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Reading in January

Der Januar war ein satter Lesemonat für mich: der Berliner Winter ist lang und grau, auf 10.000 Schritte am Tag komme ich nur, weil ich mir Mühe gebe, nicht, weil es mich wirklich hinauszieht. Manchmal ist der Himmel klar, doch nach einem Vitamin-D-Spaziergang an der die kalten Luft kommt man umso glücklicher zurück ins behaglich warme Zimmer – um die klammen Schuhe auszuziehen und zu lesen. Außerdem war ich diesen Monat noch ganz erfüllt von meinen Neujahrsvorsätzen, die u.a. lauteten: nicht bloß mehr, sondern vor allem intensiver zu lesen. Was mir im Januar in die Hände gefallen ist, seht ihr nach dem Sprung:

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1. Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche, KiWi, Köln 2010, 318 Seiten.

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Seit ich 2008 “Scherbenpark” gelesen hatte, fand ich Alina Bronsky eine Wucht: Eine Frau, die knallhart, saukomisch und intelligent schrieb, die musste ich mir merken.

Mit dem Merken klappte es gut, denn acht Jahre später erinnerte ich mich an Frau Bronsky (die anders heißt), als ich in der Buchhandlung über ihre Novelle “Baba Dunjas letzte Liebe” stolperte und sie in einem Nachmittag durchlas. Danach versprach ich mir, Frau Bronsky die Treue zu halten und besorgte ihr zweites Buch, das 2010 erschienen war: „Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche.” Es enthält die bekannte Bronsky-Mischung: Härte + Liebe + Familie + Russland.

Story: Großmutter Rosalinda, Tartarin und tyrannische Ich-Erzählerin des Romans, kann es nicht fassen: Ihre Tochter Sulfia kommt im Jahr 1978 schwanger nach Hause. Dabei hätte Rosalinda schwören können, kein vernünftiger Mann würde sich Sulfia nähern, schließlich ist sie klein, ungeschminkt und trägt flache Schuhe. Rosalinda, Chef der Familie, leiert einen Abtreibungsversuch an, der zur Hälfte misslingt. Nur ein Fötus wird mit der Stricknadel erwischt, Sulfia aber ist mit Zwillingen schwanger. Und so kommt, wenig später, ein Mädchen zur Welt: Aminat, zu der Rosalinda in tragisch-komischer Liebe entbrennt.

Wir begleiten dann diesen drei-Generationen-Haushalt auf dem Weg in das, was Rosalinda als „das bessere Leben“ vorschwebt. Egal ob im trostlosen Sowjetplattenbau, bei der gewieften Suche nach einer guten Partie für Krankenschwester Sulfia unter ihren (teils noch komatösen) Patienten, bis hin zur erpressten Einladung ins gelobte Land BRD: Rosalinda setzte alles daran, damit Aminat eine schöne, attraktiv gekleidete und natürlich bestens verheiratete Ärtzin wird. Das ist schließlich Rosalindas Lebenstraum. Und den will sie durchsetzen. Für Aminat.

Wir ahnen es: Wenn Bronsky eine tartarische Großmutter das Leben aller Familienmitglieder in ihrem Umfeld dominieren lässt, kann das nicht gut gehen. Nach wenigen Seiten weiß ich nicht mehr, ob man bei Rosalindas Aktionen lachen oder heulen soll. Bis es immer noch ein bisschen schlimmer kommt. Aber Bronsky wäre nicht Bronsky, wenn sie diesen Wahnsinn nicht ausreizen würde.

Besonders liebe ich an dem Buch, wie brachial und klug mit Klischees über Russen, Tartaren, Deutsche, Juden, Frauen und Männer gespielt wird und dass eine Figur mit so selten beschriebenen Eigenschaften wie List, Tücke, Borniertheit und grandioser Selbstüberschätzung im Zentrum der Erzählung steht. Die Autorin lässt Rosalinda sich als ätzend selbstverliebt entlarven, verrät aber ihre Figur nicht, sondern bleibt im Bild der gewitzten Tartarin mit Überlebensinstinkt (und koste es eine Seele) die weiß, dass die Welt betrogen werden will. Wie schließlich alles den Bach runtergeht ist grotesk, widerlich und sagenhaft komisch.

Leseort: Wirklich überall, von S-Bahn bis Nummer-am-Bildschirm-Überprüfen beim Bürgeramt, denn der Wiedereinstieg gelingt mit dem ersten Satz.
: Die Geschichte einer tyrannisch-größenwahnsinnigen Großmutter, mit ätzendem genauem Blick auf die „kleinste Terrorzelle Familie“.
ungeeignet für: Menschen, die Großmütter lieber backend sehen und Klischées ganz schlimm finden.
Leseempfehlung 1-10: 7,5

2. Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914, dtv 2011.

