins Gesicht lacht. Schade. Andererseits auch nicht schlimm. Wir haben jeden Tag, um zu zeigen, dass mehr in uns steckt, als uns verunsichern zu lassen und uns durchzuwursteln. Karos echtes Leben beginnt ja erst auf Seite 230. Wer weiß, wozu sie noch fähig sein wird.

Wie seht ihr das mit Generationen-Romanen? Alles Quatsch? Winziges Eliten-Problem? Oder fühltet ihr Euch gut abgebildet? Schreibt mir, ich bin gespannt!

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Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Wie viele Menschen in Deinem Mehrparteienhaus kennst Du? Zwei, drei? Und was heißt das: kennen? Vielleicht habt ihr mal ein Hausfest gefeiert, Lampions aufgehängt, im Hof gegrillt. Vielleicht spielen Eure Kinder zusammen und ihr habt Euch schon einmal einen Liter Milch bei dem Mann aus dem Erdgeschoss geliehen. Wer mietet, kennt die Menschen hinter seiner eigenen Wohnzimmerwand meist kaum.

In Haus Nummer 29, das Juliana Kálnay zum Schauplatz ihres Debüt-Romans gemacht hat, ist es ähnlich. Die Bewohner kennen sich – und kennen sich doch nicht. Genauso wird die Geschichte auch erzählt, nämlich so, als würden wir plötzlich als Geist durch Nummer 29 schweben. Es gibt keine Einleitung, keine Aufstellung wie bei Tolstoi, in der alle Hausbewohner vorgestellt werden. Genauso wie neue Mieter irgendwo einziehen und sich zurechtfinden müssen, beginnen wir Kálnays Roman zu lesen. Wir sind sofort mittendrin, haben aber keinen Überblick. Wie durch die Türchen eines Adventskalenders schauen wir in die unterschiedlichsten Wohnzimmer hinein und sehen wundersame Menschen. Es gibt die alte Rita, die schon mit ihren Eltern in Nummer 29 gewohnt hat und die Autorität des Hauses ist. Es gibt Lina, deren Mann Don sich in einen Baum verwandelt hat und auf ihrem Balkon wohnt. Es gibt das Liebespaar Bell und Toni. Es gibt die kokelnden Kinder, die in einer Grillpfanne Nacktschnecken verbrennen, den Mann, der im Aufzug geduldet wird und viele andere.

Niemand in diesem Haus jenseits von Zeit und Raum scheint arbeiten zu müssen, alle leben seltsam losgelöst von unserer Gegenwart. Im ganzen Buch taucht kein Handy auf und kein Internet, doch was noch viel weniger der Gegenwart des Zusammenwohnens in einem Haus zu entsprechen scheint: Es kümmert die Menschen, wer mit ihnen unter einem Dach lebt. Sie beobachten einander, kennen die Gewohnheiten der anderen. Dennoch strahlt der Roman nichts von Bullerbü-Romantik aus. Klar, es gibt „wollweiche Socken“, selbstgebackene Kekse und Frauen, die Marmelade einkochen. Aber Menschen verschwinden auch, sie verwandeln sich oder werden verlassen. Liebende werden eingemauert, Eltern lassen ihre Kinder allein zurück, Schwestern ihre Brüder. Es ist keine heile Welt, sondern auch eine der Gerüchte, der hastig getuschelten Treppenhausunterhaltungen, des Halbwissens und des Wegsehens (angedeutet sind Entführungen und Gefangenhalten, Missbrauch und Selbstmord). Auch um Erinnern und Kindheit als Motive geht es, denn das Haus wird es am Ende des Buches nur noch in der Erinnerung seiner verstreuten Besucher geben.

