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Sarah Kuttner: Mängelexemplar, revisited

„Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner fand den Weg zu mir auf eine absurde Weise. Ich habe bei zvab nach einem ganz anderen Buch gesucht, von dem ich eine möglichst günstige Ausgabe haben wollte und deswegen „Mängelexemplar“ in die Suchzeile zum Titel geschrieben habe. Dann zwei Mal auf irgendwas geklickt, es in die Wunschliste gepackt, vergessen, irgendwann wieder aufgerufen und gekauft. Zwei Tage später hatte ich ein Buch, dass ich nicht gewollt, aber bestellt hatte.

Ich kannte Sarah Kuttner. Nicht von Viva, nicht von MTV, sondern von „Zwei bei Kuttner“. Die fixeste war ich bei solchen Sachen nie, ich lese ja auch einen Bestseller von 2009 im Jahr 2017. Na, jedenfalls war „Zwei bei Kuttner“ eine ordentliche Sendung, gern gesehen das. Ich wusste auch ungefähr, worum es in „Mängelexemplar“ ging: anstrengende Frau Ende zwanzig fällt nach Trennung und Jobverlust in ein tiefes Loch, das sich als Depression entpuppt. Gehandelt als Generationenroman. Hätte mir für meine Generation auch was Schöneres vorgestellt, mag solche Kollektivbeschreibungen überhaupt nicht und halte diese dennoch nicht für unrealistisch. Konnte man für 2,37 € getrost behalten, fand ich.

Jetzt, über das lange 1.-Mai-Wochenende, hatte ich Zeit und las „Mängelexemplar“ so im Vorbeigehen, zwischen S-Bahnhof, Fahrradtour und Kirschkuchenpause, irgendwo im Kreis Dahme-Spreewald, Brandenburg. Nach zwei Tagen war ich fertig.

Zum Inhalt: Karo Herrmann ist 26 und lebt schnell und flexibel irgendwo in einer deutschen Großstadt. Wahrscheinlich Berlin. Sie arbeitet in der Kreativbranche, weiß, dass das ein windiges Business sein kann und als modisch verschrien ist. Ist seit zwei Jahren mit Phillip zusammen, weiß, dass die beiden sich nicht lieben. Dann wird Karo der Job gekündigt, sie trennt sich von Philipp – und plötzlich ist da diese unheimlich schwere Pferdedecke, die sich auf Karo legt und ihr die Luft raubt. Depression. Wir begleiten Karo die nächsten 200 Seiten: mit zur Therapie bei Anette, mit zum besten, vergebenen Freund Nelson, mit zu Karos Mutter, die Karo liebt, aber selbst ein Leben voller Probleme hatte.

Karo ist Großstadtmädchenvertreterin: witzig, kreativ, immer einen kessen Herrmann-Spruch auf den Lippen, emotional bis überdreht. Immer auf zack und immer aufgekratzt. Bei aller vermeintlichen „Kantigkeit“ also im Grunde völlig an die Leistungsgesellschaft angepasst – und extrem unglücklich. Karo leidet an der Oberflächlichkeit ihres Lebens. Ohne dass sie zunächst davon weiß. Denn für Karo kommen die Panikattacken zunächst aus dem Nichts.

Karos Ton – den man schon mal mit Sarah Kuttners Sprech verwechseln kann – ist pubertär bis infantil. Und er wäre unerträglich, wenn Karo nicht ein Stilmittel zur Hilfe hätte, das gleichzeitig ihr Fluch ist – die Selbstironie. Karo weiß, wie nervig ihr kommunikatives Dauerfeuer ist, sie weiß, wie banal ihre Probleme neben dem sprichwörtlich gewordenen Hunger in der Welt (oder auch schlicht einem Durchschnittsleben in Deutschland) aussehen – und sie kann sich dennoch nicht die schwere Pferdedecke vom Kopf ziehen. Manchmal weiß man beim Lesen nicht recht, wie ernst es Karo mit der Krankheit ist: auch nur eine modische Marotte, um die sie weiß, oder wirklich lebensbedrohlich? Selbstmordgedanken habe sie keine, nur Gedanken über Selbstmordgedanken. Näher kommt Karo sich nicht, und näher kommen wir ihre also auch nicht.

Ich bedauere es, keine andere Generationenvertreterin verpasst bekommen zu haben. Keine Jean d’Arc mit Visionen und Mut, keine Pippi Langstrumpf, die Autoritäten eine lange Nase dreht, keine Janis Joplin, die einheitlichen Schönheitsidealen fröhlich ins Gesicht lacht. Schade. Andererseits auch nicht schlimm. Wir haben jeden Tag, um zu zeigen, dass mehr in uns steckt, als uns verunsichern zu lassen und uns durchzuwursteln. Karos echtes Leben beginnt ja erst auf Seite 230. Wer weiß, wozu sie noch fähig sein wird.

Wie seht ihr das mit Generationen-Romanen? Alles Quatsch? Winziges Eliten-Problem? Oder fühltet ihr Euch gut abgebildet? Schreibt mir, ich bin gespannt!

