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#buchpassion #Lieblingsautor

Auf Instagram hat kaprizioesblog, eine Buch-Bloggerin, deren Posts ich sehr gern lese, nach meinem Lieblingsautor gefragt. Auch denen, die nicht bei Instagram sind, wollte ich meinen derzeitigen Lieblingsautor nicht vorenthalten. Bisschen was habe ich auch schon mal erzählt. Viel Spaß!

Nur einen (!) Lieblingsautor zu benennen, dürfte vielen schwer fallen. Ich bin das Wagnis eingegangen und habe mich nicht für fancy Thomas Mann oder Theodor Fontane entschieden, die ich auch sehr gern lese, sondern für Ralf Rothmann.

Ein Lieblingsautor ist für mich jemand, zu dessen Büchern man immer gern zurückkehrt, den man ohne Krampf liest, mit dem man gern einen Kaffee trinken gehen würde. An Rothmanns Büchern gefällt mir, dass der Alltag seiner Figuren, ihre Gewohnheiten so genau beobachtet und erzählt ist. Die meisten Figuren leben im Ruhrgebiet der 60er Jahre, man erfährt, welches Parfum die Frauen tragen und wie die Maschinen heißen, mit denen unter Tage geschafft wird. Er ist derzeit mein Lieblingsautor, weil ich seine Bücher klug, sinnlich und sensibel finde. Es wird von normalen Menschen und ihrem normalen Leben erzählt. Von Leuten, die keine Deadlines kennen, nur Schichtdienst und ihr halbes Leben lang die Sofagarnitur abzahlen werden. Und dazwischen gibt es die Verrückten, die anderen, die Aussteiger, die die Poesie der Romane ausmachen, wenn sie dem Ich-Erzähler nebenbei Weisheiten mitteilen: “Wenn Du Dich für die Freiheit entschieden hast, kann Dir gar nichts passieren.”

Oft meint man, diese Welt, die es gar nicht mehr gibt, wiederzuerkennen. Mit Rothmann kann man jederzeit dorthin reisen. Auch deswegen ist er mein Lieblingsautor.

Das Bild, das in meinem Wohnzimmer steht, und mich mit seiner Ruhe und Dynamik irgendwie an Rothmann erinnert, hat @barbara_wonner_art gemacht, von der es hier noch mehr Bilder zu sehen gibt.

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Im Zettelwald: Die Grimmwelt in Kassel.

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Kassel ist bergig. Ich bewege mich durch die Stadt, in der in diesem Sommer die Documenta stattfindet, an “Tag Zwei” nicht mehr mit Sieben-Meilen-Stiefeln, sondern mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und schweren Schritten. Nun muss ich auch noch einen richtigen Berg erklimmen, puh. Ich stapfe den Kassler Weinberg hinauf, überlege dabei, ob es nicht Kasselaner oder Kasseläner Weinberg heißen sollte, weil mir eine nette Kasslerin das eben in der Schlange vor der Neuen Galerie so gut erklärt hat, und während ich noch überlege, habe ich die letzten Meter genommen und stehe am Rande des Märchenwaldes: vor der Grimmwelt Kassel.

Die Grimmwelt gehört eigentlich nicht zur Documenta. Ja, einen Documenta-Raum hat sie auch bekommen, doch sie steht dauerhaft hier, weil die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in Kassel zur Schule gingen und nach dem Studium zurück nach Kassel zogen und hier ihre Märchen sammelten.

Im Eingangsbereich der Grimmwelt ist die Kasse und „Fallada“, das Museumscafé. Wer in die Ausstellung will, wird nach dem Kartenkauf (Preis: 8 €, ermäßigt 6 € ) in die „Unterwelt“ geschickt. Ein abgedunkelter Gang, gesäumt von Leuchtbuchstaben beginnt hier. Von „Zettel“ bis, pardon, „Ärschlein“ wird man anhand der Buchstaben geführt. Der Rundgang durch die Grimmwelt ist in drei (natürlich, eine magische Zahl!) Teile geteilt. Nacheinander lernt man die Arbeit der Brüder Grimm, die Welt der Märchen und zuletzt das Grimm’sche Privatleben besser kennen.