In kleinen Portionen tischt Juliana Kálnay uns Eindrücke vom Leben der Hausbewohner auf. Multiperspektivisch, nur nach Stockwerken und rechts links eingeteilt. Stets erfahren wir nur so viel über die Bewohner, wie es braucht, um sich ein Bild von den Menschen hinter dem Kalendertürchen zu machen. Ich-Erzähler und personale Erzähler wechseln sich ab. So entstehen viele übereinanderliegende Bilder von Haus Nr. 29: Jeder hat einen anderen Blick auf die Hausgemeinschaft, sieht und erlebt nur einen Teil des Hauses, kennt andere Menschen und immer nur Teile der Geschichte. Kálnays Sprache ist vielseitig, auf eine ruhige Art farbig. Sie kann die Heimeligkeit eines Mikrokosmos ausstrahlen, doch auch etwas hinter den Wänden lauern lassen. Ihre Sprache experimentiert mit den unterschiedlichen Sprechweisen der Bewohner: Kinder, Jugendliche, Alte, einfache Gemüter, und dieses Ausprobieren scheint ihr großen Spaß zu machen. Zusammen mit den verwunschenen Bildern und aus der Zeit gefallenen Personen entsteht eine andere Realität, ein Haus wie eine Welt, die aus Traum, Absurdität, Ängsten und Erinnerungen gesponnen ist, sich weiterspinnt – und dabei unserer Welt sehr ähnlich sieht. Doch in Nummer 29 entpuppt sich das scheinbar Bekannte als das größte Rätsel.

Kálnays Roman ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes: kunstvolle Montagetechnik wirkt hier mühelos, der Leser folgt dem Absurden gern und ohne Widerwillen, lässt sich ganz auf das Haus ein. Juliana Kálnay ist 1988 geboren, wohnt derzeit in Kiel und hat Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim studiert. Bewusst und transparent wird in einem kleinen Nachwort außerdem auf die Autoren verwiesen, die Kálnay als Anregung gedient haben, Julio Cortázar ist darunter und Jenny Erpenbeck. „Eine Chronik des allmählichen Verschwindens“ ist ein anregendes, ungewöhnliches Buch. Es setzt nicht auf die psychologische Ergründung seiner Figuren, sondern zeigt sie und Ausschnitte ihrer Lebenswelt. Das Rätselhafte ist dabei nichts, was aufgelöst werden müsste, vielmehr wird es angenommen. So, wie man eben auch in einem Haus lebt: als Teil eines Organs, das man nicht ganz erfassen kann. Ich bin gespannt, in welche Welt uns die Autorin als nächstes entführt.

Juliana Kálnay, Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens”, Verlag Klaus Wagenbach, 192 Seiten.

Mein herzlicher Dank gilt dem Klaus-Wagenbach-Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zukommen lassen hat.

 

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Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage

Wenn endlich alles in Ordnung ist, wenn Du Dein Studium abgeschlossen hast und jetzt einen Job hast, einen Mann geheiratet hast, eine vernünftige Wohnung und zwei süße kleine Kinder hast, denen Du hübsche Namen gegeben hast und sie Du mit Bio-Äpfeln fütterst, dann könnte es sein, dass Du statt eines Lebens ein Gefängnis eingerichtet hast. Dass Du hasst.

Stuttgart, Westen, Constantinstraße. „Braungelbe Sandsteinhäuser wölben ihre verzierten Fassaden nach vorn wie frische Brote und Kuchen.“ Ein Akademikerbezirk im Schwabenländle. Das ist die Welt von Judith, X und Luise. Drei Frauen, um die Anna Katharina Hahn ihren Roman von 2009 wie eine scharf beobachtende Drohne kreisen lässt.

Zum einen haben wir Judith, die eigentlich Jutta heißt, ihren Durchschnittsnamen aber gern etwas Exotik verleihen wollte. Judith lebt den Ökö-Traum: Zwei Söhne mit rosigen Wangen und stämmigen Beinchen, Uli und Kilian, einen Mann (Klaus, nett, Professor für Maschinenbau) im Unibetrieb beschäftigt. Zusätzlich geben Rudolph Steiners strenge Regeln auf pastellfarbenem Papier und der Jahreszeitentisch Rhythmus und Sicherheit. Arbeiten geht Judith nicht, der enttechnisierte Haushalt, die Abendsuppe und ihre Kinder sind Aufgabe genug und damit kann sie sich auch von den anderen bösen Gedanken ablenken, die immer mal wieder kommen: von den dunklen Uni-Jahren im Stuttgarter Osten, Panikattacken vor Kunstgeschichte-Referaten, den Drogen, der zermürbenden Affäre mit Sören aus Tübingen, der nicht abgeschlossenen Examensarbeit über Otto Dix. Wenn die Gedanken zu schlimm werden, raucht Judith heimlich oder nimmt eben eine Beruhigungstablette.