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Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Wie viele Menschen in Deinem Mehrparteienhaus kennst Du? Zwei, drei? Und was heißt das: kennen? Vielleicht habt ihr mal ein Hausfest gefeiert, Lampions aufgehängt, im Hof gegrillt. Vielleicht spielen Eure Kinder zusammen und ihr habt Euch schon einmal einen Liter Milch bei dem Mann aus dem Erdgeschoss geliehen. Wer mietet, kennt die Menschen hinter seiner eigenen Wohnzimmerwand meist kaum.

In Haus Nummer 29, das Juliana Kálnay zum Schauplatz ihres Debüt-Romans gemacht hat, ist es ähnlich. Die Bewohner kennen sich – und kennen sich doch nicht. Genauso wird die Geschichte auch erzählt, nämlich so, als würden wir plötzlich als Geist durch Nummer 29 schweben. Es gibt keine Einleitung, keine Aufstellung wie bei Tolstoi, in der alle Hausbewohner vorgestellt werden. Genauso wie neue Mieter irgendwo einziehen und sich zurechtfinden müssen, beginnen wir Kálnays Roman zu lesen. Wir sind sofort mittendrin, haben aber keinen Überblick. Wie durch die Türchen eines Adventskalenders schauen wir in die unterschiedlichsten Wohnzimmer hinein und sehen wundersame Menschen. Es gibt die alte Rita, die schon mit ihren Eltern in Nummer 29 gewohnt hat und die Autorität des Hauses ist. Es gibt Lina, deren Mann Don sich in einen Baum verwandelt hat und auf ihrem Balkon wohnt. Es gibt das Liebespaar Bell und Toni. Es gibt die kokelnden Kinder, die in einer Grillpfanne Nacktschnecken verbrennen, den Mann, der im Aufzug geduldet wird und viele andere.

Niemand in diesem Haus jenseits von Zeit und Raum scheint arbeiten zu müssen, alle leben seltsam losgelöst von unserer Gegenwart. Im ganzen Buch taucht kein Handy auf und kein Internet, doch was noch viel weniger der Gegenwart des Zusammenwohnens in einem Haus zu entsprechen scheint: Es kümmert die Menschen, wer mit ihnen unter einem Dach lebt. Sie beobachten einander, kennen die Gewohnheiten der anderen. Dennoch strahlt der Roman nichts von Bullerbü-Romantik aus. Klar, es gibt „wollweiche Socken“, selbstgebackene Kekse und Frauen, die Marmelade einkochen. Aber Menschen verschwinden auch, sie verwandeln sich oder werden verlassen. Liebende werden eingemauert, Eltern lassen ihre Kinder allein zurück, Schwestern ihre Brüder. Es ist keine heile Welt, sondern auch eine der Gerüchte, der hastig getuschelten Treppenhausunterhaltungen, des Halbwissens und des Wegsehens (angedeutet sind Entführungen und Gefangenhalten, Missbrauch und Selbstmord). Auch um Erinnern und Kindheit als Motive geht es, denn das Haus wird es am Ende des Buches nur noch in der Erinnerung seiner verstreuten Besucher geben.

In kleinen Portionen tischt Juliana Kálnay uns Eindrücke vom Leben der Hausbewohner auf. Multiperspektivisch, nur nach Stockwerken und rechts links eingeteilt. Stets erfahren wir nur so viel über die Bewohner, wie es braucht, um sich ein Bild von den Menschen hinter dem Kalendertürchen zu machen. Ich-Erzähler und personale Erzähler wechseln sich ab. So entstehen viele übereinanderliegende Bilder von Haus Nr. 29: Jeder hat einen anderen Blick auf die Hausgemeinschaft, sieht und erlebt nur einen Teil des Hauses, kennt andere Menschen und immer nur Teile der Geschichte. Kálnays Sprache ist vielseitig, auf eine ruhige Art farbig. Sie kann die Heimeligkeit eines Mikrokosmos ausstrahlen, doch auch etwas hinter den Wänden lauern lassen. Ihre Sprache experimentiert mit den unterschiedlichen Sprechweisen der Bewohner: Kinder, Jugendliche, Alte, einfache Gemüter, und dieses Ausprobieren scheint ihr großen Spaß zu machen. Zusammen mit den verwunschenen Bildern und aus der Zeit gefallenen Personen entsteht eine andere Realität, ein Haus wie eine Welt, die aus Traum, Absurdität, Ängsten und Erinnerungen gesponnen ist, sich weiterspinnt – und dabei unserer Welt sehr ähnlich sieht. Doch in Nummer 29 entpuppt sich das scheinbar Bekannte als das größte Rätsel.

Kálnays Roman ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes: kunstvolle Montagetechnik wirkt hier mühelos, der Leser folgt dem Absurden gern und ohne Widerwillen, lässt sich ganz auf das Haus ein. Juliana Kálnay ist 1988 geboren, wohnt derzeit in Kiel und hat Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim studiert. Bewusst und transparent wird in einem kleinen Nachwort außerdem auf die Autoren verwiesen, die Kálnay als Anregung gedient haben, Julio Cortázar ist darunter und Jenny Erpenbeck. „Eine Chronik des allmählichen Verschwindens“ ist ein anregendes, ungewöhnliches Buch. Es setzt nicht auf die psychologische Ergründung seiner Figuren, sondern zeigt sie und Ausschnitte ihrer Lebenswelt. Das Rätselhafte ist dabei nichts, was aufgelöst werden müsste, vielmehr wird es angenommen. So, wie man eben auch in einem Haus lebt: als Teil eines Organs, das man nicht ganz erfassen kann. Ich bin gespannt, in welche Welt uns die Autorin als nächstes entführt.