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Am meisten fasziniert hat mich der erste Teil der Ausstellung zur deutsche Sprache und der Forschung der Brüder Grimm an ihrem Deutschen Wörterbuch. Bis zum Tod der Brüder in den Jahren 1859 und 1863 kamen sie nur bis zum Buchstaben F, erst hundert Jahre später wurde es fertiggestellt. Das Projekt war ein gigantisches, die Grimms hatten es wahrscheinlich selbst unterschätzt: Sie wollten alle Wörter der Deutschen Sprache und ihren Gebrauch seit der Lutherzeit aufnehmen. Was dazu führte, dass allein das Lemma „Zettel“ 1119 Belegzettel erhielt. Alles, was irgendeinen Bezug zum „Zettel“ hatte, wurde notiert – natürlich auf Zettel. Luhmann lässt grüßen. In diesem Teil der Ausstellung verbringe ich am längsten, das wissenschaftliche Arbeiten der Brüder, ihre Sammelwut und Sammelleidenschaft, ist mir, die an ihrer Doktorarbeit schreibt, im Moment am nächsten.

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Wunderschön sind die 14 Dioramen, die Szenen aus der Entstehungsgeschichte des Grimm’schen Wörterbuchs zeigen und in der schummrigen Atmosphäre des Museums herrlich leuchten. Dioramen waren im 19. Jahrhundert eine beliebte Ausstellungstechnik. Im Grunde sind es Aquarien ohne Wasser, in denen Landschaften nachgestellt werden. Vielleicht kennt ihr sie aus älteren naturhistorischen Museen, wo sie „den Winterwald“ oder „Am Strand“ zeigen: Schaukästen, die ausgestopfte Tieren in ihren natürlichen Lebensräumen zeigen, und Gegenstände und Hintergründe so geschickt anordnen, dass der Eindruck räumlicher Tiefe erzeugt wird – obwohl die sich ausdehnenden Landschaften nur gemalt sind. Als Kind fand ich die Landschaften mit Kunstschnee und Tannennadeln aus Sägespänen zauberhaft – heute bin ich besonders verliebt die weißen Dioramen von Alexej Tchernyi aus Papier, die ich in Kassel sofort wiedererkannt habe: In Schöningen, dort wo man im Paläon die etwa 300.000 Jahre alten Speere bestaunen kann, gibt es Tchernyis Arbeiten ebenso zu sehen wie in der Grimmwelt. Sie zeigen Szenen aus der Entstehungsgeschichte des Grimm’schen Wörterbuchs, z.B. den Weggang der Brüder aus Göttingen (oben). Dort waren sie zuvor Professoren gewesen und als sie sich dem Verfassungsbruch des Hannoveraner Königs nicht beugen wollten, mussten sie zusammen mit fünf anderen Kollegen die Stadt verlassen.

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In der Märchenwelt, dem zweiten Teil der Ausstellung, fühlte ich mich etwas verloren. Worum geht’s hier? Wird mir nicht ganz klar. Vor mir zwei chinesische Kinder, gelangweilt oder überfordert, die auf den animierten Frosch treten, der einem entgegenhüpft, sobald man die Räume betritt. Ich ärgere mich über die Eltern der beiden. Das hier ist eigentlich keine Ausstellung für Kinder, ich jedenfalls hätte mich zwischen den dunklen Tannen aus grünen Plastikstäbchen und dem Wispern aus zig Lautsprechern gegruselt. Und die beiden hier nerven einfach. Ich ziehe mich in den Raum zurück, in dem „Rumpelstilzchen“ in 28 Sprachen auf mehreren Leinwänden erzählt wird. Auf Deutsch, Englisch, Französisch, Ungarisch, Japanisch, (…), aber auch auf Plattdeutsch und Nordhessisch. Das gefällt mir gut, ich muss viel lachen, besonders über das Hessische.