In der Wohnung gegenüber, auch auf die Constantinstraße, wohnt Leonie, 5 Jahre jünger, auch verheiratet, zwei süße Mädchen, Karrierefrau. Ihrem Mann Simon, aus dem Hohenlohischen („Schwabenbronx“), musste sie erst die Sozialcodes beibringen, jetzt arbeitet Simon verbissen bis spät abends, um die viel zu große 8-Zimmer-Wohnung im Stuttgarter Speck bezahlen zu können. Damit hat er Leonie, die auf hohen Schuhen und in die Bank stöckelt, quasi zur Alleinerziehenden gemacht. Abends plagt sie beim Blick in die Idylle von Judiths Wohnzimmer das schlechte Gewissen.

Suhrkamp-Verlag: “Muster­mütter und Karrie­­refra­­uen, Euryth­­mie und Hyster­­ie, Allein­­erzie­­hende­­ und Proble­­mkind­­er, Wohlst­­and und Verwahrlosu­­ng.”

Und dann gibt es da noch Luise Posselt. Gemeinsam mit ihrem Mann Wenzel (er Flüchtling, sie Schwäbin, Ehe geschlossen um 1945) lebt sie im Erdgeschoss unter Judith. Ihres körperlichen und geistigen Verfalls ist Luise sich bewusst. Sie weiß, dass Judith sich vor ihr ekelt, ihre Kinder am liebsten nicht bei ihr spielen lassen will. Dennoch ist Luise in dem Buch die einzige, die weiß, wie das geht: leben. Nicht: Leben inszenieren.

Bürgerliche Karrieresucht, Überbietungskampf, selbsterzeugter Druck, das sind die Themen des Romans. Es geht um Optimierungswahn, hier in seiner weiblichen Spielart, um mühsam gebastelte und mühsam unterhaltene Identitäten von Frauen in einer Zeit, in der sich alle Selbstverständlichkeiten aufgelöst haben. Es geht um das enge Weltbild, an dessen Ränder sich scheinheilig tolerante Akademiker schnell stoßen, wenn eine alte Frau Bonbons mit „Industriezucker“ (wo sollte er auch sonst herkommen) zusteckt und das Wegschauen und Weghören, das es braucht, um eine Idylle aufrechtzuerhalten. Dabei urteilt Hahn nicht über ihre Figuren, auch wenn sie eine Haltung zu ihnen hat und beißende Ironie. Die größte Stärke des Buches ist die in Sprache gegossene Beobachtungsgabe für „die feinen Unterschiede“.

Ich empfehle das Buch allen, die sich an einem kritisch-genauen Blick auf ein kleines Stück Erdoberfläche erfreuen können. Es passt zur ganzen twenty7thirtytwo-Suche nach Identität ganz wunderbar. Es beschreibt das Dilemma junger, gut ausgebildete Frauen, die nicht mehr wissen, wie das geht: einfach leben. Unglücklich mit der eigenen Lebenswirklichkeit, überfordert von den eigenen Ansprüchen, neidisch auf die, die es (scheinbar) besser hinkriegen und arrogant gegenüber denen, die nicht so viel hinterfragen (konnten), aber trotzdem glücklicher leben. Quintessenz des Hahn’schen Romans: Wer sein Leben inszeniert, lebt nicht.

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Reading in February

February is – for sure – my least favourite month of the year. Even though two close friends have their birthdays in February. Carnival season doesn’t mean anything to me. The long winter is tiring me and in February, it’s always the worst. Since October, the weather in Berlin has been constantly grey, chilly or cold, rainy or hazy; I’ve been wearing a jacket that looks like a duvet, making me look like the Michelin-Man. I’ve had five colds and I haven’t recovered from the last yet. So, February in Germany is a mess.