Juliana Kálnay, Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens”, Verlag Klaus Wagenbach, 192 Seiten.

Mein herzlicher Dank gilt dem Klaus-Wagenbach-Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zukommen lassen hat.

 

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Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage

Wenn endlich alles in Ordnung ist, wenn Du Dein Studium abgeschlossen hast und jetzt einen Job hast, einen Mann geheiratet hast, eine vernünftige Wohnung und zwei süße kleine Kinder hast, denen Du hübsche Namen gegeben hast und sie Du mit Bio-Äpfeln fütterst, dann könnte es sein, dass Du statt eines Lebens ein Gefängnis eingerichtet hast. Dass Du hasst.

Stuttgart, Westen, Constantinstraße. „Braungelbe Sandsteinhäuser wölben ihre verzierten Fassaden nach vorn wie frische Brote und Kuchen.“ Ein Akademikerbezirk im Schwabenländle. Das ist die Welt von Judith, X und Luise. Drei Frauen, um die Anna Katharina Hahn ihren Roman von 2009 wie eine scharf beobachtende Drohne kreisen lässt.

Zum einen haben wir Judith, die eigentlich Jutta heißt, ihren Durchschnittsnamen aber gern etwas Exotik verleihen wollte. Judith lebt den Ökö-Traum: Zwei Söhne mit rosigen Wangen und stämmigen Beinchen, Uli und Kilian, einen Mann (Klaus, nett, Professor für Maschinenbau) im Unibetrieb beschäftigt. Zusätzlich geben Rudolph Steiners strenge Regeln auf pastellfarbenem Papier und der Jahreszeitentisch Rhythmus und Sicherheit. Arbeiten geht Judith nicht, der enttechnisierte Haushalt, die Abendsuppe und ihre Kinder sind Aufgabe genug und damit kann sie sich auch von den anderen bösen Gedanken ablenken, die immer mal wieder kommen: von den dunklen Uni-Jahren im Stuttgarter Osten, Panikattacken vor Kunstgeschichte-Referaten, den Drogen, der zermürbenden Affäre mit Sören aus Tübingen, der nicht abgeschlossenen Examensarbeit über Otto Dix. Wenn die Gedanken zu schlimm werden, raucht Judith heimlich oder nimmt eben eine Beruhigungstablette.

In der Wohnung gegenüber, auch auf die Constantinstraße, wohnt Leonie, 5 Jahre jünger, auch verheiratet, zwei süße Mädchen, Karrierefrau. Ihrem Mann Simon, aus dem Hohenlohischen („Schwabenbronx“), musste sie erst die Sozialcodes beibringen, jetzt arbeitet Simon verbissen bis spät abends, um die viel zu große 8-Zimmer-Wohnung im Stuttgarter Speck bezahlen zu können. Damit hat er Leonie, die auf hohen Schuhen und in die Bank stöckelt, quasi zur Alleinerziehenden gemacht. Abends plagt sie beim Blick in die Idylle von Judiths Wohnzimmer das schlechte Gewissen.

Suhrkamp-Verlag: “Muster­mütter und Karrie­­refra­­uen, Euryth­­mie und Hyster­­ie, Allein­­erzie­­hende­­ und Proble­­mkind­­er, Wohlst­­and und Verwahrlosu­­ng.”

Und dann gibt es da noch Luise Posselt. Gemeinsam mit ihrem Mann Wenzel (er Flüchtling, sie Schwäbin, Ehe geschlossen um 1945) lebt sie im Erdgeschoss unter Judith. Ihres körperlichen und geistigen Verfalls ist Luise sich bewusst. Sie weiß, dass Judith sich vor ihr ekelt, ihre Kinder am liebsten nicht bei ihr spielen lassen will. Dennoch ist Luise in dem Buch die einzige, die weiß, wie das geht: leben. Nicht: Leben inszenieren.

Bürgerliche Karrieresucht, Überbietungskampf, selbsterzeugter Druck, das sind die Themen des Romans. Es geht um Optimierungswahn, hier in seiner weiblichen Spielart, um mühsam gebastelte und mühsam unterhaltene Identitäten von Frauen in einer Zeit, in der sich alle Selbstverständlichkeiten aufgelöst haben. Es geht um das enge Weltbild, an dessen Ränder sich scheinheilig tolerante Akademiker schnell stoßen, wenn eine alte Frau Bonbons mit „Industriezucker“ (wo sollte er auch sonst herkommen) zusteckt und das Wegschauen und Weghören, das es braucht, um eine Idylle aufrechtzuerhalten. Dabei urteilt Hahn nicht über ihre Figuren, auch wenn sie eine Haltung zu ihnen hat und beißende Ironie. Die größte Stärke des Buches ist die in Sprache gegossene Beobachtungsgabe für „die feinen Unterschiede“.