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Durch den restlichen Märchen-Teil der Ausstellung gehe ich etwas ratlos. Schaue mehr, als die Beschreibungstafeln zu lesen und denke über meine Erfahrungen mit den Märchen nach. Als Kind habe ich sie zunächst vorgelesen bekommen, die Ausgabe, aus der meine Mutter las, war aus ihrer Kindheit, bestimmt dreißig Jahre alt, der Buchdeckel war schon etwas lose. In der Adventszeit war ich in der Aula des Gymnasiums (aufregend!) im Kindertheater (noch aufregender!) und habe „Aschenputtel“ gesehen. Oder an verregneten Sonntagnachmittagen Sagaland gespielt. Oder „Cinderella“ und wie sie alle hießen, auf VHS geschaut. Als Jugendliche habe ich dann von meiner Deutschlehrerin gelernt, dass sich hinter den Märchen der Kindheit noch eine ganz andere, tiefgründige Welt verbirgt; dass man Märchen psychologisch deuten kann, dass Märchen unsere Ängste und Wünsche abbilden, sie kennen den Stoff, aus dem unsere Träume und Alpträume sind. Ob Märchen wirklich noch der letzte gemeinsame literarische Bezugspunkt in Deutschland sind, wie die Ausstellung meint, weiß ich nicht. Wenig thematisiert wird auch, wie stark Märchen im 20. Jahrhundert in Frage gestellt wurden. Immerhin sind es Geschichten, in denen sich Stiefmütter tottanzen und Hexen verbrannt werden…

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Den letzten Teil, den biografischen, durchquere ich ganz schnell. Mein Zug fährt .

Im Zug schaue ich mir die Bilder von der Zettelwand nochmal an und auch das Foto, das ich von der Wand gemacht habe, an der das Netzwerk der Grimm’schen Korrespondenz dargestellt war. Mammutprojekte und viele, viele E-Mails. Gar nicht so viel anders als Wissenschaft heute, denke ich, und schmunzle.

 

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Talking About My Generation? Simon Strauss: Sieben Nächte

„Sieben Nächte“, das Buch, von dem vor drei Wochen alle geredet haben. Drei Wochen sind lang, im Internetzeitalter erscheinen sie mir so lang, dass ein Blog-Post über ein derart altes Buch schon fast nicht mehr geschrieben werden müsste.

Im Fall von „Sieben Nächten“ will ich’s mir aber dennoch von der Seele schreiben, denn: Ich habe mich wahnsinnig über das Buch geärgert. Vielleicht habe ich mich auch nur über die euphorischen Stimmen in der Presse und auf Instagram geärgert – und ganz eigentlich über mich selbst.

Gerade Florian Illies’ Besprechung in der ZEIT hat mich verärgert. Illies ist, so schaut es jedenfalls aus, einem klugen Jungen meiner Generation, Simon Strauss, Jahrgang 1988, auf den Leim gegangen. Oder, doch das wollen wir ihm nicht unterstellen, er hat ihn nicht ernsthaft rezensiert, weil er den blutjungen, promovierten, festangestellten Theaterkritiker der FAZ nicht in die Pfanne hauen wollte. „[W]armblütig, ein Manifest, schnell zu lesen, schwer zu vergessen“ nennt Florian Illies „Sieben Nächte“ in der ZEIT und vermutet, den ersten „sichtbaren Identitätsnachweis seiner [Strauss’] Generation“ vor sich zu haben. Hochromantisch sei das Buch und die Romantik sei doch ein herrlicher Notausgang aus der ewigen Selbstbespiegelung, die als Generationenmerkmal festgemacht wird. Illies fragt sich weiter, ob bei so viel Bildungstiefe genügend Leser mit an Bord wären, um die Visionen des Ich-Erzählers Wirklichkeit werden zu lassen. Ob Strauss’ naiv ist oder aber wir, lässt Illies offen.

Simon Strauss hat in einem Interview dem Leser Anlass zu der Annahme gegeben, dass seine Schilderungen in „Sieben Nächte“ authentisch sind, dass er das Experiment selbst durchgeführt hat. Aber es bleibt bei Andeutungen. Strauss deckt, entgegen seiner Forderung zur neuen Wahrhaftigkeit, nicht auf, was Wahrheit ist und was Fiktion. Was will Simon Strauss – und will er das, was der Ich-Erzähler in „sieben Nächte“ will? Das wären die entscheidenden Ausgangsfragen einer guten Rezension gewesen. Dem Tagesspiegel zum Beispiel gelingt es, diesen Punkt aufzugreifen.