However, it was touching to see people, deficient in vitamin D, crawling out of theirs burrows as soon as the first rays of sun come out. You can really feel their and your own longing for light, spring and warmth. The sun blinds you, you quint your eyes, it tickles your face and for a moment, you blindly gaze into the sun with your eyes closed – until the S-Bahn comes or the next best cloud is pushed across the sun.

But a month of bad weather and bad health gives you enough time to read. In February, I finished Thomas Glavinic’s “Die Arbeit der Nacht” (Englisch title is “Night Work”) and after this demanding novel, I chose only entertaining and light reading. When I say “light”, I don’t mean shallow. I think it’s an art in itself to write a book that makes its reader turn pages, laugh out loud and is still melancholic and observant, moving you. Very few books can do that to me. 80% of what lies around at Hugendubel, just makes me choke. But with these three books, it was different. I’d recommend them especially as presents. Almost everyone who read those three books enjoyed them… Maybe it’s because the books are all in a way simple, but nevertheless observe childhood, family and everyday topics realistically, not through rose-tinted glasses.

But, enough of complaining about bad weather and cheap tricks: here’s what I read in February… [Sorry, the first review is, for whatever reason, in English, even though I read the book in German and Thomas Glavinic is Autrian. Just scroll down to the next two reviews, I switched back to German there. You find more on language in the “About”.]

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1. Thomas Glavinic: Night work

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On Thomas Glavinc’s “Night work”, I almost broke a tooth. Generally, I consider myself a quite a persistent reader. I normally don’t put aside books which seem taxing to me. In case of “Night work” yet, I was more than once on the verge of returning it to my mother who had lent it to me. It was hard to stick to it, but I assume, that was part of Glavinic’s plan.

However, the novel’s scenario is a gripping one. It resembles a constellation you may know from nightmares or daydreaming: Jonas, 35 years old, male, furniture salesman, with a girlfriend called Marie, wakes up one day, goes to the bus stop, waits for the bus a little too long – and finds the world empty. No cars, no radio, TV, no Internet, no one picks up the phone. Not even birds chirping or flies buzzing. Jonas comes to realize he’s the last living creature on earth.

This setting reminded me of my beloved “The Wall” (“Die Wand by the Austrian author Marlen Haushofer from 1963): What would it be like to be the last human on earth? Glavinic radicalizes this experiment as all animals are gone from Jonas’ world.

At first, Jonas looks for people, keeps driving around Vienna, searching for others and the solution to his strange situation. To improve his chances of tracing down someone, he installs cameras around the city. Then, he starts looking for answers within himself. He begins recording his sleeping self, who seems to be doing disturbing actions at night: Jonas wakes up and a knife is stuck in his bedroom wall. Or: Jonas decides to look for Marie, who is supposed to be in England with relatives. He drives 700 miles, and then takes a rest, only to find out that his sleeping self sabotaged his plans and drove back the entire distance. Of course, the reader desperately wants to find out what happened to the rest of the earth’s population and who will win: Jonas or the sleeper.

“Who am I if nobody is watching me?”

Glavinic doesn’t answer our questions. Maybe he can’t solve the experiment he set up himself. What is brilliant about Glavinic’s writing is ability to manipulate and unsettle the reader. Glavinic forces you to deal with the same insecurities Jonas has to face. So, the reader keeps wondering: “Did the narrator tell me that Jonas stopped and looked into the trunk’s car? Or am I only making this up?” I was constantly leafing backward and forward through the pages to find out whether I was right about what had just happened. The story confronts the reader with big and yes, philosophical questions: “Who am I if nobody is watching me?” or “What do things do, if nobody is there watching them? Do they change positions? Alter their looks?”