Ich empfehle das Buch allen, die sich an einem kritisch-genauen Blick auf ein kleines Stück Erdoberfläche erfreuen können. Es passt zur ganzen twenty7thirtytwo-Suche nach Identität ganz wunderbar. Es beschreibt das Dilemma junger, gut ausgebildete Frauen, die nicht mehr wissen, wie das geht: einfach leben. Unglücklich mit der eigenen Lebenswirklichkeit, überfordert von den eigenen Ansprüchen, neidisch auf die, die es (scheinbar) besser hinkriegen und arrogant gegenüber denen, die nicht so viel hinterfragen (konnten), aber trotzdem glücklicher leben. Quintessenz des Hahn’schen Romans: Wer sein Leben inszeniert, lebt nicht.

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Reading in February

February is – for sure – my least favourite month of the year. Even though two close friends have their birthdays in February. Carnival season doesn’t mean anything to me. The long winter is tiring me and in February, it’s always the worst. Since October, the weather in Berlin has been constantly grey, chilly or cold, rainy or hazy; I’ve been wearing a jacket that looks like a duvet, making me look like the Michelin-Man. I’ve had five colds and I haven’t recovered from the last yet. So, February in Germany is a mess.

However, it was touching to see people, deficient in vitamin D, crawling out of theirs burrows as soon as the first rays of sun come out. You can really feel their and your own longing for light, spring and warmth. The sun blinds you, you quint your eyes, it tickles your face and for a moment, you blindly gaze into the sun with your eyes closed – until the S-Bahn comes or the next best cloud is pushed across the sun.

But a month of bad weather and bad health gives you enough time to read. In February, I finished Thomas Glavinic’s “Die Arbeit der Nacht” (Englisch title is “Night Work”) and after this demanding novel, I chose only entertaining and light reading. When I say “light”, I don’t mean shallow. I think it’s an art in itself to write a book that makes its reader turn pages, laugh out loud and is still melancholic and observant, moving you. Very few books can do that to me. 80% of what lies around at Hugendubel, just makes me choke. But with these three books, it was different. I’d recommend them especially as presents. Almost everyone who read those three books enjoyed them… Maybe it’s because the books are all in a way simple, but nevertheless observe childhood, family and everyday topics realistically, not through rose-tinted glasses.

But, enough of complaining about bad weather and cheap tricks: here’s what I read in February… [Sorry, the first review is, for whatever reason, in English, even though I read the book in German and Thomas Glavinic is Autrian. Just scroll down to the next two reviews, I switched back to German there. You find more on language in the “About”.]

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1. Thomas Glavinic: Night work

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On Thomas Glavinc’s “Night work”, I almost broke a tooth. Generally, I consider myself a quite a persistent reader. I normally don’t put aside books which seem taxing to me. In case of “Night work” yet, I was more than once on the verge of returning it to my mother who had lent it to me. It was hard to stick to it, but I assume, that was part of Glavinic’s plan.

However, the novel’s scenario is a gripping one. It resembles a constellation you may know from nightmares or daydreaming: Jonas, 35 years old, male, furniture salesman, with a girlfriend called Marie, wakes up one day, goes to the bus stop, waits for the bus a little too long – and finds the world empty. No cars, no radio, TV, no Internet, no one picks up the phone. Not even birds chirping or flies buzzing. Jonas comes to realize he’s the last living creature on earth.

This setting reminded me of my beloved “The Wall” (“Die Wand by the Austrian author Marlen Haushofer from 1963): What would it be like to be the last human on earth? Glavinic radicalizes this experiment as all animals are gone from Jonas’ world.

At first, Jonas looks for people, keeps driving around Vienna, searching for others and the solution to his strange situation. To improve his chances of tracing down someone, he installs cameras around the city. Then, he starts looking for answers within himself. He begins recording his sleeping self, who seems to be doing disturbing actions at night: Jonas wakes up and a knife is stuck in his bedroom wall. Or: Jonas decides to look for Marie, who is supposed to be in England with relatives. He drives 700 miles, and then takes a rest, only to find out that his sleeping self sabotaged his plans and drove back the entire distance. Of course, the reader desperately wants to find out what happened to the rest of the earth’s population and who will win: Jonas or the sleeper.

“Who am I if nobody is watching me?”

Glavinic doesn’t answer our questions. Maybe he can’t solve the experiment he set up himself. What is brilliant about Glavinic’s writing is ability to manipulate and unsettle the reader. Glavinic forces you to deal with the same insecurities Jonas has to face. So, the reader keeps wondering: “Did the narrator tell me that Jonas stopped and looked into the trunk’s car? Or am I only making this up?” I was constantly leafing backward and forward through the pages to find out whether I was right about what had just happened. The story confronts the reader with big and yes, philosophical questions: “Who am I if nobody is watching me?” or “What do things do, if nobody is there watching them? Do they change positions? Alter their looks?”