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Das ist ein Buch für „Geschichtsinteressierte”, die eher halbe als ganze Nerds sind und darum nicht nur etwas lernen, sondern auch einen flüssig geschriebenen Text lesen wollen. Blom entfaltet ein Epochen-Panorama der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, in dem man von allem ein bisschen erfährt: von Politik und Malerei, Militär und Sex, von Naturwissen-schaftlern und Literaten, Drogen und Spießern, von Völkermord im Kongo und Kaufhausarchitektur. Blom will die Atemlosigkeit einer zerrissenen Epoche zeigen, und das gelingt ihm gut: Als Leser kann man sich dem Strudel aus Namen, Orten, Ideen und Thesen nicht entziehen, wird mitgerissen und taucht nach über 450 Seiten leicht benommen wieder auf. Das Ganze ist süffig und anregend-assoziativ erzählt. Reizvoll ist Bloms Versuch, Parallelen zwischen der von ihm beschriebenen Zeitspanne und dem Heute zu ziehen. Stichworte sind Informationszeitalter, Beschleunigung, offene Zukunft und (männliche) Verunsicherung. Damit muss man nicht übereinstimmen, es liest sich aber gut.

Leseort: S-Bahn bis Sessel, denn zwar leichter Wiedereinstieg, da Themen schnell wechseln, aber fakten-, zahlen- und namenslastig.
: Rasant geschriebenes Panoptikum einer Episode, über die man tendenziell zu wenig weiß, die aber (wenn man Blom folgt) einiges erhellen kann. Interessante Thesen zu Parallelen mit unserer Gegenwart.
ungeeignet für: Hard-Core-Historiker mit Abneigung gegen steile Thesen und (un)-historische Vergleiche.
Leseempfehlung 1-10: 7,5

3. Meg Jay: The Defining Decade. Why your Twenties Matter And How To Make The Most Of Them Now, 201 pages.

Two years ago, I was browsing YouTube and came across Meg Jay’s TED-talk “Why 30 Is Not The New 20”, which has been clicked over 7.5 Million times since it first appeared in 2013. Meg Jay is a clinical psychologist specializing on young adults between 20 and 29.

Hopefully, I’m not hurting anybody’s feelings, but I may say that compared to other TED-talks by US citizens, I found Jay’s talk surprisingly object-, not audience oriented. She seemed level-headed, just like a matter-of fact-scientist, even though she was very clear about her message: “Your twenties matter. Claim your adulthood.You’re deciding your life right now.”

For several reasons, I was sceptical right away: self-help is a genre, I do not really favour. In fact, I often feel embarrassed by how shallow, badly written and cliché-ridden those books are. Moreover, I disliked the title. “The most of it”, was did that even mean? If it was meant economically, I was sure to bail out of it right away. On the other hand, I knew more than one twentysomething who was worried, axious, or even afraid of the future. The media depicts a generation which is almost unable to decide: for a job, a city, a partner. I wanted to know more about those years, so I decided on reading it.

Having read through the 200 pages in only a week, I know more about twentysomethings, and I’ve discarded most of my prejudices about the book. Yes, it is not a scientific report, but Jay didn’t claim she’d written one. Yes, it has a sensational title and from time to time an alarmist tone, and yes, it also talks about careers and financial independence. But Jay’s concerns sound honest to me and she advocates her position passionately: The decade between twenty and thirty, she says, has been trivialized and considered a period which does not count. It’s true that statistically “work happens later, marriage happens later, kids happen later, even death happens later.” But that does not mean, the twenties are “a developmental downtime”, but rather “a developmental sweetspot”.

Jay’s book is divided into three sections, work, love and brain&body. Jay uses a series of prototypical cases from her own work as a clinical psychologist. The book is stuffed with interesting facts and numbers that are all connected to Jay’s message: “Do not let it slide.” Her book is a call to action, to claim one’s adulthood and one’s future. Whether you agree with Jay or not: This book is certainly able to spark questions (e.g.: Is it fair to use your “weak ties” to get interviewed for a job that would statistically not be advertised?) and for that reason alone, it is worth reading.

Reading Location: public transport – armchair
: Encouraging call to claim one’s adulthood and not let the years pass by.
Unsuitable for: financially independent, self-confident twentysomethings with mortgage and marriage who are fully sure of their identity.
Recommendation 1-10: depending on your level of twentysomething insecurity 5,5 to 9.

4. Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders, KiWi, Köln 2003, 159 Seiten.