Call me simplistic, but I thought Glavinic should have delivered more hints to what happened to Jonas. Now, it just seems to me like an experiment which the author lost his interest in. But maybe I just missed something while I was trying to read too carefully. Just like it happens to Jonas all the time…

Und jetzt auf Deutsch, bitte

Die drei nächsten Bücher, nämlich Robert Seethalers „Ein ganzes Leben”, Matthias Brandts „Raumpatrouille” und Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch. Amerika” sind natürlich drei ganz unterschiedliche Bücher. Was sie aber eint: Sie sind zum Verschenken geeignet. Nicht dass ich meine weggeben wollte, aber ich habe Joachim Meyerhoff schon mehrmals und an ganz unterschiedliche Leute verschenkt. Die Themen, um die es in allen drei geht – grob gesagt: einfaches, entbehrungsreiches aber schönes Leben (Seethaler), ein realistischer, liebevoller, dennoch sehr genauer und nie geschönter Blick auf Familie und Erwachsenwerden (Brandt und Meyerhoff) sind vielleicht solche, an die jeder Erinnerungen hat.

2. Matthias Brandt: Raumpatrouille

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Brandts „Raumpatrouille“ besticht vor allem durch die trockene Sprache, mit der sich ein reflektierter Erwachsener an das staunende, gewöhnlich-außergewöhnliche Kind erinnert, dass er in den 1970er Jahren war. Dieses Kind wächst in einer Familie auf, die so durchschnittlich wie andersartig ist. Durchschnittlich, was die Kleidung, Ausstattung und Wünsche des Kindes betrifft, denn das sind in den späten 60ern und frühen 70ern in West-Deutschland eben Neil-Armstrong-Kostüm, Bonanza-Fahrrad und Wim Thoelke. Und sehr anders, weil die Mutter des Kindes Norwegerin und der Vater des Kindes Bundeskanzler ist. Diesen normalen Wahnsinn – Fahrradausflug mit Herrn Wehner, einen Jahrmarktsbesuch wie eine Verfolgungsjagd, erst Fluchtphantasien, dann Reue und Heimweh – beschreibt Brandt so warmherzig, wie ehrlich und ungeschönt. Ein Schatzkästlein der Kindheit, ganz ohne Sentimentalitäten, dessen Geschichten wie Unikate (die Eichelhäherfeder, das Katzengold, die Muschel) in Erinnerung bleiben werden.

3. Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

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Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ ist eine schöne Geschichte mit einem winzigen bisschen Kitsch, die man an einem Nachmittag, z.B. wenn man krank im Bett liegen muss, austrinken kann wie ein Glas heiße Milch mit Honig.

Andreas Egger, geboren am Anfang des 20. Jahrhunderts, kommt als Kind zu seinem Onkel in ein österreichisches Alpental, in dem er sein ganzes Leben verbringen soll und ebendort auch siebzig Jahre später sterben wird. Eggers Leben ist vorgezeichnet, seine Herkunft bestimmt, wer er werden wird. Nie wird er darüber nachdenken, was er sein könnte, werden könnte, aus sich machen könnte: Egger ist. Er lebt. Es wird ein arbeitsreiches, unfaires, entbehrungs- und verlustreiches Leben werden, das den meisten Leser sehr weit entfernt vorkommen mag. Egger ist ein stoischer Charakter, der hinnimmt, erträgt, keine Wut spürt und keine Rache kennt, weil er mit seinem täglichen Leben schon genug zu tun hat und auch, weil er sich selbst nicht so schrecklich wichtig nimmt.

Zu Eggers Charakter passt Seethalers klare, ruhige Sprache, in der Verluste, Kriege, Ungerechtigkeiten nie dramatisch dargestellt werden, sondern einfach passieren. So kommt es, dass von dem Buch eine Ruhe ausgeht. Verstärkt noch durch Kulisse des Romans: Der Mensch verändert die Natur zwar im Laufe der Zeit, schlägt Schneisen in den Wald, baut Seilbahnen und Straßen, doch die Natur erweist sich als stärker. So hat Seethaler einen Roman geschaffen, der auf eine sehr unaufgeregte Art und Weise einen Typus Mensch zeigt, der sein Schicksal auf sich nimmt und keine Ansprüche stellt und vielleicht gerade deswegen so viel Anklang findet.