Call me simplistic, but I thought Glavinic should have delivered more hints to what happened to Jonas. Now, it just seems to me like an experiment which the author lost his interest in. But maybe I just missed something while I was trying to read too carefully. Just like it happens to Jonas all the time…

Und jetzt auf Deutsch, bitte

Die drei nächsten Bücher, nämlich Robert Seethalers „Ein ganzes Leben”, Matthias Brandts „Raumpatrouille” und Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch. Amerika” sind natürlich drei ganz unterschiedliche Bücher. Was sie aber eint: Sie sind zum Verschenken geeignet. Nicht dass ich meine weggeben wollte, aber ich habe Joachim Meyerhoff schon mehrmals und an ganz unterschiedliche Leute verschenkt. Die Themen, um die es in allen drei geht – grob gesagt: einfaches, entbehrungsreiches aber schönes Leben (Seethaler), ein realistischer, liebevoller, dennoch sehr genauer und nie geschönter Blick auf Familie und Erwachsenwerden (Brandt und Meyerhoff) sind vielleicht solche, an die jeder Erinnerungen hat.

2. Matthias Brandt: Raumpatrouille

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Brandts „Raumpatrouille“ besticht vor allem durch die trockene Sprache, mit der sich ein reflektierter Erwachsener an das staunende, gewöhnlich-außergewöhnliche Kind erinnert, dass er in den 1970er Jahren war. Dieses Kind wächst in einer Familie auf, die so durchschnittlich wie andersartig ist. Durchschnittlich, was die Kleidung, Ausstattung und Wünsche des Kindes betrifft, denn das sind in den späten 60ern und frühen 70ern in West-Deutschland eben Neil-Armstrong-Kostüm, Bonanza-Fahrrad und Wim Thoelke. Und sehr anders, weil die Mutter des Kindes Norwegerin und der Vater des Kindes Bundeskanzler ist. Diesen normalen Wahnsinn – Fahrradausflug mit Herrn Wehner, einen Jahrmarktsbesuch wie eine Verfolgungsjagd, erst Fluchtphantasien, dann Reue und Heimweh – beschreibt Brandt so warmherzig, wie ehrlich und ungeschönt. Ein Schatzkästlein der Kindheit, ganz ohne Sentimentalitäten, dessen Geschichten wie Unikate (die Eichelhäherfeder, das Katzengold, die Muschel) in Erinnerung bleiben werden.

3. Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

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Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ ist eine schöne Geschichte mit einem winzigen bisschen Kitsch, die man an einem Nachmittag, z.B. wenn man krank im Bett liegen muss, austrinken kann wie ein Glas heiße Milch mit Honig.

Andreas Egger, geboren am Anfang des 20. Jahrhunderts, kommt als Kind zu seinem Onkel in ein österreichisches Alpental, in dem er sein ganzes Leben verbringen soll und ebendort auch siebzig Jahre später sterben wird. Eggers Leben ist vorgezeichnet, seine Herkunft bestimmt, wer er werden wird. Nie wird er darüber nachdenken, was er sein könnte, werden könnte, aus sich machen könnte: Egger ist. Er lebt. Es wird ein arbeitsreiches, unfaires, entbehrungs- und verlustreiches Leben werden, das den meisten Leser sehr weit entfernt vorkommen mag. Egger ist ein stoischer Charakter, der hinnimmt, erträgt, keine Wut spürt und keine Rache kennt, weil er mit seinem täglichen Leben schon genug zu tun hat und auch, weil er sich selbst nicht so schrecklich wichtig nimmt.

Zu Eggers Charakter passt Seethalers klare, ruhige Sprache, in der Verluste, Kriege, Ungerechtigkeiten nie dramatisch dargestellt werden, sondern einfach passieren. So kommt es, dass von dem Buch eine Ruhe ausgeht. Verstärkt noch durch Kulisse des Romans: Der Mensch verändert die Natur zwar im Laufe der Zeit, schlägt Schneisen in den Wald, baut Seilbahnen und Straßen, doch die Natur erweist sich als stärker. So hat Seethaler einen Roman geschaffen, der auf eine sehr unaufgeregte Art und Weise einen Typus Mensch zeigt, der sein Schicksal auf sich nimmt und keine Ansprüche stellt und vielleicht gerade deswegen so viel Anklang findet.

Und Meyerhoff gibt’s im März-Rückblick, ich fand ihn nämlich so klasse, dass ich gleich noch “Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” hinterher gelesen habe. Das war’s für heute von mir … im Märzen der Bauer… bis bald.

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Why ‘Toni Erdmann’ Deserved an Academy Award

On December 15th 2016, I left the cinema with a content little smile on my face. This smile was due to Toni Erdmann. I was smiling because Toni Erdmann had just joined the ranks of my all-time team of ambivalent superheroes, which includes R.P. McMurphy as well as Lisbeth Salander and many others. And I was absolutely sure that I’d always remember Toni Erdmann with a feeling that rarely occurs: The feeling that great art had been great fun. The feeling of great work effortlessly showing you something you could not have explained yourself. Toni Erdmann (by Maren Ade) is such a piece of filmmaking – and should have taken home the Oscar for Best Foreign Language Film.

