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Florian Illies – Gerade war der Himmel noch blau. Texte zur Kunst.

Manchmal habe ich schlicht keine Ahnung. Ganzen Schulfächern hat sich mein Gedächtnis verweigert, bestimmte Themenfelder sind einfach durchgerutscht. Bei mir klingelt bei Lorentzkraft gar nichts mehr, auch bei der Notation einer chromatischen Tonleiter im Dur-Moll-System muss ich passen. Und völlig unbeleckt bin ich auch auf einem sehr hübschen und kultivierten Gebiet: der Kunstgeschichte.

Version 2

Umschlagdetail: Wolfgang Heinrich Schilbach, Wolke auf hellblauen Himmel.

Florian Illies’ „Gerade war der Himmel noch blau“, das Illies’ Texte zur Kunst aus den letzten 25 Jahren versammelt, war ein Geschenk. Illies, Jahrgang 1971, kennt man als Autor von „1913“ und „Generation Golf“, wer noch Zeitung liest, kennt ihn aus der ZEIT oder (wer älteren Jahrgangs ist) aus der FAZ. Dass er Kunstgeschichte studiert hat und Partner des Auktionshauses Villa Grisebach ist, sei ebenfalls angemerkt. Die Höflichkeit dem Schenker gegenüber gebot es, sich mit dem Geschenk zu befassen, zumal das Damoklesschwert des „Wie fanden Sie es denn?“ über mir hing. Außerdem will ich nicht als Kunstbanausin sterben.

Und Illies’ Buch macht es auch Banausen leicht, einen Einstieg in das Sujet zu finden. Denn der wolkenweiß in himmelblau eingeschlagene Band versammelt keine Sachbuchtexte, sondern federleichte Liebeserklärungen an Illies’ Helden aus Kunst und Literatur. Mit ein, zwei Ausnahmen ist Illies begeistert von seinem Gegenstand und das steckt an. So folgt man Illies bereitwillig in Gefilde, die man selbst gemieden hätte: In meinem Fall v.a. in die Kunst des 19. Jahrhunderts. Man erfährt, warum der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe in allen seinen Texten dem frankophoben Berlin um 1900 und den verirrten Deutschen insgesamt, einhämmern wollte, dass es in der Kunst nichts Größeres gebe, als Franzose zu sein. „[V]erdammt noch mal“. Warum deutsche Künstler im 19. Jahrhundert in ein kleines Bergstädtchen namens Olevano strömten, und dort malen wollten (Antwort: die Perspektive, das Licht, die Tochter des Pasta-Bäckers, die Illies nie trifft), warum die besten Maler von 1820 bis 1850 am liebsten Wolken abbildeten (Antwort: in Zeiten, in denen die scheinbaren Gewissheiten [Aufklärung!] brüchig geworden sind, ist das vermeintlich flüchtige manchmal das einzige, was noch gewiss ist) und welche Techniken sie dabei verwendeten (die schnelle Ölstudie, die heute hoch im Sammlerkurs steht). Und schließlich, warum diese Kunst des 19. Jahrhunderts in Deutschland erst langsam wiederentdeckt wird (Antwort: Begeisterung der Nazis für eben diese Kunst).

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Ausschnitt aus Gustave Courbets “Die Welle”, ich glaube 1869/70.

Illies’ Können besteht – und damit ist er zumindest in Deutschland immer noch eine Rarität – darin, Anspruchsvolles und Unterhaltung zu verbinden. Weil Illies auf das akademische Reinheitsgebot pfeift, kann er sich selbst in die Texte einbringen. Weil er nicht belehren, sondern begeistern möchte, spricht er mit dem Leser auf Augenhöhe. Das ist manchmal hart an der Grenze zum Klischee („das ist das Wesen jeden guten Debütromans“, kraftstrotzend und radikal zu sein, S. 73), aber dass die „Kunsthistorische Dissertation aus Bochum“ tatsächlich schnarch langweilig ist und es im Flughafenparkhaus auch im „Land, wo die Zitronen blühn“ stickig ist und stinkt, kann man sich nur zu gut vorstellen. Ich habe bei der Lektüre viel geschmunzelt und ab und an laut gelacht.