Und Meyerhoff gibt’s im März-Rückblick, ich fand ihn nämlich so klasse, dass ich gleich noch “Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” hinterher gelesen habe. Das war’s für heute von mir … im Märzen der Bauer… bis bald.

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Why ‘Toni Erdmann’ Deserved an Academy Award

On December 15th 2016, I left the cinema with a content little smile on my face. This smile was due to Toni Erdmann. I was smiling because Toni Erdmann had just joined the ranks of my all-time team of ambivalent superheroes, which includes R.P. McMurphy as well as Lisbeth Salander and many others. And I was absolutely sure that I’d always remember Toni Erdmann with a feeling that rarely occurs: The feeling that great art had been great fun. The feeling of great work effortlessly showing you something you could not have explained yourself. Toni Erdmann (by Maren Ade) is such a piece of filmmaking – and should have taken home the Oscar for Best Foreign Language Film.

Winfried Conradi (Peter Simonischek) is a divorced German schoolteacher with a knack for 7th-grade-performances, wacky humour and bizarre costumes, irritating his environment and especially his family. When Ines Conradi (Sandra Hüller), his childless thirty-something daughter, who fiercely pushes her career as a management consultant in Bucharest, returns home for her birthday, two worlds collide. The situation deteriorates when Winfried, who consideres Ines to be deeply unhappy, follows her to Romania. And it gets even worse, when he then invents „Toni Erdmann“, a “life coach” with silly fake teeth and a wig, introducing himself to the consultancy crowd (they take him for real) to get close to his estranged child again.

There are many, many obvious reasons why “Toni” should win an Oscar. Screenplay, terrific acting etc. etc. But I’ll name some different reasons why I’d give it an Oscar and why you should go and see it. Toni knows a thing or two about timing, dialogues and zeitgeist. Trust me.

It is, äh, “English”-speaking

The world Ines and her fellow consultancy friends, superiors and assistants live in, is English-speaking. Germans absent-mindedly praise their Romanian assistants in English, Germans talk to Germans in English. Toni explains his coaching strategies in English. The entire film is a friendly satire on how the business world makes use of its lingua franca. To hear and watch that is highly entertaining. Probably even more, if you’re a native speaker, ähem. So, members of  the Academy, I bet you WILL enjoy this Germanglish, just give it a try.

The film is also a sensitive portrayal of a multi-layered father-daughter-relationship. The storyline may sound like a cliché to some of you (unhappy career woman is rescued by her warm-hearted dad), but it’s not. Winfried’s „Toni Erdmann“ is a rebel in just as many ways as he is helpless and lost. Winfred’s post-68s-ideals clash with Ines’ capitalist cynicism, his playfulness with her world’s conformity. But Ines develops her own humour and superpowers. The film lets her turn the tables more than once and sympathizes with both characters equally.

It is truely European!

No, Toni will not teach you how the European Union works. He will not explicitly tell you about WWII and you won’t see lederhosen and sausages. But you will get to know a German schoolteacher who was socialized during the baby-boomer-era and his digital native daughter. You’ll see Romania and its people, you’ll see a Bulgarian lucky charm, you’ll see how extremely diverse Europe is, how living standards vary and what consultants do. You’ll see a bit of German Freikörperkultur (nudism) and Hausmusik (music played within a family circle, which is typically Whitney Houston’s “Greatest Love of All”) and this will teach you more than a trip to Rothenburg ob der Tauber.
Most importantly: After having watched Toni Erdmann, you’ll hold Europe and the Union in higher esteem and you’ll, very quietly, celebrate its diversity.

 

I have no doubt that Toni Erdmann will make you laugh and it’ll also make you think. You’ll laugh until you cry, but you’ll also feel ashamed, embarrassed, sad and lonely. You’ll enjoy and regret at the same time. Paradoxically, you’ll find unexplained and inexplicable beauty in what lies in a movie and cannot be captured in pictures.
Well, that was it. I kept my fingers crossed for you, Toni. You’re on my team anyway!
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