Winfried Conradi (Peter Simonischek) is a divorced German schoolteacher with a knack for 7th-grade-performances, wacky humour and bizarre costumes, irritating his environment and especially his family. When Ines Conradi (Sandra Hüller), his childless thirty-something daughter, who fiercely pushes her career as a management consultant in Bucharest, returns home for her birthday, two worlds collide. The situation deteriorates when Winfried, who consideres Ines to be deeply unhappy, follows her to Romania. And it gets even worse, when he then invents „Toni Erdmann“, a “life coach” with silly fake teeth and a wig, introducing himself to the consultancy crowd (they take him for real) to get close to his estranged child again.

There are many, many obvious reasons why “Toni” should win an Oscar. Screenplay, terrific acting etc. etc. But I’ll name some different reasons why I’d give it an Oscar and why you should go and see it. Toni knows a thing or two about timing, dialogues and zeitgeist. Trust me.

It is, äh, “English”-speaking

The world Ines and her fellow consultancy friends, superiors and assistants live in, is English-speaking. Germans absent-mindedly praise their Romanian assistants in English, Germans talk to Germans in English. Toni explains his coaching strategies in English. The entire film is a friendly satire on how the business world makes use of its lingua franca. To hear and watch that is highly entertaining. Probably even more, if you’re a native speaker, ähem. So, members of  the Academy, I bet you WILL enjoy this Germanglish, just give it a try.

The film is also a sensitive portrayal of a multi-layered father-daughter-relationship. The storyline may sound like a cliché to some of you (unhappy career woman is rescued by her warm-hearted dad), but it’s not. Winfried’s „Toni Erdmann“ is a rebel in just as many ways as he is helpless and lost. Winfred’s post-68s-ideals clash with Ines’ capitalist cynicism, his playfulness with her world’s conformity. But Ines develops her own humour and superpowers. The film lets her turn the tables more than once and sympathizes with both characters equally.

It is truely European!

No, Toni will not teach you how the European Union works. He will not explicitly tell you about WWII and you won’t see lederhosen and sausages. But you will get to know a German schoolteacher who was socialized during the baby-boomer-era and his digital native daughter. You’ll see Romania and its people, you’ll see a Bulgarian lucky charm, you’ll see how extremely diverse Europe is, how living standards vary and what consultants do. You’ll see a bit of German Freikörperkultur (nudism) and Hausmusik (music played within a family circle, which is typically Whitney Houston’s “Greatest Love of All”) and this will teach you more than a trip to Rothenburg ob der Tauber.
Most importantly: After having watched Toni Erdmann, you’ll hold Europe and the Union in higher esteem and you’ll, very quietly, celebrate its diversity.

 

I have no doubt that Toni Erdmann will make you laugh and it’ll also make you think. You’ll laugh until you cry, but you’ll also feel ashamed, embarrassed, sad and lonely. You’ll enjoy and regret at the same time. Paradoxically, you’ll find unexplained and inexplicable beauty in what lies in a movie and cannot be captured in pictures.
Well, that was it. I kept my fingers crossed for you, Toni. You’re on my team anyway!
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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part III

Na? Seid ihr zurück oder neu dabei? In jedem Fall herzlich willkommen zum etwas anderen literarischen Valentinsspezial. Ganz gleich, ob und wie ihr heute morgen beschenkt oder nicht beschenkt wurdet, schnurz, ob Euch Valentinstag herzlich (ha!) egal ist: Heute gibt es den dritten Teil meiner liebsten Bücher über Liebe. Allen, denen der Valentinstag zu rosafarben ist, verspreche ich: heute wird es deep. So deep wie die Liebe eben. Und genauso kompliziert, verwirrend, schmerzhaft oder schwebend leicht wie sie.

Ingeborg Bachmann/Paul Celan: Herzzeit. Briefwechsel, Suhrkamp, 399 Seite. 

In diesem Briefwechsel begegnen sich zwei, die einmal absolute Schwergewichte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur werden sollen. Alles beginnt 1948: Auf der einen Seite haben wir Ingeborg Bachmann, diese ganz junge Dichterin (gerade 21 Jahre alt) aus Wien und den schon etwas älteren Paul Celan. Beide schreiben, doch die familiären Wurzeln könnten verschiedener nicht sein: Ingeborg Bachmann ist die Tochter eines österreichischen Nazis, Paul Celan ein staatenloser Jude, dessen Eltern in einem Konzentrationslager ermordet wurden und der ein rumänisches Arbeitslager überstanden hat.

Wir steigen ein in die Literaturszene der Nachkriegszeit und die Frage, ob und wie man nach Auschwitz noch ein Gedicht schreiben kann. Wir blicken in die Seelen zweier völlig unterschiedlicher Künstler. Es geht um Fragen zu Vergangenheit und Schuld, die gerade Bachmann stark bewegen und beanspruchen. Und darüber hinaus geht es vor allem um die Geschichte einer schwierigen Liebe. Manchmal wirkt es so, als würden hier zwei Seelenverwandte schreiben, oft aber scheinen sie auch einander zu bekriegen, bewusst zu demütigen. Das ist nicht nur phasenweise, sondern fast durch die gesamte Korrespondenz hindurch quälend zu lesen, wenn zwei, deren Leben doch das Schreiben ist, um jedes Wort ringen müssen, sich verletzen oder anschweigen. Der Abgrund, an dem diese Liebe scheitert, ist die damals jüngste Vergangenheit. Wer auch etwas für die schmerzvolle und die verzweifelte Liebe übrig hat, sollte es unbedingt mit diesem Briefwechsel versuchen.