Wenn man sich Strauss’ Äußerungen im Interview und seinen 2014 in der FAS erschienenen Artikel „Ich sehne mich nach Streit“ vor Augen führt, muss man annehmen, dass Strauss und S. sich ähnlich sind. Wenn Strauss den Roman so angelegt hat, dass das Kennzeichnende dieser Generation ihre Mattheit ist, wenn er sie so lahm und zahnlos sieht und beschreiben wollte, dass sie Tod(!)sünden(!) nur unter der Anleitung eines „richtigen Erwachsenen“ begehen kann, der Begriff der Sünde also ad absurdum geführt wird (Stichwort: „Ich nehme mir vor, spontaner zu sein.“), dann ist das Buch in der Anlage zumindest schlau und in der Ausführung konsequenterweise ziemlich matt. Dann wäre es aber kein Manifest für eine neue Ernsthaftigkeit, denn ein Manifest verträgt die ironische Brechung nicht. Wenn Strauss das alles nicht angelegt hat, dann ist das Buch einfach nur schwer zu ertragen.

Simon Strauss ist klug genug, seine Generationenbeschreibung nur für einen winzigen Generationenausschnitt (Tendenz: Akademiker, Großstädter, Hedonist) anzulegen. Aber wie winzig muss das Sichtfeld derer sein, die den Roman zum „Generationenbuch“ hochstilisieren? Wer die beschriebenen Jahrgänge als aufgewachsen in einer Glücksblase, auf dem Platz „dicht an der Heizung“ (S.13) sieht, äußert seine pure Ignoranz gegenüber denen, die an der Armutsgrenze leben mussten, über einen Prozentsatz an psychischen Krankheiten, den es (Kriegstraumata ausgenommen) selten vorher so gab, über die Undurchlässigkeit des Bildungssystems, gegenüber Migranten, die neu anfangen müssen und/oder jungen Hochqualifizierten, die mit Mitte 30 in Zeitverträgen stecken und von Strauss’ als beengt dargestelltem Leben im Reihenhaus mit Kindern noch meilenweit entfernt sind – weil sie keine Sicherheiten haben, die sie verdrießen könnten.

Die unangenehmste Vorstellung wäre aber, wenn Strauss sein Buch doch als Pamphlet für „mehr Emotion“ gemeint hätte – und zwar als Pamphlet für die wenigen, die den Platz an der Heizung tatsächlich hatten. Mehr Ausrufezeichen wünscht S. sich und mehr Emotion. Angewendet auf das politische Feld bedeutet das: hin zum Populismus. Diese wenigen toben in S.’ Vorstellung randalierend durch die Fußgängerzone, randalieren und fühlen sich endlich lebendig und überlegen, wenn sie über die „radelnden Jungväter“ (S.27) lachen und den Obdachlosen den Becher wegtreten können. Geradezu gruselig würde es werden, wenn diese Emotionen sich dann so bahnbrechen würden: „Wenn ich einmal an der Macht bin, werde ich Plätze bauen, auf denen Menschen stehen und miteinander reden. (…) Orte, die offen bleiben, beweglich, in Angriffsposition.“ Die von einer Elite verordnete Freiheit als Garant einer offenen Gesellschaft. Wenn das die Revolution ist, dann gute Nacht, Demokratie. S.’ Wut richtet sich im Roman gegen die Schwachen: gegen das mineralwassertrinkende „nach-18-Uhr-keine-Kohlehydrate“-Mädchen und den Super-Daddy, den radelnden, „arglosen Barbaren”. Damit knöpft S. sich die vor, die schon hundertmal abgewatscht wurden. Nur dort, wo er keine Gegenwehr fürchten muss, traut er sich, auszuteilen. Dabei gäbe es andere, schwierigere, weil mächtigere Gegner zuhauf.

Schwer erträglich, bei einer Generation abgeheftet zu werden, die sich über Latte-Macchiato-Mütter heftiger ereifern kann als über die Entscheidungen, die in nationaler und internationaler Politik, Wirtschaft, Justiz, der Universität etc. etc. jeden Tag getroffen werden. Ich werd’ mir nicht mehr erklären lassen, wie meine Generation tickt. Und ich werd’s mir auch nicht mehr erklären lassen wollen. Ich mach’ einfach selbst was. Und dann soll die Nachwelt entscheiden, wer wir gewesen sind.