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Ausschnitt aus Adolph Menzels Wolkenstudie, 1851.

Dass der erste Beitrag den furiosen Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe behandelt, ist wahrscheinlich kein Zufall. Meier-Graefe, ist nicht nur Illies „Idol“, sondern für die Dauer des Buches, auch Illies’ Alter Ego. Dem er, „nicht durch Exegese, sondern durch Paraphrase“ näherkommen will. Und das gelingt. Genau wie Illies seinen Meier-Graefe, einen Mann des 19. Jahrhunderts, hardcore unhistorisch mit in einer Rakete durchs Kunst-Universum sausen lässt, fliegt Illies selbst durch sein eigenes Weltall. Und hat den Leser mit an Bord. Mit vollen Händen teilt er vom Karnevalswagen Bildungsbonbons aus und wir müssen nur unten stehen und die Arme ausbreiten, schon fliegt uns das süße, bunte Wissen entgegen. Illies eifert Meier-Graefe nach, die Blume der Kunst nicht nur zu betrachten, sondern auch an ihr zu riechen. Und sie als Sprache wieder auszuatmen. Kunst soll erlebt werden, nicht unter den knöchernen Fingerchen der Wissenschaft zu Staub verfallen. Seinen Unmut über den deutschen Universitätsbetrieb, der noch „einen Faust zu einem Fäustling“ machen könne, kaschiert der Autor kaum. Das ohnehin nicht zu erreichende akademische Reinheitsgebot kann Meier-Graefe wie Illies gestohlen bleiben und so liest sich der Band emotional, rasant und nie um eine gut belegte These verlegen. Illies scheut sich nicht, eine Meinung zu haben, sich festzulegen, er sichert sich nicht permanent ab. Natürlich könne man, so heißt es in einem Beitrag über Ludwig Börnes Verhältnis zu Goethe, alle psychologischen Deutungsmuster selbst wieder psychologisch dekonstruieren. „Aber so kommen wir ja nicht weiter.“ Und weiterkommen will Illies, er will dem Leser die Schönheit seines Universums zeigen. Kluges – alle Interpretationen sind zeitgebunden, zum Urteilen gehört Mut ebenso wie Demut – wird nebenbei eingestreut. Das macht die Lektüre erfrischend und bleibt im Gedächtnis.

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Johan Christian Dahl, Gewitterwolken über dem Schloßturm von Dresden, 1823/1827.

Wie vom Autor selbst festgestellt, kann sich dieser Feierton abnutzen. Das macht das Lesen vieler Beiträge kurz hintereinander für den einen vielleicht etwas ermüdend, der andere ist dann erst recht in Hochstimmung. Genießer lesen die Texte also besser einzeln, das erste Glas Schampus schmeckt halt am besten. Wer Literatur-Trinker ist, der genehmigt sich vier am Stück und ist danach ein wenig beschwipst, aber immer noch glückstrunken. Die Texte schwächeln lediglich dann ein bisschen, wenn es um Lebende geht (etwa Martin Walser und die verflossenen Lieben von Gottfried Benn), denn dann kann Illies, der seinen Protagonisten immer höflich und freundlich gegenübertritt, nicht so frei aufspielen. Und natürlich wiederholen sich einige Begebenheiten und Namen auch, aber das spricht dafür, dass der Autor das, was er anpreist, so gut kennt wie seine Westentasche. Kein Bonbon, das von seinem Karnevalswagen regnet, ist nur bunte Verpackung. Unterhaltung ja, aber nie ohne Inhalt.

So beendet man die Lektüre beglückt und bereichert, fühlt sich aber nicht belehrt. Was einen nicht interessierte, konnte man getrost überblättern. Nie wieder werde ich durch ein Museum gehen können, ohne die deutschen Maler auch als „Meister des ruhenden Balles“ zu sehen. Man bekommt Lust, sich dem wiederzuentdeckenden 19. Jahrhundert zuzuwenden, den kleinen Ölskizzen der Wolken oder einem fünfzig Jahre alten Walser-Roman. Kurzum: Man bekommt Lust auf das Illies-Universum.

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