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Sarah Kuttner: Mängelexemplar, revisited

„Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner fand den Weg zu mir auf eine absurde Weise. Ich habe bei zvab nach einem ganz anderen Buch gesucht, von dem ich eine möglichst günstige Ausgabe haben wollte und deswegen „Mängelexemplar“ in die Suchzeile zum Titel geschrieben habe. Dann zwei Mal auf irgendwas geklickt, es in die Wunschliste gepackt, vergessen, irgendwann wieder aufgerufen und gekauft. Zwei Tage später hatte ich ein Buch, dass ich nicht gewollt, aber bestellt hatte.

Ich kannte Sarah Kuttner. Nicht von Viva, nicht von MTV, sondern von „Zwei bei Kuttner“. Die fixeste war ich bei solchen Sachen nie, ich lese ja auch einen Bestseller von 2009 im Jahr 2017. Na, jedenfalls war „Zwei bei Kuttner“ eine ordentliche Sendung, gern gesehen das. Ich wusste auch ungefähr, worum es in „Mängelexemplar“ ging: anstrengende Frau Ende zwanzig fällt nach Trennung und Jobverlust in ein tiefes Loch, das sich als Depression entpuppt. Gehandelt als Generationenroman. Hätte mir für meine Generation auch was Schöneres vorgestellt, mag solche Kollektivbeschreibungen überhaupt nicht und halte diese dennoch nicht für unrealistisch. Konnte man für 2,37 € getrost behalten, fand ich.

Jetzt, über das lange 1.-Mai-Wochenende, hatte ich Zeit und las „Mängelexemplar“ so im Vorbeigehen, zwischen S-Bahnhof, Fahrradtour und Kirschkuchenpause, irgendwo im Kreis Dahme-Spreewald, Brandenburg. Nach zwei Tagen war ich fertig.

Zum Inhalt: Karo Herrmann ist 26 und lebt schnell und flexibel irgendwo in einer deutschen Großstadt. Wahrscheinlich Berlin. Sie arbeitet in der Kreativbranche, weiß, dass das ein windiges Business sein kann und als modisch verschrien ist. Ist seit zwei Jahren mit Phillip zusammen, weiß, dass die beiden sich nicht lieben. Dann wird Karo der Job gekündigt, sie trennt sich von Philipp – und plötzlich ist da diese unheimlich schwere Pferdedecke, die sich auf Karo legt und ihr die Luft raubt. Depression. Wir begleiten Karo die nächsten 200 Seiten: mit zur Therapie bei Anette, mit zum besten, vergebenen Freund Nelson, mit zu Karos Mutter, die Karo liebt, aber selbst ein Leben voller Probleme hatte.

Karo ist Großstadtmädchenvertreterin: witzig, kreativ, immer einen kessen Herrmann-Spruch auf den Lippen, emotional bis überdreht. Immer auf zack und immer aufgekratzt. Bei aller vermeintlichen „Kantigkeit“ also im Grunde völlig an die Leistungsgesellschaft angepasst – und extrem unglücklich. Karo leidet an der Oberflächlichkeit ihres Lebens. Ohne dass sie zunächst davon weiß. Denn für Karo kommen die Panikattacken zunächst aus dem Nichts.

Karos Ton – den man schon mal mit Sarah Kuttners Sprech verwechseln kann – ist pubertär bis infantil. Und er wäre unerträglich, wenn Karo nicht ein Stilmittel zur Hilfe hätte, das gleichzeitig ihr Fluch ist – die Selbstironie. Karo weiß, wie nervig ihr kommunikatives Dauerfeuer ist, sie weiß, wie banal ihre Probleme neben dem sprichwörtlich gewordenen Hunger in der Welt (oder auch schlicht einem Durchschnittsleben in Deutschland) aussehen – und sie kann sich dennoch nicht die schwere Pferdedecke vom Kopf ziehen. Manchmal weiß man beim Lesen nicht recht, wie ernst es Karo mit der Krankheit ist: auch nur eine modische Marotte, um die sie weiß, oder wirklich lebensbedrohlich? Selbstmordgedanken habe sie keine, nur Gedanken über Selbstmordgedanken. Näher kommt Karo sich nicht, und näher kommen wir ihre also auch nicht.

Ich bedauere es, keine andere Generationenvertreterin verpasst bekommen zu haben. Keine Jean d’Arc mit Visionen und Mut, keine Pippi Langstrumpf, die Autoritäten eine lange Nase dreht, keine Janis Joplin, die einheitlichen Schönheitsidealen fröhlich ins Gesicht lacht. Schade. Andererseits auch nicht schlimm. Wir haben jeden Tag, um zu zeigen, dass mehr in uns steckt, als uns verunsichern zu lassen und uns durchzuwursteln. Karos echtes Leben beginnt ja erst auf Seite 230. Wer weiß, wozu sie noch fähig sein wird.

Wie seht ihr das mit Generationen-Romanen? Alles Quatsch? Winziges Eliten-Problem? Oder fühltet ihr Euch gut abgebildet? Schreibt mir, ich bin gespannt!

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