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Petunias perfekte Pinterest-Pinnwand oder: Wie Spießer aufhörten, die Hecke zu schneiden und online gingen

Den ersten Harry-Potter-Band habe ich zusammen mit meiner Mutter gekauft. Das muss 1999 gewesen sein, damals war ich neun Jahre alt. Auf meiner Ausgabe seht ihr noch den Aufkleber der Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, den ich damals am liebsten abgezogen hätte. An der unteren Ecke sieht man noch meine Bemühungen, ihn von Sabine Wilharms Titel, den ich so viel schöner ohne Sticker fand, abzupulen. Er saß fest. Gott sei Dank. Sonst könnte ich heute nicht mehr beweisen, dass ich einmal im Leben früh dran war. Wenige Tage nach diesem Bücherkauf fuhr meine Mutter in geheimer Mission wieder in die Stadt und fragte im Buchladen, ob es etwas vergleichbares gäbe. Ihre Tochter sei ganz verrückt nach dem Buch. Bedaure, sagte die Buchhändlerin. Band 2 erscheine erst demnächst… And so it all began.

Wenn ich heute zurückschaue, fällt mir auf, mit welcher Akribie ich mich damals in diese Welt zwischen Ligusterweg und Winkelgasse vertiefte. Ich malte das Hogwarts-Kollegium, mit passenden Brillenformen und farbcodierten Umhängen. Ich zeichnete eine Karte des Rumtreibers mit allen Geheimgängen in meiner eigenen Schule. Fortan bemühte ich mich, nur noch auf Geheimwegen zum nächsten Klassenzimmer zu kommen. Ich schnitt alles, was ich zu Harry Potter finden konnte, aus der Zeitung aus und legte eine Sammelmappe an. Ich kaufte mir sogar einen Stern und stellte erstaunt fest, dass er neben der Titelgeschichte über Harry auch Nacktfotos von Katja Riemann enthielt. Ich ging zu Karstadt und fragte, nachdem der Verkauf eines weiteren Bandes über die Bühne gegangen war, nach der Schaufensterdekoration. Ich bekam einen riesigen Harry aus Karton, auf einem Nimbus 2000 sitzend, den ich in meinem Zimmer an die Wand hängte. Ich bastelte aus Pappmaschee einen Phönix mit 2-Meter-Flügelspannweite, der dann seinerseits das Schaufenster einer lokalen Buchhandlung schmückte. Diese Akribie entwickeln viele Kinder und Jugendliche, sie kann sich auf alles Mögliche beziehen, und wenn man Glück hat, hält sich diese tiefe Faszination für ein Thema bis ins Erwachsenenalter. Und wird dann vielleicht zu einer Doktorarbeit, die fröhlich in Breslauer Adressbüchern von 1903 blättert, um sich danach in 1902 zu verlieren.

Nicht noch einmal werde ich den Zauber dieser Jahre heraufbeschwören. Wer sie kennt – die nächtlichen Leseaktionen, in denen ich, ausgestattet mit einem Teller voll Leckereien, den meine Mutter an meinen Leseort brachte, die ganze Nacht wachblieb – dem wird alles, was ich beschreiben würde, auf seine Art und Weise bekannt vorkommen. Ich will mich lieber auf die Dinge konzentrieren, die mich, wenn ich eine ruhige Minute über Harrys Welt nachdenke, bis heute beschäftigen.

Zum Beispiel, dass ich die Verfilmungen bis heute nicht mag. Ich saß mit elf zitternd im Kino und fürchtete, die Leinwandbilder der Warners würden meine sorgsam ausstaffierte Fantasiewelt übertünchen und verfremden. Mich nervte das hässliche Merchandise und dass der Carlsen-Verlag bei Band vier den Schriftzug des Films auf dem Titelbild übernahm. Mich nervte, wie einheitlich mittelalterlich die Zauberer aussahen, ich hatte mir die modische Bandbreite des Geschmacks und Geldbeutels in der Zaubererwelt viel breiter vorgestellt. Warum gab es keine schicken Hexen in Chanel oder Männer im Karo-Pullunder? Ich war enttäuscht und bin es bis heute. Viel realistischer scheint mir die Zaubererwelt modisch in „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ zu sein, der auch sonst unterhaltsam ist und eine erwachsenere Version des Fiebers wieder aufkommen lässt.