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Uwe Timm, den man als Autor von „Die Entdeckung der Currywurst” und „68er-Autor“ kennen könnte, begibt sich in diesem Buch auf die Suche nach seinem älteren Bruder, der sich 1943 freiwillig zur Waffen-SS meldete und im gleichen Jahr in einem Lazarett in der Ukraine starb. Timm fragt sich, was der Bruder für einen Charakter hatte, was ihn veranlasst hat, sich zur SS zu melden und beleuchtet dabei auch seine und die Reaktionen seiner Eltern nach dem Krieg. Es ist ein kurzes Büchlein, das Fragen aufwirft. Zu einem sehr ähnlichen Thema hat ein anderes Buch mich gedanklich allerdings sehr viel mehr beschäftigt. Zudem fand ich es noch differenzierter, radikaler und genauer beschrieben: „Im Frühling sterben” von Ralf Rothmann, auf den ich bei seinem nächsten Buch bestimmt zurückkommen werde.

Leseort: in Ruhe zu Hause
: persönlicher Bericht
ungeeignet für: stark Harmoniebedürftige
Leseempfehlung 1-10: 4

5. Virginie Garnier & Caspar Miskin: 80 erstaunliche vegetarische Rezepte, 2016.

koch

Last, but not least, gibt’s noch – ja, ich weiß – ein Kochbuch. Ich habe mir (wie wahrscheinlich kaum jemand) neben meinem Lese-Vorsatz noch andere Vorsätze gefasst, einer von ihnen lautet: besser kochen zu lernen. Ich habe 2016 einiges dazugelernt, brauchte aber mehr Ideen, die in eine bestimmte Richtung gingen. Ich wollte mit buntem Gemüse beladene Teller zaubern, die ich auch im Deli „Hope” in Schöneberg serviert bekommen könnte. Bei „Hope” gibt es fesches, vegetarisches “Superfood”, das froh und satt macht. Seitdem ich dort letzten Herbst zum ersten Mal eine Schüssel voll mit Quinoa, saisonalem Gemüse, Tahini und Ei gegessen hatte, war ich auf der Suche nach einem Kochbuch, das ähnlich gesunde Rezepte in ähnlich ansprechender Aufmachung enthielt. Ich musste etwas suchen, doch dann lief mir, zack, 2 Wochen vor Weihnachten „80 erstaunliche vegetarische Rezepte” über den Weg.

Kurz die Fakten zum Kochbuch, falls der Titel im Gelaber untergegangen ist: Es enthält 80 Rezepte und alle 80 sind vegetarisch oder vegan. Sie sind unterteilt in die Kategorien „Power Food” (Vollkornsattmacher), „Leichte Gerichte” (Gemüse, Marsch, Marsch!), „Soul Food” (die „Gebratene Birnen und Ziegenkäse“ versteht sich von selbst, oder?), „Extraportion Protein” (Obacht, Vegetarier!) und „Saucen und Snacks”. So findet man schnell das Rezept zum aktuellen Appetit. Alle Rezepte sind außerdem mit Hinweisen versehen, in welchen Monaten die frischen Zutaten Saison haben, damit man an einen Anhaltspunkt hat, was sich anbietet, jetzt gekocht zu werden.

Die Beschreibungen sind einfach, selten brauchen die Autoren mehr als 5 Zeilen um ein Rezept zu erläutern. Die Anweisungen sind meist simpel: andünsten, köcheln lassen, braten, das kann jeder durchschnittlich Kochbegabte. Etwas schwieriger ist Dämpfen (was man auch oft soll), dazu braucht man einen Dämpfeinsatz. Die Zutaten sind immer auch frisch und teils schon etwas ausgefallen: schwarzer Rettich, frische rote Beete, Granatapfelkerne – im Aldi bekommt man nicht alles, ein größerer Edeka sollte es schon sein. Der Modefaktor ist hoch, aber wo „Superfood“ draufsteht, ist halt auch nicht Bolognese drin.

Überzeugend ist aber vor allem die wunderschöne Aufmachung: Jedes Gericht bekommt eine Doppelseite, links Zutaten und Zubereitung, rechts fertig angerichteter Teller. Das alles versehen mit wunderbar cleanen Fotos, zarter schwarzer Schrift, und Mengenangaben für 2 Personen. Allerdings sollten diese nicht so hungrig wie Science und ich sein, sonst macht lieber etwas mehr. Macht sofort Lust, zum Kaufmann zu flitzen und loszukochen. Lässt das Hope-Gefühl aufkommen, Neujahrvorsätze, mindesten bis in den Mai durchzuhalten.

Leseort: Die Küche.
: Ansprechend gestaltetes Mode-Kochbuch mit nicht zu abgefahrenen Zutaten.
ungeeignet für: Lieferhelden-Helden und TKP-Liebhaber.
Empfehlung 1-10: 6

 

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