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Hans Werner Kettenbach: Sterbetage, Diogenes, 244 Seiten.

Die Konstellation „alter Mann liebt junges Mädchen“ ist nicht neu, vielleicht erscheint sie Euch abgedroschen, vielleicht wollt ihr nichts mehr von Lolita lesen, doch glaubt mir: „Sterbetage“ von 1986 ist eines der schönsten zu unrecht unbekannten Bücher, die es da draußen gibt. Die Liebe zwischen Herrn Kamp und Claudia ist wie keine zweite.

Heinz Kamp ist 60, verwitwet, arbeitslos und erwartet nichts mehr vom Leben. Still lebt er in seiner kleinen Wabe in einem westdeutschen Hochhaus mit 150 anderen Parteien zusammen. Nachts, wenn er nicht schlafen kann, geht Kamp allein spazieren. Auch in einer eisigen Januarnacht ist er unterwegs und begegnet Claudia, Studentin, viel zu dünn angezogen, die die letzte Straßenbahn verpasst hat. Kamp bietet ihr an – zögernd, weil er ihr keine Angst machen will – bei ihm auf die erste Bahn am Morgen zu warten. Und zu Kamps Überraschung wird Claudia nach diesem ersten Besuch immer und immer wieder zu Kamp zurückkehren. Weil sie ihn – liebt? Kamp kann nicht verstehen, was dieses junge Mädchen dazu bringt, sich immer wieder bei ihm zu melden. Er sucht nach rationalen Gründen und findet keine. Zudem taucht Claudia immer wieder für Wochen ab, um dann erneut vor seiner Tür zu stehen. Argwöhnisch geworden beginnt er, versponnene Theorien zu entwickeln: Claudia wolle ihn ausrauben, ihre mögliche Rauschgiftsucht finanzieren. Er traut er ihr alles zu und kann nicht begreifen, dass Claudia nichts dergleichen im Sinn hat, vielleicht, weil Kamp schon zu lange allein und illusionslos gelebt, zu lange nicht geliebt hat. Aus dieser Konstellation entsteht eine ungewöhnliche Beziehung, die nicht billig ist, aber auch nicht rein platonisch bleibt und vor allem von den gemeinsamen Gesprächen lebt.

Mir hat besonders gefallen, wie gut die nüchterne Sprache den grauen Frührentner Kamp trifft, wie vorsichtig erzählt wird und wie bescheiden die beiden Hauptcharaktere sind. Außerdem ist es erquickend, in eine andere, nämlich die analoge Welt der 1980er Jahre, einzutauchen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was vor 30 Jahren zum Lebensstandard gehörte – und was nicht. Was als unverschämt empfunden wurde, wie Alltag aussah, was man unter einem gelungenen Leben verstand. Das ist nicht Thema des Buches, doch 30 Jahre später scheint sich so viel verschoben zu haben, dass es mir beim Lesen auffiel. Nie hat das Buch die große Geste nötig, auch sprachlich ist einfach und zurückhaltend. Alles ist spröde und dennoch zart. „Sterbetage“ ist ein Kleinod über das Verrinnen der Zeit, menschliches Misstrauen und Lebensmüdigkeit und die Kraft, dieses Dunkel zu vertreiben.

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Und zu guter Letzt habe ich noch einen Tipp, den ich mir selbst noch nicht zugelegt, aber bei Dussmann angeschaut habe: “Schreiben Sie mir, oder ich sterbe” heißt der Titel eines  Coffee-Table-Buchs aus dem Piper-Verlag, und der Titel ist Programm: Hier schreiben sich prominente Liebende. Remarque schreibt an Marlene Dietrich und fragt, ob sie “unterwärts” auch warm angezogen sei, Oscar Wilde schreibt und auch Stieg Larsson, Paula Modersohn-Becker, Napoleon und Winston Churchill. Was zum Blättern und staunen, wer wen geliebt hat…

Das war’s von mir, jetzt genießt den Tag!

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Valentine’s Day For Everyone: Best Non-Classic Love Stories Part II

Willkommen zurück, heute geht es weiter mit Teil 2 der Trilogie gebrochener, gekitteter Herzen vor dem Valentinstag. Waren gestern die Bücher unter 200 Seiten dran, geht es heute weiter mit Büchern aus Südamerika und New York und vor allem mit Mädchen, die kaum zur Disney-Prinzessin taugen, sondern das Anarcho-Gen haben und nicht zu stoppen sind. Los geht’s:

Truman Capote: Breakfast At Tiffany’s, Penguin, 98 Seiten.

Natürlich. Jede und jeder kennt den Film. Und man könnte sagen: „Liebe twenty7, hier stimmt Deine Liste aber nicht, das ist doch schließlich ein Klassiker!“ Ich finde ihn aber so wunderschön verquer und noch schöner als den Film, dass das „Frühstück“ doch hier drauf gehört. Und, seid ehrlich: Alle haben den Film gesehen, Aber wer hat danach noch das Buch gelesen? Also verabschiedet Euch, auch wenn es schwer fällt, ganz kurz von Audreys Augenaufschlag und lernt Holly Golightly noch einmal neu kennen.