Was mich am meisten beschäftigt, ist die Frage, wie ich die Dursleys heute zeichnen würde. Natürlich, es gibt auch heute noch genau diese Sorte von Spießer, die die keinen Humor verstehen, bei einer Bohrmaschinenfirma arbeiten, samstags die Hecke schneiden und einen verzogenen Sohn haben der andere Kinder piesackt. Aber gibt es inzwischen nicht auch andere Spießer?

Grob gesagt sind Spießer engstirnige Menschen, peinlich auf Konformität mit gesellschaftlichen Normen bedacht. Bloß nichts anders machen, bloß nicht abweichen. Dieses Bloß-alles-richtig-Machen kann in immer neuen Gewändern daherkommen. In manchen teilen Berlins wäre der heckeschneidende Angestellte inzwischen sicherlich die Ausnahme. Und darum vielleicht kein Spießer mehr. Vielleicht wäre die Petunia eines gewissen Großstadtmilieus genauso darauf bedacht, alles richtig zu machen, wie die Petunia aus dem Ligusterweg. Nur eben anders richtig. Je nach Alter eben mit Auslandserfahrung, aber irgendwie doch voll häuslich. Oder natürlich mit Erfahrung und emanzipiert, aber doch auf der Suche nach dem einen einzigen Prinzen. Mit Spaß an Super Foods und dennoch kalorienzählend. Mit selbstausbeuterischem Job, aber dem Satz „Für Politik interessiert sich bei uns ja eher Florian“ auf den Lippen. Ihr merkt, ich bediene Klischees, aber auch die Dursleys bedienen Klischees. Und wenn Du genauso sein willst, Petunia, dann bleib bitte genau so. Aber wenn Dir, wenn keiner zuschaut, das alles zum Hals raushängt, dann zwing Dich bitte nicht länger unter dieses Joch, wirf es ab. Und vor allem: Mach’ es Dir dort nicht bequem. Früher wolltest Du doch auch lieber wie Hermine sein, oder?

 

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Sarah Kuttner: Mängelexemplar, revisited

„Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner fand den Weg zu mir auf eine absurde Weise. Ich habe bei zvab nach einem ganz anderen Buch gesucht, von dem ich eine möglichst günstige Ausgabe haben wollte und deswegen „Mängelexemplar“ in die Suchzeile zum Titel geschrieben habe. Dann zwei Mal auf irgendwas geklickt, es in die Wunschliste gepackt, vergessen, irgendwann wieder aufgerufen und gekauft. Zwei Tage später hatte ich ein Buch, dass ich nicht gewollt, aber bestellt hatte.

Ich kannte Sarah Kuttner. Nicht von Viva, nicht von MTV, sondern von „Zwei bei Kuttner“. Die fixeste war ich bei solchen Sachen nie, ich lese ja auch einen Bestseller von 2009 im Jahr 2017. Na, jedenfalls war „Zwei bei Kuttner“ eine ordentliche Sendung, gern gesehen das. Ich wusste auch ungefähr, worum es in „Mängelexemplar“ ging: anstrengende Frau Ende zwanzig fällt nach Trennung und Jobverlust in ein tiefes Loch, das sich als Depression entpuppt. Gehandelt als Generationenroman. Hätte mir für meine Generation auch was Schöneres vorgestellt, mag solche Kollektivbeschreibungen überhaupt nicht und halte diese dennoch nicht für unrealistisch. Konnte man für 2,37 € getrost behalten, fand ich.

Jetzt, über das lange 1.-Mai-Wochenende, hatte ich Zeit und las „Mängelexemplar“ so im Vorbeigehen, zwischen S-Bahnhof, Fahrradtour und Kirschkuchenpause, irgendwo im Kreis Dahme-Spreewald, Brandenburg. Nach zwei Tagen war ich fertig.

Zum Inhalt: Karo Herrmann ist 26 und lebt schnell und flexibel irgendwo in einer deutschen Großstadt. Wahrscheinlich Berlin. Sie arbeitet in der Kreativbranche, weiß, dass das ein windiges Business sein kann und als modisch verschrien ist. Ist seit zwei Jahren mit Phillip zusammen, weiß, dass die beiden sich nicht lieben. Dann wird Karo der Job gekündigt, sie trennt sich von Philipp – und plötzlich ist da diese unheimlich schwere Pferdedecke, die sich auf Karo legt und ihr die Luft raubt. Depression. Wir begleiten Karo die nächsten 200 Seiten: mit zur Therapie bei Anette, mit zum besten, vergebenen Freund Nelson, mit zu Karos Mutter, die Karo liebt, aber selbst ein Leben voller Probleme hatte.

Karo ist Großstadtmädchenvertreterin: witzig, kreativ, immer einen kessen Herrmann-Spruch auf den Lippen, emotional bis überdreht. Immer auf zack und immer aufgekratzt. Bei aller vermeintlichen „Kantigkeit“ also im Grunde völlig an die Leistungsgesellschaft angepasst – und extrem unglücklich. Karo leidet an der Oberflächlichkeit ihres Lebens. Ohne dass sie zunächst davon weiß. Denn für Karo kommen die Panikattacken zunächst aus dem Nichts.

Karos Ton – den man schon mal mit Sarah Kuttners Sprech verwechseln kann – ist pubertär bis infantil. Und er wäre unerträglich, wenn Karo nicht ein Stilmittel zur Hilfe hätte, das gleichzeitig ihr Fluch ist – die Selbstironie. Karo weiß, wie nervig ihr kommunikatives Dauerfeuer ist, sie weiß, wie banal ihre Probleme neben dem sprichwörtlich gewordenen Hunger in der Welt (oder auch schlicht einem Durchschnittsleben in Deutschland) aussehen – und sie kann sich dennoch nicht die schwere Pferdedecke vom Kopf ziehen. Manchmal weiß man beim Lesen nicht recht, wie ernst es Karo mit der Krankheit ist: auch nur eine modische Marotte, um die sie weiß, oder wirklich lebensbedrohlich? Selbstmordgedanken habe sie keine, nur Gedanken über Selbstmordgedanken. Näher kommt Karo sich nicht, und näher kommen wir ihre also auch nicht.

Ich bedauere es, keine andere Generationenvertreterin verpasst bekommen zu haben. Keine Jean d’Arc mit Visionen und Mut, keine Pippi Langstrumpf, die Autoritäten eine lange Nase dreht, keine Janis Joplin, die einheitlichen Schönheitsidealen fröhlich ins Gesicht lacht. Schade. Andererseits auch nicht schlimm. Wir haben jeden Tag, um zu zeigen, dass mehr in uns steckt, als uns verunsichern zu lassen und uns durchzuwursteln. Karos echtes Leben beginnt ja erst auf Seite 230. Wer weiß, wozu sie noch fähig sein wird.

Wie seht ihr das mit Generationen-Romanen? Alles Quatsch? Winziges Eliten-Problem? Oder fühltet ihr Euch gut abgebildet? Schreibt mir, ich bin gespannt!

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Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Wie viele Menschen in Deinem Mehrparteienhaus kennst Du? Zwei, drei? Und was heißt das: kennen? Vielleicht habt ihr mal ein Hausfest gefeiert, Lampions aufgehängt, im Hof gegrillt. Vielleicht spielen Eure Kinder zusammen und ihr habt Euch schon einmal einen Liter Milch bei dem Mann aus dem Erdgeschoss geliehen. Wer mietet, kennt die Menschen hinter seiner eigenen Wohnzimmerwand meist kaum.

In Haus Nummer 29, das Juliana Kálnay zum Schauplatz ihres Debüt-Romans gemacht hat, ist es ähnlich. Die Bewohner kennen sich – und kennen sich doch nicht. Genauso wird die Geschichte auch erzählt, nämlich so, als würden wir plötzlich als Geist durch Nummer 29 schweben. Es gibt keine Einleitung, keine Aufstellung wie bei Tolstoi, in der alle Hausbewohner vorgestellt werden. Genauso wie neue Mieter irgendwo einziehen und sich zurechtfinden müssen, beginnen wir Kálnays Roman zu lesen. Wir sind sofort mittendrin, haben aber keinen Überblick. Wie durch die Türchen eines Adventskalenders schauen wir in die unterschiedlichsten Wohnzimmer hinein und sehen wundersame Menschen. Es gibt die alte Rita, die schon mit ihren Eltern in Nummer 29 gewohnt hat und die Autorität des Hauses ist. Es gibt Lina, deren Mann Don sich in einen Baum verwandelt hat und auf ihrem Balkon wohnt. Es gibt das Liebespaar Bell und Toni. Es gibt die kokelnden Kinder, die in einer Grillpfanne Nacktschnecken verbrennen, den Mann, der im Aufzug geduldet wird und viele andere.