Die kleine Geschichte ist – weit mehr noch als der Film – voller liebenswürdiger, aber absolut verschrobener Charaktere. Außerdem bekommt man einen viel lebendigeren Eindruck davon, was das New York der späten Fünfzigerjahre für ein abgefahren verrückter Ort gewesen sein muss: voller Jazzbands und Barkeeper mit Armen wie Oktopusse, außerdem verdrogt, verdreckt und verflucht frei. Der Ton ist rotzig und kess, die Feten grandios und Holly ein Charakter für die Ewigkeit. Eine hoffnungslos romantische Kind-Frau mit exzellentem Halbwissen und Eliza-Doolittle-Zügen, der übel mitgespielt wurde. Sie versucht, aus Zitronen Limonade zu machen, ist scheinbar oberflächlich und sehnt sich doch nur nach Nähe. Ein Kind, das nach Wärme sucht und nach Juwelen Ausschau hält. Eine unvergessliche Heldin der anderen Love Story. Sie wird Euch bleiben, I promise!

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Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen, Suhrkamp, 396 Seiten.

Die Geschichte von Ricardo, dem Erzähler des Romans, und dem „bösen Mädchen“ beginnt im Sommer 1950 in Miraflores, einem bürgerlichen Viertel von Lima, der Hauptstadt Perus. Dort tauchen in dem Sommer in dem „der Mambo sie alle hinwegfegte“ zwei Mädchen auf, Lily und Lucie, die die wohlerzogenen peruanischen Jungen das Staunen lehren und ihnen den Kopf verdrehen. Besonders Lily, die wie ein Kreisel tanzt, wie eine Flamme, sich aufsehenerregend kleidet und schmutzige Witze erzählt, hat es den Jungen angetan und „wie ein Mondkalb“ verliebt sich der Erzähler in die 15-Jährige. Lily lässt sich seine Anträge gefallen, ansonsten vieles im Vagen: Ricardo weiß nichts über Lilys Eltern, nichts über ihr Alter und nichts darüber, ob auch sie ihn liebt. Und eines Tages sind die Schwestern plötzlich spurlos verschwunden. Aber Ricardo kann sich ihrer Faszination nicht entziehen, sie nicht vergessen und so wird „das böse Mädchen“ ihn ein ganzes Leben lang verfolgen.

Damit ist der Grundstein für die autobiografisch-fiktionale Geschichte von Vargas Llosa gelegt: „Das böse Mädchen“, geheimnisvoll, schlau und skrupellos, wird an unmöglichsten Stellen im Leben des Ich-Erzählers auftauchen und es jedes Mal wird sie es auf’s Neue schaffen, ihn zu faszinieren und aus seiner gewohnten Bahn zu werfen. Ricardo schlägt eine bürgerliche Karriere als Übersetzer für die UNESCO ein und wir begleiten ihn von den 1950ern bis in die 1980er Jahre. Er ist Chronist seiner Zeit und ihrer Strömungen, nie wirklich im Zentrum, aber nah genug dran, damit auch der Leser etwas an den kubanischen Revolutionären in Paris oder den Hippies in London begegnet. Doch Ricardo bliebe Durchschnittsmensch und Durchschnittserzähler, träte nicht immer wieder „das böse Mädchen“ in sein wohlgeordneten Leben. Die Stationen sind Paris, London, Madrid und Tokio, das „böse Mädchen“ ist Guerilla, Heiratsschwindlerin, Diplomatenehefrau und Drogenschmugglerin.

In ihrer Figur, in der sich Lolita und Felix Krull treffen, liegt der wesentliche Reiz des Buches. Ohne den treuen Liebenden Ricardo würde es nicht funktionieren, klar, aber das böse Mädchen bringt mit ihrem Lebensmotto „Um zu erreichen, was man will, ist jedes Mittel recht.“ den Pfeffer ins Buch und lässt peruanische Tanten die Hände über den Köpfen zusammenschlagen. Niemand ist vor ihr sicher, das „böse Mädchen“ hat scheinbar keine Moral und es macht auf diabolische Art Spaß, ihr beim Vollzug ihrer ruchlosen Pläne zu folgen. Natürlich, man leidet auch mit Ricardo, ballt die Fäuste vor Wut, wenn er wieder auf das Mädchen reingefallen ist und weiß doch ganz genau, dass er, der wirklich liebt, keine andere Chance hat, als ins Verderben zu rennen. Spannend ist bei allem auch die Frage, ob dieses Mädchen nun Opfer oder Täterin ist, und vor allem welche psychologischen Motive sie zu ihrem Handeln treiben. Ist ihr selbst Leid angetan worden…? Die Geschichte einer obsessiven Liebe mit einer Heldin, die jeden um den Finger wickelt, in tausend Verkleidungen schlüpft und nicht zu fassen ist.

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Ich hoffe, Holly und „das böse Mädchen“ begleiten Euch heute durch den Tag und machen den Montag wilder und bunter. Bis morgen!

 

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