Niemand in diesem Haus jenseits von Zeit und Raum scheint arbeiten zu müssen, alle leben seltsam losgelöst von unserer Gegenwart. Im ganzen Buch taucht kein Handy auf und kein Internet, doch was noch viel weniger der Gegenwart des Zusammenwohnens in einem Haus zu entsprechen scheint: Es kümmert die Menschen, wer mit ihnen unter einem Dach lebt. Sie beobachten einander, kennen die Gewohnheiten der anderen. Dennoch strahlt der Roman nichts von Bullerbü-Romantik aus. Klar, es gibt „wollweiche Socken“, selbstgebackene Kekse und Frauen, die Marmelade einkochen. Aber Menschen verschwinden auch, sie verwandeln sich oder werden verlassen. Liebende werden eingemauert, Eltern lassen ihre Kinder allein zurück, Schwestern ihre Brüder. Es ist keine heile Welt, sondern auch eine der Gerüchte, der hastig getuschelten Treppenhausunterhaltungen, des Halbwissens und des Wegsehens (angedeutet sind Entführungen und Gefangenhalten, Missbrauch und Selbstmord). Auch um Erinnern und Kindheit als Motive geht es, denn das Haus wird es am Ende des Buches nur noch in der Erinnerung seiner verstreuten Besucher geben.

In kleinen Portionen tischt Juliana Kálnay uns Eindrücke vom Leben der Hausbewohner auf. Multiperspektivisch, nur nach Stockwerken und rechts links eingeteilt. Stets erfahren wir nur so viel über die Bewohner, wie es braucht, um sich ein Bild von den Menschen hinter dem Kalendertürchen zu machen. Ich-Erzähler und personale Erzähler wechseln sich ab. So entstehen viele übereinanderliegende Bilder von Haus Nr. 29: Jeder hat einen anderen Blick auf die Hausgemeinschaft, sieht und erlebt nur einen Teil des Hauses, kennt andere Menschen und immer nur Teile der Geschichte. Kálnays Sprache ist vielseitig, auf eine ruhige Art farbig. Sie kann die Heimeligkeit eines Mikrokosmos ausstrahlen, doch auch etwas hinter den Wänden lauern lassen. Ihre Sprache experimentiert mit den unterschiedlichen Sprechweisen der Bewohner: Kinder, Jugendliche, Alte, einfache Gemüter, und dieses Ausprobieren scheint ihr großen Spaß zu machen. Zusammen mit den verwunschenen Bildern und aus der Zeit gefallenen Personen entsteht eine andere Realität, ein Haus wie eine Welt, die aus Traum, Absurdität, Ängsten und Erinnerungen gesponnen ist, sich weiterspinnt – und dabei unserer Welt sehr ähnlich sieht. Doch in Nummer 29 entpuppt sich das scheinbar Bekannte als das größte Rätsel.

Kálnays Roman ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes: kunstvolle Montagetechnik wirkt hier mühelos, der Leser folgt dem Absurden gern und ohne Widerwillen, lässt sich ganz auf das Haus ein. Juliana Kálnay ist 1988 geboren, wohnt derzeit in Kiel und hat Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim studiert. Bewusst und transparent wird in einem kleinen Nachwort außerdem auf die Autoren verwiesen, die Kálnay als Anregung gedient haben, Julio Cortázar ist darunter und Jenny Erpenbeck. „Eine Chronik des allmählichen Verschwindens“ ist ein anregendes, ungewöhnliches Buch. Es setzt nicht auf die psychologische Ergründung seiner Figuren, sondern zeigt sie und Ausschnitte ihrer Lebenswelt. Das Rätselhafte ist dabei nichts, was aufgelöst werden müsste, vielmehr wird es angenommen. So, wie man eben auch in einem Haus lebt: als Teil eines Organs, das man nicht ganz erfassen kann. Ich bin gespannt, in welche Welt uns die Autorin als nächstes entführt.

Juliana Kálnay, Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens”, Verlag Klaus Wagenbach, 192 Seiten.

Mein herzlicher Dank gilt dem Klaus-Wagenbach-Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zukommen lassen hat.

 

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